»Herr, gib, dass sie sicher sind«, sagte er leise, und seine Hand ruhte auf dem Stein vor dem Eingang. Dann kletterte er hinaus in den warmen Segen der Sonne.
Das merkwürdige Gefühl, willkommen zu sein, irgendwie wahrgenommen worden zu sein, blieb.
»Tja, und jetzt, athair-céile?«, sagte er halb im Scherz. »Soll ich noch irgendwo suchen?«
Noch während er das sagte, begriff er, dass er schon dabei war. Auf dem Gipfel des benachbarten kleinen Hügels sah er die Steinformation, von der ihm Brianna erzählt hatte. Von Menschenhand geschaffen, hatte sie gesagt und vermutet, es wäre vielleicht eine Festung aus der Eisenzeit. Er hatte zwar nicht den Eindruck, dass noch genug davon übrig war, um irgendjemandem Schutz zu bieten, doch in seiner Unruhe stieg er den mit Heide bewachsenen Felsenhang hinunter, platschte durch einen Bach, der am Fuße des Hügels zwischen den Felsen hindurchsprudelte, und kletterte mühselig zu dem antiken Trümmerhaufen empor.
Er war alt – aber nicht alt genug für die Eisenzeit. Was er dort vorfand, sah nach den Ruinen einer kleinen Kapelle aus; auf einen Stein am Boden war ein grobes Kreuz gemeißelt, und am Eingang fand er etwas, das aussah wie die verstreuten Bruchstücke einer steinernen Statue. Die Kapelle war besser erhalten, als er aus der Entfernung gedacht hatte; eine Wand reichte ihm bis zur Taille, und zwei andere waren ebenfalls in Teilen erhalten. Das Dach war schon lange eingefallen und verschwunden, doch ein Stück des Firstbalkens war noch da, das Holz so hart wie Metall.
Nachdem er sich den Schweiß aus dem Nacken gewischt hatte, bückte er sich und hob den Kopf der Statue auf. Keltisch, piktisch? Es war nicht genug übrig, um sagen zu können, was für ein Geschlecht die Statue wohl haben sollte.
Er fuhr sanft mit dem Daumen über die blicklosen Augen der Statue, dann stellte er den Kopf vorsichtig auf die halbe Wand; sie hatte eine Einmuldung, als hätte es dort einmal eine Nische gegeben.
»Okay«, sagte er und fühlte sich verlegen. »Dann bis später.« Wandte sich ab und kletterte den felsigen Hügel bergab nach Hause, immer noch mit diesem seltsamen Gefühl, nicht allein zu sein.
»Suchet, und ihr werdet finden«, sagt die Bibel, dachte er. Und sagte laut in die lebendige Luft hinein: »Aber es gibt keine Garantie, was man dann findet, nicht wahr?«
Kapitel 29
Gespräch mit einem Schuldirektor
Nach einem friedlichen Mittagessen mit Mandy, die ihre Albträume vergessen zu haben schien, kleidete er sich sorgfältig für sein Gespräch mit dem Direktor von Jems Schule an.
Roger war von Mr Menzies überrascht. Er hatte nicht daran gedacht, Brianna zu fragen, was für ein Mensch er war, und hatte etwas Untersetztes, Autoritäres in den mittleren Jahren erwartet, so wie sein eigener Schuldirektor. Stattdessen war Menzies etwa so alt wie er selbst, ein schlanker, hellhäutiger Mann mit Brille, hinter der Roger humorvolle Augen zu sehen glaubte.
Doch auch sein entschlossener Mund entging Roger nicht, und er glaubte, dass es richtig gewesen war, Brianna davon abzuhalten, selbst zu gehen.
»Lionel Menzies«, sagte der Direktor lächelnd. Er hatte einen festen Händedruck und eine freundliche Ausstrahlung, und schon musste Roger seine Strategie revidieren.
»Roger MacKenzie.« Er ließ los und setzte sich auf den Stuhl, den ihm Menzies auf der anderen Seite seines Schreibtischs anbot. »Jems – Jeremiahs – Vater.«
»Oh, aye, natürlich. Ich dachte mir schon, dass ich Sie oder Ihre Frau sehen würde, als Jem heute nicht in der Schule aufgetaucht ist.« Menzies lehnte sich ein wenig zurück und faltete die Hände. »Bevor wir weiterreden – dürfte ich Sie fragen, was Jem Ihnen erzählt hat?«
Roger bekam widerstrebend eine bessere Meinung von dem Mann.
»Er hat gesagt, seine Lehrerin hat gehört, wie er zu einem anderen Jungen etwas auf Gälisch gesagt hat, woraufhin sie ihn am Ohr gepackt und geschüttelt hat. Das hat ihn wütend gemacht, und er hat sie beschimpft – ebenfalls auf Gälisch –, wofür er von Ihnen mit dem Riemen gezüchtigt wurde.« Er hatte den Riemen bereits erspäht, der unauffällig – aber doch gut sichtbar – neben einem Aktenschrank an der Wand hing.
Menzies Augenbrauen hoben sich hinter seinen Brillengläsern.
»Ist es etwa nicht so gewesen?« Erst jetzt fragte sich Roger, ob Jem womöglich gelogen oder bei seiner Schilderung etwas noch Schlimmeres ausgelassen hatte.
»Doch, genau so war es«, sagte Menzies. »Ich habe nur noch nie erlebt, dass ein Elternteil eine so knappe und treffende Zusammenfassung abliefert. Normalerweise bekomme ich erst einen halbstündigen Prolog zu hören, gesammelte Belanglosigkeiten, Hohn, Spott und Widersprüchlichkeiten – wenn beide Eltern kommen – sowie persönliche Angriffe, bevor ich genau ausmachen kann, was das Problem ist. Danke.« Er lächelte, und Roger konnte nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern.
»Es hat mir leidgetan, dass ich dazu gezwungen war«, fuhr Menzies fort, ohne eine Antwort abzuwarten. »Ich kann Jem gut leiden. Er ist schlau, fleißig … und sehr lustig.«
»Das stimmt«, sagte Roger. »Aber –«
»Aber mir ist wirklich nichts anderes übrig geblieben«, unterbrach ihn Menzies entschlossen. »Wenn keiner der anderen Schüler verstanden hätte, was er gesagt hat, hätte eine einfache Entschuldigung vielleicht ausgereicht. Aber – hat er Ihnen erzählt, was er gesagt hat?«
»Nicht im Detail, nein.« Roger hatte nicht weiter nachgefragt; er hatte Jamie Fraser nur drei- oder viermal auf Gälisch fluchen hören – doch es war jedes Mal ein denkwürdiges Erlebnis gewesen, und Jem hatte ein exzellentes Gedächtnis.
»Nun, dann erzähle ich es Ihnen auch nicht, es sei denn, Sie bestehen darauf. Aber es ist so – wahrscheinlich haben ihn nur ein paar seiner Mitschüler verstanden, aber es war klar, dass sie all ihren Freunden genau erzählen würden, was er gesagt hat. Und sie wissen, dass ich es ebenfalls verstanden habe. Ich muss die Autorität meiner Lehrer schützen; wenn das Personal nicht respektiert wird, geht die ganze Schule den Bach hinunter. Hat Ihre Frau mir nicht erzählt, dass Sie selbst einmal als Lehrer gearbeitet haben? Hat sie nicht sogar gesagt, in Oxford? Das ist ja sehr beeindruckend.«
»Das ist Jahre her, und ich habe es nur bis zum Assistenten gebracht, aber es stimmt. Und ich verstehe Sie, auch wenn ich selbst unglücklicherweise ohne die Androhung körperlicher Gewalt für Respekt und Ordnung sorgen musste.« Nicht dass er nicht mit Freuden dem einen oder anderen seiner Zweitsemester in Oxford einen Nasenstüber versetzt hätte …
Menzies betrachtete ihn mit einem ironischen Blinzeln.
»Ich würde sagen, Ihre körperliche Gegenwart hat wahrscheinlich gereicht«, sagte er. »Und da Sie doppelt so kräftig sind wie ich, freut es mich zu hören, dass Sie nicht vorhaben, gewalttätig zu werden.«
»Kommt das denn bei Ihren anderen Eltern vor?«, fragte Roger und zog ebenfalls die Augenbrauen hoch.
»Na ja, bis jetzt hat noch keiner der Väter tatsächlich auf mich eingeschlagen, auch wenn es mir schon ein- oder zweimal angedroht wurde. Aber einmal hat eine Mutter das Familiengewehr mitgebracht.« Menzies wies mit dem Kopf auf die Wand in seinem Rücken, und als Roger genauer hinsah, erkannte er im Putz ein Muster schwarzer Pockennarben, das zum Großteil – aber eben nicht ganz – von einer Landkarte Afrikas verdeckt wurde.
»Immerhin hat sie über Ihren Kopf hinweggeschossen«, sagte Roger trocken, und Menzies lachte.
»Eigentlich nicht«, erklärte er selbstironisch. »Ich habe sie gebeten, das Gewehr vorsichtig abzustellen, und das hat sie getan, aber nicht vorsichtig genug. Ist irgendwie an den Abzug gekommen, und peng! Die arme Frau war völlig fassungslos – allerdings nicht ganz so fassungslos wie ich.«
»Sie machen das wirklich gut«, sagte Roger und lächelte anerkennend über Menzies’ Talent im Umgang mit schwierigen Eltern, Roger selbst nicht ausgeschlossen, doch dann beugte er sich ein wenig vor, um zu signalisieren, dass er das Gespräch jetzt in die Hand zu nehmen gedachte. »Aber ich will mich ja gar nicht – zumindest noch nicht – darüber beschweren, dass Sie Jem den Hintern gegerbt haben. Es geht um das, was dazu geführt hat.«