»Warum?«
»Wahrscheinlich hatte Gott eines Tages Langeweile.« Das brachte ihn zum Lachen, und ich betrachtete ihn zufrieden. Seine Gesichtsfarbe war gesund, und er hatte mit solchem Appetit gefrühstückt, dass ich das Gefühl hatte, bald auf die Akupunkturnadeln verzichten zu können.
»Was ist das Seltsamste, was du je gesehen hast. Ein Tier, meine ich. Ein nicht menschliches Tier«, fügte ich hinzu, weil ich an Dr. Fentimans gruselige Kollektion eingelegter Missbildungen und »Launen der Natur« denken musste.
»Einfach nur seltsam? Nicht missgebildet, meine ich, sondern so, wie Gott es haben wollte?« Er blickte blinzelnd in die See, dann grinste er. »Der Mandrill im Zoo von Louis von Frankreich. Oder … doch nicht. Vielleicht ein Rhinozeros, obwohl ich noch nie eines mit eigenen Augen gesehen habe. Zählt das auch?«
»Sagen wir, etwas, das du selbst gesehen hast«, schlug ich vor und dachte an die Tierzeichnungen dieser Zeit, die oft sehr von der Fantasie des Künstlers beeinflusst zu sein schienen. »Du hast den Mandrill merkwürdiger gefunden als den Orang-Utan?« Ich erinnerte mich noch daran, wie sehr ihn der Orang-Utan fasziniert hatte, ein Jungtier mit einem ernsten Gesicht, das von ihm nicht minder fasziniert gewesen zu sein schien, was den Herzog von Orleans damals zu einer Reihe scherzhafter Bemerkungen über den Ursprung roter Haare veranlasst hatte.
»Nein, ich habe schon genug Menschen getroffen, die seltsamer ausgesehen haben als der Orang-Utan«, antwortete er. Der Wind hatte die Richtung gewechselt und riss ihm rotbraune Strähnen aus seinem Haarband. Er drehte das Gesicht in den Wind und strich sie zurück. Seine Miene war jetzt nüchterner. »Das Tier hat mir leidgetan; es schien zu wissen, dass es allein war und vielleicht nie wieder einen Artgenossen zu sehen bekommen würde.«
»Vielleicht hat er ja gedacht, du wärst ein Artgenosse«, meinte ich. »Jedenfalls schien er dich zu mögen.«
»Er war ein lieber Kerl«, pflichtete er mir bei. »Als ich ihm eine Orange gegeben habe, hat er mir die Frucht aus der Hand genommen wie ein Christenmensch, sehr zivilisiert. Meinst du …« Seine Stimme erstarb, und sein Blick verschwamm.
»Meine ich –?«
»Oh. Ich dachte nur –« Er sah sich hastig um, doch wir waren außerhalb der Hörweite der Seeleute. »Was Roger Mac gesagt hat, dass Frankreich eine wichtige Rolle bei der Revolution spielt. Ich dachte, ich höre mich ein wenig um, wenn wir in Edinburgh sind. Um zu sehen, ob einige meiner alten Bekannten, die in Frankreich die Hand im Spiel hatten …« Er zog eine Schulter hoch.
»Du denkst doch nicht ernsthaft darüber nach, nach Frankreich zu fahren, oder?«, fragte ich, plötzlich argwöhnisch.
»Nein, nein«, sagte er hastig. »Ich dachte nur – wenn es durch Zufall doch dazu käme, ob der Orang-Utan wohl noch da wäre? Es ist ja schon lange her, aber ich weiß nicht, wie alt sie werden.«
»Nicht so alt wie Menschen, glaube ich, aber sie können ein hohes Alter erreichen, wenn man sich gut um sie kümmert«, sagte ich skeptisch. Die Skepsis galt nicht allein dem Orang-Utan. An den französischen Hof zurückkehren? Der bloße Gedanke ließ meinen Magen Purzelbäume schlagen.
»Er ist tot, weißt du«, sagte Jamie leise. Er wandte mir den Kopf zu und sah mich direkt an. »Louis.«
»Ach ja?«, sagte ich ausdruckslos. »Ich … Wann denn?«
Er senkte den Kopf und stieß ein leises Geräusch aus, das ein Lachen hätte sein können.
»Er ist vor drei Jahren gestorben, Sassenach«, sagte er trocken. »Es hat in den Zeitungen gestanden. Obwohl ich zugeben muss, dass die Wilmington Gazette nicht viel Aufhebens darum gemacht hat.«
»Mir ist es jedenfalls nicht aufgefallen.« Ich spähte zu dem Hai hinunter, der dem Schiff nach wie vor geduldig Gesellschaft leistete. Nach dem ersten überraschten Zusammenzucken hatte sich mein Herz entspannt. Eigentlich empfand ich vor allem Dankbarkeit – und das wiederum überraschte mich sehr.
Ich hatte längst Frieden mit der Erinnerung daran geschlossen, dass ich Louis’ Bett geteilt hatte – für vielleicht zehn Minuten, denn länger hatte es nicht gedauert –, und Jamie und ich hatten längst unseren Frieden miteinander geschlossen, denn nach dem Verlust unserer ersten Tochter Faith und den schrecklichen Ereignissen, die sich vor dem Aufstand in Frankreich zugetragen hatten, hatten wir uns einander wieder zugewandt.
Es war nicht so, dass die Nachricht vom Tod des Königs irgendwie von Bedeutung war – und doch empfand ich Erleichterung, als ob ein irritierendes Musikstück, das die ganze Zeit im Hintergrund gelaufen war, endlich sein gnädiges Ende gefunden hatte und nun die Stille des Friedens im Wind zu mir sang.
»Gott schenke seiner Seele Frieden«, sagte ich mit einiger Verspätung. Jamie lächelte und legte seine Hand auf die meine.
»Fois shìorruidh thoir dha«, wiederholte er. Gott schenke seiner Seele Frieden. »Aber man kommt ins Grübeln, oder? Wie es wohl für einen König sein mag, vor Gott zu treten und Rechenschaft über sein Leben abzulegen. Ich meine, ob es wohl sehr viel schlimmer ist, wenn man für all die Menschen Rede und Antwort stehen muss, die man unter seiner Obhut hatte?«
»Glaubst du denn, das würde er tun?«, fragte ich neugierig – und beklommen zugleich. Ich hatte Louis nicht näher gekannt – abgesehen von jener einen hautnahen Begegnung, und diese war weniger intim als jeder Händedruck gewesen; er hatte mir nicht einmal in die Augen gesehen –, doch er war mir nicht wie ein Mensch vorgekommen, der sich vor Sorge um seine Untertanen verzehrte. »Kann man einen Menschen wirklich für das Wohlergehen eines ganzen Königreichs zur Verantwortung ziehen? Nicht nur für seine eigenen Sünden, meinst du?«
Darüber musste er nachdenken, und die steifen Finger seiner rechten Hand klopften langsam auf die glitschige Reling.
»Ich glaube schon«, sagte er. »Man steht doch auch für das gerade, was man seiner Familie angetan hat, nicht wahr? Sagen wir, man hat seine Kinder im Stich gelassen oder sie dem Hungertod überlassen. Das würde doch gewiss ins Gewicht fallen, denn man ist ja für sie verantwortlich. Wenn man als König geboren wird, hat man die Verantwortung für seine Untertanen. Wenn man schlecht mit ihnen umgeht, dann …«
»Aber wo soll das denn enden?«, protestierte ich. »Wenn man einer Person nützt und einer anderen schadet. Was, wenn man für Menschen verantwortlich ist – sozusagen – und sich ihre Bedürfnisse widersprechen? Was sagst du dazu?«
Er begann zu lächeln.
»Ich würde sagen, ich bin heilfroh, dass ich nicht Gott bin und nicht versuchen muss, über so etwas nachzudenken.«
Einen Moment lang schwieg ich und stellte mir vor, wie Louis vor Gott stand und versuchte, sich für diese zehn Minuten mit mir zu rechtfertigen. Ich war mir sicher, dass er glaubte, das Recht zu haben – ein König war schließlich ein König –, doch andererseits ließen sowohl das siebte als auch das neunte Gebot keinerlei Raum für Zweifel, und sie schienen auch keine Sonderklauseln für Mitglieder von Königshäusern zu enthalten.
»Wenn du dabei wärst«, sagte ich impulsiv, »und im Himmel diesem Gericht beiwohnen würdest – würdest du ihm verzeihen? Ich würde es tun.«
»Wem?«, sagte er überrascht. »Louis?« Ich nickte, und er runzelte die Stirn und rieb sich langsam mit dem Finger über den Nasenrücken. Dann seufzte er und nickte.
»Aye, das würde ich. Es würde mich aber nicht stören, ihn vorher ein wenig zappeln zu lassen«, fügte er finster hinzu. »Eine Mistgabel in den Hintern wäre zum Beispiel nicht schlecht.«
Ich musste lachen, doch bevor ich noch etwas sagen konnte, wurden wir durch den Ausruf »Segel ahoi!« von oben unterbrochen. Waren wir eine Sekunde zuvor noch allein gewesen, so holte dieser Ruf die Seeleute aus allen Löchern und Eingängen wie die Maden aus einem Stück Schiffszwieback. Sie schwärmten in die Takelage aus, um zu sehen, was los war.
Ich reckte den Hals, aber in unmittelbarer Nähe war nichts zu sehen. Doch Ian war mit den anderen nach oben geklettert und landete jetzt dumpf neben uns auf dem Deck. Er war rot vom Wind und vor Aufregung.