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Er hatte es gar nicht abwarten können, das nächste Mal Auto zu fahren. Und kaum hatten sie sich in Lallybroch niedergelassen, hatte er Roger breitgeschlagen, ihn mit dem Morris über die Feldwege fahren zu lassen, auf Rogers Schoß, die kleinen Hände begeistert um das Lenkrad gekrallt.

Roger lächelte ironisch vor sich hin; er konnte wohl von Glück sagen, dass sich Jem diesmal noch zu Fuß davongemacht hatte – ein oder zwei Jahre weiter würde er bestimmt groß genug sein, um an die Pedale zu kommen. Am besten gewöhnte er sich allmählich daran, den Autoschlüssel zu verstecken.

Er befand sich jetzt weit oberhalb der Farm und verlangsamte sein Tempo, um nach oben zu blicken. Brianna hatte gesagt, die Höhle befände sich am Südhang des Hügels etwa fünfzehn Meter oberhalb eines großen, weißlichen Felsens, den die Einheimischen »Leap o’ the Cask« nannten – weil der Bedienstete des Dunbonnets, der seinen Herrn in seinem Versteck mit Ale versorgen wollte, dort einmal auf eine Gruppe englischer Soldaten gestoßen war. Weil er sich weigerte, ihnen das Fässchen zu überlassen, das er bei sich trug, hatte ihm ein Schwerthieb die Hand abge–

»Großer Gott«, flüsterte Roger. »Fergus. O Gott, Fergus!« Konnte augenblicklich das lachende, zierliche Gesicht vor sich sehen, dunkle Augen, die belustigt funkelten, als er mit dem Haken, den er anstelle seiner fehlenden linken Hand trug, einen zappelnden Fisch aus dem Wasser hob – und das Bild einer kleinen, reglosen Hand, die blutig vor ihm auf dem Pfad lag.

Denn es war hier gewesen. Genau hier. Als er sich umwandte, sah er den Felsen, hoch und rau, ein stummer, unbeirrter Zeuge des Grauens und der Verzweiflung – und der Umklammerung, mit der ihn die Vergangenheit in diesem Moment an der Kehle packte, plötzlich wie die Schlinge des Henkers.

Er hustete krampfhaft, versuchte, seine Kehle freizubekommen, und hörte den heiseren, gespenstischen Ruf eines anderen Hirsches, dicht über ihm auf dem Hang, aber unsichtbar.

Er stürzte sich vom Pfad und presste sich flach an den Felsen. Er konnte doch nicht so schlimm geklungen haben, dass ihn der Hirsch für einen Rivalen hielt? Nein – wahrscheinlich stieg das Tier ja den Hügel hinunter, um seinen Mitstreiter herauszufordern, den Roger gerade gesehen hatte.

Und da; im nächsten Moment kam ein kräftiger Hirsch von oben und suchte sich beinahe leichtfüßig seinen Weg zwischen Heidegebüsch und Felsen hindurch. Es war ein schönes Tier, dem man die Strapazen der Brunftzeit jedoch bereits anzusehen begann; unter dem dichten Fell sah man den Schatten seiner Rippen, und sein Gesicht war eingefallen, die Augen rot vor Schlafmangel und Lust.

Der Hirsch erspähte ihn; der große Kopf fuhr in seine Richtung herum, und Roger sah, wie sich seine wilden, blutunterlaufenen Augen auf ihn richteten. Doch das Tier hatte keine Angst vor ihm; wahrscheinlich war in seinem Hirn kein Platz mehr für irgendetwas anderes außer Kampf und Kopulation. Er reckte den Kopf in Rogers Richtung und brüllte ihn mit solcher Wucht an, dass das Weiße seiner Augen sichtbar wurde.

»Hör zu, Kumpel, wenn du sie haben willst, kannst du sie haben.« Roger wich langsam zurück, doch der Hirsch bedrohte ihn mit gesenktem Geweih. Erschrocken breitete er die Arme aus und wedelte damit, während er den Hirsch anbrüllte; normalerweise wäre das Tier jetzt im Eiltempo geflüchtet. Doch Hirsche in der Brunft waren nicht normal; das Biest senkte den Kopf und ging auf ihn los.

Roger warf sich zur Seite und warf sich am Fuß des Felsens flach auf den Boden. Er quetschte sich so dicht an den Felsen wie irgend möglich, um zu verhindern, dass ihn der aufgebrachte Hirsch zertrampelte. Dieser kam stolpernd ein paar Schritte vor ihm zum Stehen, schlug mit seinem Geweih auf die Heidebüsche ein und prustete wie ein Blasebalg – doch dann hörte er weiter unten das Röhren seines Konkurrenten und riss den Kopf hoch.

Wieder röhrte es unter ihnen, und der Neuankömmling machte auf der Hinterhand kehrt und setzte in einem Sprung über den Pfad hinweg. Sein weiterer Weg nach unten wurde vom Knacken der brechenden Heidezweige und dem Klappern der Steine begleitet, die unter seinen Hufen aufflogen.

Roger rappelte sich auf, und das Adrenalin strömte durch seine Adern wie Quecksilber. Ihm war gar nicht klar gewesen, dass das Rotwild hier zugange war, sonst hätte er keine Zeit damit verschwendet, gemütlich in der Vergangenheit zu schwelgen. Er musste Jem finden, und zwar sofort, bevor der Junge mit einem der Biester zusammenstieß.

Er konnte das Röhren und Scheppern der beiden Rivalen hören, die unter ihm um ihren Harem kämpften, konnte sie aber von seiner Position aus nicht sehen.

»Jem!«, brüllte er, und es war ihm egal, ob er sich anhörte wie ein brünftiger Hirsch oder wie ein Elefantenbulle. »Jem! Wo bist du? Antworte mir sofort!«

»Ich bin hier oben, Pa«, kam Jems Stimme etwas zittrig von oben, und als er herumfuhr, sah er Jem auf dem »Leap o’ the Cask« sitzen, das Netz an seine Brust geklammert.

»Herunter mit dir. Auf der Stelle.« Die Erleichterung kämpfte mit seinem Ärger, siegte jedoch. Er streckte die Arme aus, und Jem ließ sich von seinem Felsen gleiten und landete schwer in den Armen seines Vaters.

Roger grunzte und stellte ihn ab, dann bückte er sich, um das Netz aufzuheben, das auf den Boden gefallen war. Außer dem Brot und der Limonade, so sah er, enthielt es ein paar Äpfel, ein großes Stück Käse und eine Packung Schokoladenkekse.

»Du hattest wohl vor, ein Weilchen zu bleiben, wie?«, fragte er. Jemmy wurde rot und wandte den Blick ab.

Roger drehte sich um und spähte bergauf.

»Da oben ist es, nicht wahr? Die Höhle deines Großvaters?« Er konnte nicht das Geringste sehen; der Berghang war mit Steinen und Heidekraut übersät, zwischen denen Ginstergestrüpp und hier und dort ein Ebereschen- oder Erlenschössling wuchs.

»Aye. Da drüben.« Jemmy zeigte mit dem Finger nach oben. »Siehst du den krummen Hexenbaum?«

Er sah die Eberesche – ein ausgewachsener Baum, der vom Alter verkrüppelt war; er hatte doch wohl nicht schon zu Jamies Zeit hier gestanden, oder? –, entdeckte aber keine Spur vom Eingang der Höhle. Die Kampfgeräusche von unten waren verstummt; er sah sich um, für den Fall, dass der Verlierer wieder hier entlangkam, doch das schien nicht der Fall zu sein.

»Zeig mir die Stelle«, bat er.

Jemmy, der einen zutiefst beklommenen Eindruck gemacht hatte, entspannte sich bei dieser ruhigen Aufforderung ein wenig. Er drehte sich um und kletterte den Hang hinauf, dicht gefolgt von Roger.

Man hätte unmittelbar neben dem Höhleneingang stehen und ihn trotzdem übersehen können.

Er wurde von einem Felsvorsprung und von dichtem Ginster verdeckt; man konnte die schmale Öffnung überhaupt nur ausmachen, wenn man direkt davorstand.

Ein kühler Atemhauch kam aus der Höhle und befeuchtete ihm das Gesicht. Er kniete sich hin, um hineinzublicken: Er konnte zwar nicht sehr weit sehen, doch einladend war es nicht.

»Es ist bestimmt kalt, wenn man hier schläft«, sagte er. Er sah Jem an und wies auf einen Felsbrocken.

»Willst du dich hinsetzen und mir erzählen, was in der Schule passiert ist?«

Jem trat schluckend von einem Bein auf das andere.

»Setz dich hin.« Er erhob die Stimme nicht, ließ aber dennoch keine Zweifel daran, dass er Gehorsam erwartete. Jem setzte sich zwar nicht, schob sich aber rückwärts und lehnte sich an den Felsvorsprung, der die Höhle schützte. Er hielt den Blick gesenkt.

»Ich hab Hiebe bekommen«, murmelte Jem, das Kinn auf der Brust vergraben.

»Oh?« Roger hielt seinen Tonfall beiläufig. »Das ist natürlich gemein. Ich habe in der Schule auch ein- oder zweimal Bekanntschaft mit dem Riemen gemacht. Es war nicht so toll.«

Jem starrte ihn mit riesengroßen Augen an.

»Aye? Wofür denn?«

»Meistens, weil ich mich geprügelt habe«, gestand Roger. Wahrscheinlich hätte er dem Jungen das besser nicht erzählt – schlechtes Beispiel –, doch es war die Wahrheit. Und wenn Jems Problem eine Prügelei war …

»Ist es das, was heute passiert ist?« Er hatte beim Hinsetzen einen flüchtigen Blick auf Jem geworfen und betrachtete ihn jetzt noch einmal genauer. Jem schien nicht ernsthaft verletzt zu sein, doch als der Junge den Kopf abwandte, konnte Roger sehen, dass irgendetwas mit seinem Ohr nicht stimmte. Es war dunkelrot angelaufen, und das Ohrläppchen war beinahe blau. Er unterdrückte einen Ausruf und wiederholte nur: »Was ist passiert?«