Menzies holte Luft und nickte, während er die Ellbogen auf den Tisch stützte und seine Hände verschränkte.
»Aye, gut.«
»Ich begreife, dass Sie hinter Ihren Lehrern stehen müssen«, sagte Roger und legte ebenfalls die Hände auf den Schreibtisch. »Aber diese Frau hat meinem Sohn fast das Ohr abgerissen, und zwar für ein Verbrechen, das einfach nur darin bestand, dass er ein paar Worte – Worte, keine Schimpfworte – auf Gaidhlig gesagt hat.«
Menzies’ Blick wurde schärfer, als er Rogers Akzent auffing.
»Ah, er hat es also von Ihnen. Ich habe mich nämlich schon gefragt, ob er es von Ihnen oder von Ihrer Frau hat.«
»Das hört sich an, als würden Sie von einer Krankheit sprechen. Meine Frau ist Amerikanerin – das ist Ihnen doch bestimmt aufgefallen?«
Menzies warf ihm einen belustigten Blick zu – Brianna war ja auffällig genug –, doch er sagte nur: »Aye, es ist mir aufgefallen. Aber sie hat mir gesagt, ihr Vater wäre Schotte, und Highlander dazu. Sprechen Sie es zu Hause?«
»Nein, kaum. Jem hat es von seinem Großvater. Er ist … nicht mehr bei uns«, fügte er hinzu.
Menzies nickte.
»Ah«, sagte er leise. »Aye, ich kann es ebenfalls von meinen Großeltern – mütterlicherseits. Sie sind inzwischen auch tot. Sie waren aus Skye.« Die übliche angedeutete Frage hing zwischen ihnen in der Luft, und Roger beantwortete sie.
»Ich bin in Kyle of Lochalsh geboren, aber ich bin mehr oder weniger in Inverness aufgewachsen. Habe mein Gälisch zum Großteil auf den Fischerbooten im Minch aufgeschnappt.« Und in den Bergen North Carolinas.
Menzies nickte erneut und senkte den Blick zum ersten Mal auf seine Hände, statt Roger anzusehen.
»Sind Sie in den letzten zwanzig Jahren noch einmal auf einem Fischerboot gewesen?«
»Nein, zum Glück nicht.«
Menzies lächelte kurz.
»Sie würden dort heute nicht mehr viel Gälisch hören. Spanisch, Polnisch, Estnisch … jede Menge davon, aber kein Gälisch. Ihre Frau sagt, Sie hätten ein paar Jahre in Amerika verbracht, also ist es Ihnen vermutlich nicht so aufgefallen, aber man hört die Sprache kaum noch in der Öffentlichkeit.«
»Ehrlich gesagt, habe ich nicht besonders darauf geachtet – bis jetzt.«
Menzies nickte erneut vor sich hin, dann nahm er seine Brille ab und rieb sich die Druckstellen, die sie auf seiner Nase hinterlassen hatte. Seine Augen waren blassblau, und ohne die schützende Brille sahen sie auf einmal verletzlich aus.
»Es ist seit Jahren auf dem absteigenden Ast, vor allem in den letzten zehn, fünfzehn Jahren. Die Highlands sind plötzlich Teil des Vereinigten Königreichs – sagt zumindest der Rest des Vereinigten Königreichs –, und zwar auf eine nie da gewesene Art und Weise, und sich eine eigene Sprache zu bewahren, gilt nicht nur als altmodisch, sondern als geradezu schädlich. Es gibt zwar keine politischen Verordnungen zur Ausrottung der Sprache – aber in den Schulen wird mit Nachdruck … davon abgeraten, Gälisch zu sprechen. Natürlich« – er hob eine Hand, um Rogers Antwort zuvorzukommen – »kämen sie damit nicht durch, wenn die Eltern Protest einlegen würden, aber sie tun es nicht. Die meisten von ihnen brennen darauf, dass ihre Kinder Teil der modernen Welt werden, gut Englisch sprechen, gute Jobs bekommen, anderswo nicht auffallen, die Highlands verlassen können … Hier gibt es ja nicht viel für sie, nicht wahr, außer der Nordsee?«
»Die Eltern …«
»Wenn ihre Eltern ihnen noch Gälisch beigebracht haben, geben sie es absichtlich nicht an ihre Kinder weiter. Und wenn sie kein Gälisch können, versuchen sie auch gar nicht, es zu lernen. Es wird als zurückgeblieben und dumm angesehen. Ein Zeichen der Unterklasse.«
»Geradezu barbarisch«, sagte Roger mit einem beißenden Unterton. »Die barbarische Schottenzunge?«
Menzies erkannte Samuel Johnsons herablassende Beschreibung der Sprache seiner Gastgeber im Hochland des achtzehnten Jahrhunderts, und wieder leuchtete das kurze, reumütige Lächeln in seinem Gesicht auf.
»Genau. Es gibt viele Vorurteile – meistens unverhohlen – gegenüber …«
»Jedem Teuchter?« Teuchter war ein Begriff der Lowlandschotten für die Angehörigen des Gaeltacht, des gälischsprachigen Teils der Highlands, und es war die kulturelle Entsprechung für einen Hinterwäldler oder einen Sozialfall.
»Oh, dann wissen Sie also doch Bescheid.«
»Ein wenig.« Es stimmte, selbst in den Sechzigern hatte man Leute, die Gälisch sprachen, mit Verachtung betrachtet und sie öffentlich verhöhnt, doch dies … Roger räusperte sich.
»Davon ganz abgesehen, Mr Menzies«, sagte er und legte eine gewisse Betonung auf das »Mister«. »Ich verwahre mich in aller Deutlichkeit dagegen, dass die Lehrerin meines Sohnes diesen nicht nur zurechtweist, weil er Gälisch gesprochen hat, sondern ihn deswegen sogar körperlich angreift.«
»Ich teile Ihre Bedenken, Mr MacKenzie«, sagte Menzies. Er hob den Kopf, und sein Blick sagte Roger, dass es ihm ernst war. »Ich werde ein paar Worte mit Ms Glendenning sprechen, und ich glaube nicht, dass es noch einmal vorkommen wird.«
Roger erwiderte seinen Blick und hätte am liebsten alles Mögliche gesagt, doch ihm war klar, dass Menzies für das meiste davon keine Verantwortung traf.
»Falls doch«, sagte er ruhig, »werde ich zwar nicht mit einem Gewehr zurückkommen – aber ich werde mit dem Sheriff zurückkommen. Und mit einem Zeitungsfotografen, der dokumentieren kann, wie man Ms Glendenning in Handschellen abführt.«
Menzies blinzelte und setzte seine Brille wieder auf.
»Sind Sie sicher, dass Sie nicht doch lieber Ihre Frau mit dem Familiengewehr schicken möchten?«, fragte er wehmütig, und Roger musste lachen.
»Also gut.« Menzies schob seinen Stuhl zurück und stand auf. »Ich bringe Sie nach draußen; ich muss hier abschließen. Dann sehen wir Jem also am Montag, nicht wahr?«
»Er wird hier sein. Mit oder ohne Handschellen.«
Menzies lachte.
»Nun, um seinen Empfang braucht er sich jedenfalls keine Sorgen zu machen. Da die Kinder, die Gälisch können, ihren Freunden natürlich erzählt haben, was er gesagt hat, und er seine Strafe ohne einen Muckser ertragen hat, betrachtet ihn, glaube ich, seine ganze Klasse jetzt als Robin Hood.«
»O Gott.«
Kapitel 30
Schiffe ziehen in der Nacht vorüber
19. Mai 1777
Der Hai war bestimmt vier Meter lang, ein dunkler, wendiger Umriss, der mit dem Schiff mithielt und im sturmgepeitschten Wasser kaum zu sehen war. Kurz vor der Mittagsstunde war er plötzlich aufgetaucht und hatte mir einen Riesenschreck eingejagt, als ich über die Reling blickte und sah, wie seine Rückenflosse die Wasseroberfläche durchteilte.
»Was ist denn mit seinem Kopf?« Jamie, der auf meinen Schreckensruf hin erschienen war, blickte stirnrunzelnd in das dunkle Wasser. »Er hat da eine Art Auswuchs.«
»Ich glaube, es ist das, was man einen Hammerhai nennt.« Ich klammerte mich fest an die Reling, die von der Gischt schlüpfrig geworden war. Der Kopf des Hais sah aus wie eine Missbildung; ein seltsames, klobiges, stumpfes Ende für einen solch gefährlich eleganten Körper. Doch während wir ihn beobachteten, kam der Hai dichter an die Oberfläche und drehte sich zur Seite, sodass einer der fleischigen Auswüchse und das kalte Auge an seinem Ende kurz aus dem Wasser ragten.
Jamie stieß einen angewiderten Schreckenslaut aus.
»Es ist normal, dass er so aussieht«, teilte ich ihm mit.