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»Ein kleines Schiff, aber es hat Kanonen«, informierte er Jamie. »Unter der Flagge der Union.«

»Ein Marinekutter«, sagte Kapitän Roberts, der ebenfalls neben mir aufgetaucht war und durch sein Teleskop blickte. »Mist!«

Jamie fuhr unbewusst mit der Hand an seinen Dolch und spähte mit zusammengekniffenen Augen über die Schulter des Kapitäns hinweg. Ich konnte jetzt das Segel sehen, das sich von Steuerbord her rapide näherte.

»Können wir sie abhängen, Käpt’n?« Der Bootsmann war zu der Menschenansammlung an die Reling getreten und beobachtete das herannahende Schiff. Es hatte in der Tat Kanonen; ich konnte sechs Stück sehen – und sie waren bemannt.

Der Kapitän überlegte, während er geistesabwesend sein Fernglas auf- und zuschob, dann blickte er in die Takelage hinauf, wohl, um sich auszurechnen, ob es uns gelingen würde, genug Segel zu setzen, um den Verfolger abzuhängen. Der Hauptmast hatte einen Riss; er hatte vorgehabt, ihn in New Haven auszutauschen.

»Nein«, antwortete er finster. »Der Hauptmast bricht, wenn wir ihn zu sehr belasten.« Er schob das Teleskop mit einem entschlossenen Klick zusammen und verstaute es in seiner Tasche. »Wir müssen ihnen die Stirn bieten, so gut wir können.«

Ich fragte mich, wie viel von der Fracht, die Roberts geladen hatte, wohl Schmuggelware war. Sein verschlossenes Gesicht verriet zwar nicht das Geringste, doch unter den Seeleuten war Beklommenheit zu spüren, die sich noch verstärkte, als uns der Kutter jetzt einholte und uns anrief.

Roberts gab den knappen Befehl zum Beidrehen, und mit dem Reffen der Segel verlor das Schiff an Fahrt. Ich konnte Seeleute an den Kanonen und an der Reling des Kutters sehen; ich warf Jamie einen Seitenblick zu, sah, dass er sie zählte, und wandte den Blick wieder ab.

»Ich komme auf sechzehn«, sagte Ian leise.

»Unterbesetzt, gottverdammt«, sagte der Kapitän. Er sah Ian an, schätzte seine Körpergröße und schüttelte den Kopf. »Wahrscheinlich pressen sie in ihren Dienst, was sie können. Tut mir leid, Junge.«

Das vage Alarmgefühl, das ich beim Herannahen des Schiffes empfunden hatte, nahm bei diesen Worten abrupt Form an – und verschärfte sich weiter, als ich sah, wie Roberts Jamie abschätzend betrachtete.

»Ihr glaubt doch nicht, dass sie –«, begann ich.

»Eine Schande, dass Ihr Euch heute Morgen rasiert habt, Mr Fraser«, merkte Roberts, an Jamie gerichtet, an, ohne mich zu beachten. »So seht Ihr zwanzig Jahre jünger aus. Und Ihr seht um einiges gesünder aus als so mancher, der nur halb so alt ist wie Ihr.«

»Ich danke Euch für das Kompliment, Sir«, erwiderte Jamie trocken und hielt ein Auge auf die Reling gerichtet, wo der schiefe Hut des Kutterkapitäns unvermittelt aufgetaucht war wie ein unheilvoller Pilz. Er öffnete seine Gürtelschnalle, zog die Dolchscheide ab und reichte sie mir.

»Heb das für mich auf, Sassenach«, sagte er leise und schloss seinen Gürtel wieder.

Der Kapitän des Kutters, ein untersetzter Mann in den mittleren Jahren mit einer mürrischen Miene und einer vielfach geflickten Hose, ließ seinen durchdringenden Blick kurz über das Deck schweifen, als er an Bord kam, und nickte vor sich hin, als hätte sich gerade sein schlimmster Verdacht bestätigt. Dann wandte er sich um und rief einem halben Dutzend seiner Männer zu, ihm zu folgen.

»Durchsucht den Frachtraum«, sagte er zu seinen Untergebenen. »Ihr wisst ja, wonach ihr suchen müsst.«

»Was ist das für ein Benehmen?«, wollte Kapitän Roberts wütend wissen. »Ihr habt kein Recht, mein Schiff zu durchsuchen! Was glaubt Ihr denn, wer Ihr seid, ein Haufen verdammter Piraten?«

»Sehe ich etwa aus wie ein Pirat?« Der Kapitän des Kutters schien sich von dieser Vorstellung eher geschmeichelt als beleidigt zu fühlen.

»Nun, ein Kapitän der Marine könnt Ihr nicht sein, da bin ich mir sicher«, sagte Roberts kalt. »Ich habe die Marine Seiner Majestät stets als feine Gesellschaft kennengelernt. Jedenfalls nicht die Sorte Männer, die ohne Erlaubnis ein respektables Handelsschiff betreten, ganz zu schweigen davon, dass sie sich nicht einmal vorstellen.«

Der Kutterkapitän schien das komisch zu finden. Er zog seinen Hut ab und verbeugte sich – vor mir.

»Gestatten, Madam«, sagte er. »Kapitän Worth Stebbings, stets zu Diensten.« Er richtete sich auf, stülpte sich den Hut wieder auf den Kopf und nickte seinem Leutnant zu. »Durchkämmt den Frachtraum bis in den letzten Winkel. Und Ihr« – er tippte Roberts mit dem Zeigefinger vor die Brust – »holt Eure Männer an Deck, ganz gleich, wo sie stecken. Alle, verstanden? Wenn ich sie selbst herzerren muss, werde ich alles andere als erfreut sein; ich warne Euch.«

Unten erscholl heftiges Rumpeln und Scheppern, und hin und wieder tauchte ein Seemann auf, um Kapitän Stebbings von seinen Funden zu berichten. Dieser hielt sich unterdessen an der Reling auf und sah zu, wie man die Männer der Teal an Deck zusammentrommelte – unter ihnen auch Ian und Jamie.

»Aber, aber!« Kapitän Roberts ließ nichts unversucht, das musste ich ihm lassen. »Mr Fraser und sein Neffe gehören nicht zur Besatzung; sie sind zahlende Passagiere! Ihr habt kein Recht, freie Männer zu behelligen, die ihren aufrechten Geschäften nachgehen. Und auch kein Recht, meine Leute in Euren Dienst zu pressen!«

»Sie sind britische Untertanen«, unterrichtete ihn Stebbings knapp. »Ich habe jedes Recht dazu. Oder wollt Ihr vielleicht alle behaupten, dass Ihr Amerikaner seid?« Bei diesen Worten zog er eine verächtliche Miene; wenn das Schiff als Rebellenschiff zu betrachten war, konnte er es einfach mitsamt seiner Besatzung als Beute nehmen.

Ein Murmeln durchlief bei diesen Worten die Männer an Deck, und ich sah, wie die Blicke mehrerer Matrosen zu den Belegnägeln an der Reling huschten. Stebbings sah es ebenfalls und gab den Befehl, noch vier seiner Männer an Bord zu schicken – und zwar bewaffnet.

Sechzehn minus sechs minus vier macht sechs, dachte ich und stahl mich ein wenig dichter an die Reling, um einen Blick in den Kutter zu werfen, der sich unter uns in der Dünung wiegte und mit einem Tau an der Teal befestigt war. Wenn die sechzehn Kapitän Stebbings nicht mit einschlossen. Falls doch …

Ein Mann stand am Steuer, das kein Rad war, sondern eine Art Steuerknüppel, der aus dem Deck ragte. Zwei weitere hatten eine Kanone bemannt, ein langes Messinggeschütz am Bug, das auf die Bordwand der Teal gerichtet war. Wo waren die anderen? Zwei an Deck. Die anderen wahrscheinlich unten.

Hinter mir hielt Kapitän Roberts Stebbings immer noch eine Moralpredigt, während die Besatzung des Kutters Fässer und Bündel über das Deck schleifte und nach einem Seil rief, um sie in den Kutter hinabsenken zu können. Als ich mich umwandte, sah ich, wie Stebbings an der Reihe der Seeleute entlangschritt und vier kräftigen Männern seine Wahl anzeigte. Diese zerrten die Auserwählten aus der Reihe und begannen sofort, sie an den Knöcheln aneinanderzufesseln. Drei Männer waren bereits ausgesucht worden, darunter auch John Smith, der käsebleich und angespannt aussah. Bei seinem Anblick tat mein Herz einen Satz, um dann beinahe ganz stehen zu bleiben, als Stebbings bei Ian anlangte, der ungerührt zu ihm hinunterblickte.

»Nicht schlecht, nicht schlecht«, sagte Stebbings beifällig. »Ein eigensinniger Hurensohn, so wie du aussiehst, aber dich bringen wir schon zur Vernunft. Nehmt ihn!«

Ich sah, wie die Muskeln in Ians Unterarmen hervortraten, als er die Fäuste ballte, doch die Presserbande war bewaffnet, und zwei der Männer hatten ihre Pistolen gezogen. Also trat er vor, wenn auch mit derart finsterem Blick, dass ein klügerer Mann innegehalten hätte. Mir war allerdings aufgefallen, dass Kapitän Stebbings kein kluger Mann war.

Stebbings wählte zwei weitere Männer aus, dann blieb er vor Jamie stehen und betrachtete ihn von oben bis unten. Jamies Gesicht war ausdruckslos – abgesehen davon, dass es ein wenig grün war; es war immer noch windig, und da das Schiff keine Fahrt machte, hob und senkte es sich derart heftig, dass auch bessere Seeleute als er aus der Ruhe geraten wären.