»Jacky McEnroe hat gesagt, wenn du hörst, dass ich Hiebe bekommen habe, verprügelst du mich noch einmal, wenn ich nach Hause komme.« Jem schluckte, doch jetzt blickte er seinen Vater direkt an. »Wirst du das tun?«
»Ich weiß es nicht. Ich hoffe, ich brauche es nicht.«
Er hatte Jemmy bis jetzt ein einziges Mal den Hintern gegerbt – ihm war nichts anderes übrig geblieben –, und es war eine Erfahrung, die sie beide nach Möglichkeit nicht wiederholen wollten. Er streckte die Hand aus und berührte Jem sanft an seinem brennenden Ohr.
»Sag mir, was passiert ist, mein Sohn.«
Jem holte tief Luft und blies seine Wangen auf, dann atmete er resigniert aus.
»Aye. Na ja, es hat damit angefangen, dass Jimmy Glassock gesagt hat, Mama und ich und Mandy, wir kommen alle in die Hölle.«
»Und?« Das überraschte Roger nicht besonders; schottische Presbyterianer waren nicht gerade für ihre religiöse Toleranz bekannt, und die Gattung hatte sich in den letzten zweihundert Jahren nicht sehr verändert. Zwar wurden sie im Allgemeinen wahrscheinlich durch ihre guten Manieren daran gehindert, ihren katholischen Bekannten zu sagen, dass sie geradewegs auf die Hölle zusteuerten – doch das hinderte sie nicht daran, genau das zu denken.
»Du weißt doch, was du in einem solchen Fall machen sollst, oder?« Jem hatte in Fraser’s Ridge schon Ähnliches zu hören bekommen – wenn auch eher im Stillen, Jamie Frasers wegen. Doch sie hatten darüber gesprochen, und Jem wusste eigentlich, wie er reagieren sollte, wenn jemand dieses Thema aufs Tapet brachte.
»Oh, aye.« Jem zuckte mit den Achseln und senkte den Blick wieder auf seine Schuhe. »Ich soll einfach sagen: ›Aye, schön, dann sehen wir uns ja dort.‹ Das habe ich auch getan.«
»Und?«
Tiefes Aufseufzen.
»Ich habe es auf Gälisch gesagt.«
Roger kratzte sich verwundert hinter dem Ohr. Gälisch wurde zwar in den Highlands zunehmend seltener, doch es war vielen Leuten immer noch so geläufig, dass man es hin und wieder in der Kneipe oder im Postamt hörte. Ein paar von Jems Klassenkameraden kannten es mit Sicherheit von ihren Großeltern, doch selbst wenn sie nicht verstanden, was er gesagt hatte …?
»Und?«, wiederholte er.
»Und Ms Glendenning hat mich am Ohr gepackt, als ob sie es abreißen wollte.« Bei dieser Erinnerung stieg Jemmy die Röte in die Wangen. »Sie hat mich geschüttelt, Pa!«
»Am Ohr?« Roger spürte, wie auch er nun eine höchst gesunde Gesichtsfarbe annahm.
»Ja!« Tränen der Erniedrigung und der Wut stiegen Jem in die Augen, doch er wischte sie mit seinem Ärmel ab und hieb sich mit der Faust auf das Bein. »Sie hat gesagt, ›Wir … sprechen … hier … nicht … SO! Wir … sprechen … ENGLISCH!‹« Seine Stimme war zwar mehrere Oktaven höher als die der Furcht einflößenden Ms Glendenning, doch er ahmte die Heftigkeit ihres Ausbruchs mehr als eindeutig nach.
»Und dann hat sie dich mit dem Riemen geschlagen?«, fragte Roger ungläubig.
Jem schüttelte den Kopf und wischte sich mit dem Ärmel über die Nase.
»Nein«, sagte er. »Das war Mr Menzies.«
»Was? Warum? Hier.« Er reichte Jem ein zerknülltes Papiertaschentuch aus seiner Tasche und wartete, während sich der Junge die Nase putzte.
»Also … ich war ja schon sauer auf Jimmy, und es hat wehgetan, als sie mich so angepackt hat. Und … na ja, ich bin wütend geworden«, sagte er, und seine blauen Augen funkelten Roger mit einer brennenden Selbstgerechtigkeit an, die so sehr an seinen Großvater erinnerte, dass Roger trotz allem fast gelächelt hätte.
»Und du hast noch etwas zu ihr gesagt, nicht wahr?«
»Aye.« Jem schlug die Augen nieder und rieb mit der Zehenspitze seines Turnschuhs im Staub. »Ms Glendenning kann zwar kein Gaidhlig leiden, aber sie versteht es auch nicht. Mr Menzies schon.«
»O Gott.«
Durch das Geschrei angelockt, war Mr Menzies genau in dem Moment auf den Schulhof gekommen, als Jem Ms Glendenning aus voller Kehle mit einigen der schönsten gälischen Flüche seines Großvaters bedachte.
»Also musste ich mich über einen Stuhl beugen, und er hat dreimal zugeschlagen und mich dann in den Waschraum geschickt, wo ich warten sollte, bis die Schule aus war.«
»Aber du bist nicht dageblieben.«
Jem schüttelte den Kopf, dass seine leuchtenden Haare flogen.
Roger bückte sich und hob das Einkaufsnetz auf. Er kämpfte gegen Entrüstung, Bestürzung, Gelächter und derartiges Mitgefühl an, dass es ihm die Kehle zuschnürte. Nach kurzem Überlegen ließ er sich ein wenig von diesem Mitgefühl anmerken.
»Und jetzt wolltest du von zu Hause weglaufen?«
»Nein.« Jem blickte überrascht zu ihm auf. »Ich wollte nur morgen nicht in die Schule gehen. Dann hätte mich Jimmy ja wieder ausgelacht. Also habe ich gedacht, ich bleibe hier oben bis zum Wochenende, und vielleicht hat sich ja bis Montag alles beruhigt. Vielleicht stirbt Ms Glendenning ja«, fügte er hoffnungsvoll hinzu.
»Und vielleicht wären deine Mutter und ich ja bis dahin so krank vor Sorge, dass du ohne eine zweite Tracht Prügel davonkämst?«
Jems blaue Augen wurden groß vor Überraschung.
»Och, nein. Mama würde mir etwas erzählen, wenn ich ohne ein Wort verschwinde. Ich habe einen Zettel auf mein Bett gelegt. Auf dem steht, dass ich ein oder zwei Tage draußen übernachte.« Das sagte er nun vollkommen beiläufig. Dann bewegte er die Schultern und stand seufzend auf.
»Können wir es hinter uns bringen und nach Hause gehen?«, fragte er, und seine Stimme zitterte kaum merklich. »Ich habe Hunger.«
»Du bekommst von mir keine Prügel«, beruhigte ihn Roger. Er streckte den Arm aus und zog Jemmy an sich. »Komm her, Kumpel.«
Da zerbröckelte Jemmys tapfere Fassade, und er zerfloss in Rogers Armen, weinte ein bisschen vor Erleichterung, ließ sich trösten und kuschelte sich wie ein Hündchen an die Schulter seines Vaters, voller Vertrauen, dass Pa alles in Ordnung bringen würde. Und das würde sein Pa auch tun, schwor sich Roger lautlos. Und wenn er Ms Glendenning dazu mit bloßen Händen erwürgen musste.
»Warum ist es schlimm, wenn man Gaidhlig spricht, Pa?«, murmelte er, erschöpft von seinem Gefühlsaufruhr. »Ich wollte doch nichts Böses tun.«
»Es ist nicht schlimm«, flüsterte Roger und strich Jem das seidige Haar hinter dem Ohr glatt. »Mach dir keine Sorgen. Mama und ich kümmern uns darum. Das verspreche ich dir. Und du brauchst morgen nicht zur Schule.«
Jem seufzte und sackte in sich zusammen wie ein Sack Körner. Dann hob er den Kopf und kicherte leise.
»Meinst du, Mama wird Mr Menzies etwas erzählen?«
Kapitel 27
Tunneltiger
Brianna begriff sofort, dass sich Unheil anbahnte, als der Lichtspalt auf dem Boden zu nichts zusammenschrumpfte, weil sich die riesigen Tore schlossen. Das Echo des Knalls ließ die Luft im Inneren des Tunnels erzittern.
Sie sagte etwas, womit sich Jem sofort eine Mundwäsche eingehandelt hätte, und sie sagte es wutentbrannt – doch sie sagte es leise, denn natürlich war ihr sofort klar, was hier gespielt wurde, als sich die Türen schlossen.
Sie konnte nichts sehen außer den bunten Wirbeln, die die Reaktion ihrer Netzhäute auf die plötzliche Dunkelheit waren, doch sie befand sich nur etwa drei Meter im Tunnelinneren und konnte noch hören, wie die Riegel vorgeschoben wurden; sie wurden durch Räder an der Außenseite der Stahltore bewegt und erzeugten dabei ein knirschendes Geräusch, als ob jemand an einem Knochen nagte. Sie drehte sich vorsichtig um, ging fünf Schritte und streckte die Hände aus. Ja, da waren die Tore; groß, solide, aus Stahl gefertigt und fest verschlossen. Draußen konnte sie Gelächter hören.