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»Der ist schön kräftig, Sir«, sagte einer der Presser beifällig.

»Bisschen alt«, wandte Stebbings skeptisch ein. »Und mir gefällt seine Visage nicht.«

»Eure gefällt mir auch nicht besonders«, informierte Jamie ihn freundlich. »Wenn mir Eure Handlungsweise nicht schon verraten würde, dass Ihr ein alter Feigling seid, Sir, würde ich spätestens an Eurem dummen Gesicht erkennen, dass Ihr ein nichtsnutziger Hasenfuß seid.«

Stebbings’ geschmähtes Gesicht verlor vor Erstaunen jeden Ausdruck, dann verfinsterte es sich vor Wut. Ein oder zwei seiner Männer grinsten hinter seinem Rücken, löschten diese Miene jedoch hastig aus ihren Gesichtern, als er herumfuhr.

»Nehmt ihn mit«, knurrte er die Presserbande an und steuerte dann auf die gesammelte Beute an der Reling zu. »Und seht zu, dass ihr ihn unterwegs ein paarmal fallen lasst.«

Ich erstarrte vor Schreck. Natürlich konnte Jamie nicht zulassen, dass sie Ian mitnahmen, aber er konnte doch wohl auch nicht vorhaben, mich mitten im Atlantik allein zu lassen.

Nicht einmal mit seinem Dolch in der Rocktasche und meinem eigenen Messer in der Scheide an meinem Bein.

Kapitän Roberts hatte diese kleine Vorstellung mit offenem Mund beobachtet, obwohl ich nicht sagen konnte, ob aus Respekt oder vor Erstaunen. Er war ein kleiner Mann, ziemlich rundlich und eindeutig nicht für körperliche Auseinandersetzungen gebaut, doch er schob das Kinn vor, stapfte zu Stebbings hinüber und packte ihn am Ärmel.

Die Besatzung schob ihre Gefangenen über die Reling.

Mir blieb keine Zeit, mir etwas Besseres einfallen zu lassen.

Ich packte die Reling und wälzte mich mehr oder weniger elegant mit wehenden Röcken hinüber. Eine Schrecksekunde lang hing ich an den Händen und spürte, wie meine Finger über das nasse Holz glitten, während ich mit den Zehen nach der Strickleiter tastete, die die Besatzung des Kutters über die Reling geworfen hatte. Eine Bewegung des Schiffes schleuderte mich gegen die Wand; ich verlor den Halt und fiel ein Stück, doch knapp über dem Deck des Kutters bekam ich die Leiter zu fassen, an der ich ein Stück hinunterrutschte.

Der Strick verbrannte mir durch die rasche Reibung die rechte Hand, und es fühlte sich an, als hätte ich mir die Handfläche abgehäutet, doch ich hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. Jeden Moment würde mich jemand von der Kutterbesatzung sehen und …

Ich passte meinen Absprung so ab, dass er mit dem nächsten Wellenberg zusammenfiel, ließ los und landete wie ein Sack Steine. Ein scharfer Schmerz durchfuhr die Innenseite meines rechten Knies, doch ich rappelte mich stolpernd auf und steuerte schwankend auf die Luke zu, die unter Deck führte.

»Hallo! Ihr da! Was macht Ihr da?« Einer der Kanoniere hatte mich gesehen. Er starrte mich an und konnte sich nicht entscheiden, ob er herunterkommen und sich mit mir befassen oder bei seiner Kanone bleiben sollte. Sein Kamerad sah sich nach mir um und brüllte den anderen an zu bleiben, wo er war. Dies hier sei schließlich keine Spielerei, röhrte er. »Bleib, wo du bist, gottverdammt.«

Ich beachtete die beiden nicht. Mein Herz schlug so heftig, dass ich kaum atmen konnte. Was jetzt? Was sollte ich tun? Jamie und Ian hatte man mit den anderen abtransportiert, und sie waren verschwunden.

»Jamie!«, rief ich, so laut ich konnte. »Ich bin hier!« Dann rannte ich auf das Tau zu, das den Kutter mit der Teal verband, und riss dabei meine Röcke hoch. Zwar tat ich das nur, weil sie sich bei meinem blamablen Abstieg verknotet hatten und ich nicht an das Messer an meinem Oberschenkel gelangen konnte, doch ich schien damit den Steuermann zu verstören, der sich bei meinem Ruf umgewandt hatte.

Er riss das Maul auf wie ein Goldfisch, war aber so geistesgegenwärtig, das Ruder nicht loszulassen. Unterdessen bekam ich das Seil zu fassen und stieß mein Messer in den Knoten, um ihn Strähne für Strähne aufzubohren.

Roberts und seine Mannschaft machten glücklicherweise oben auf der Teal solchen Lärm, dass die Rufe des Steuermanns und der Kanoniere darin untergingen. Einer der Letzteren kam nun endlich zu einem Entschluss, nachdem er noch einen verzweifelten Blick zur Teal geworfen hatte, und sprang mit einem Satz vom Bug auf mich zu.

Was würde ich jetzt für eine Pistole geben?, dachte ich grimmig. Doch ein Messer war alles, was ich hatte, und ich zerrte es aus dem halb gelösten Knoten und stieß es dem Mann in die Brust, so fest ich konnte. Er riss die Augen weit auf, und ich spürte, wie das Messer auf einen Knochen traf und sich in meiner Hand verdrehte, während es durch sein Inneres rutschte. Er fiel mit einem Schrei rücklings um und landete krachend an Deck, wobei er mein Messer fast mitgerissen hätte.

»Tut mir leid«, ächzte ich und machte mich keuchend wieder daran, den widerspenstigen Knoten zu bearbeiten, der jetzt mit Blut verschmiert war. Aus der Luke kamen Geräusche. Jamie und Ian waren zwar nicht bewaffnet, doch ich ging davon aus, dass dies auf so engem Raum auch keine große Rolle spielte.

Das Seil gab widerstrebend nach. Ich riss die letzte Strähne los, und es klatschte gegen die Bordwand der Teal. Augenblicklich begann die Strömung, die Schiffe voneinander zu trennen, und der kleinere Kutter glitt an der großen Schaluppe vorüber. Wir bewegten uns zwar alles andere als schnell, doch die Illusion großer Geschwindigkeit ließ mich stolpern, und ich klammerte mich an die Reling, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Der verletzte Kanonier hatte sich aufgerappelt und kam jetzt auf mich zu, stolpernd, aber außer sich vor Wut. Er blutete, jedoch nicht heftig, und er war alles andere als außer Gefecht gesetzt. Ich trat rasch zur Seite und warf einen Blick auf die Luke. Ich war unermesslich erleichtert, als ich Jamie herauskommen sah.

Er war mit drei Schritten bei mir.

»Schnell, meinen Dolch.«

Im ersten Moment starrte ich ihn verständnislos an, doch dann begriff ich, was er meinte, und diesmal gelang es mir ohne große Umstände, in meine Tasche zu fassen. Ich zerrte am Griff des Dolches, doch er hatte sich im Stoff verwickelt. Jamie packte ihn und zerrte ihn heraus, wobei er sowohl meine Tasche als auch das Taillenband meines Rockes zerriss – fuhr herum und verschwand wieder im Bauch des Schiffes. Sodass ich mit einem verletzten und einem unverletzten Kanonier allein blieb – der jetzt vorsichtig von seinem Posten herunterkam – und dem Steuermann, der hysterisch brüllte, irgendjemand sollte irgendetwas mit irgendeinem Segel anstellen.

Ich schluckte und nahm das Messer fest in die Hand.

»Zurück«, sagte ich so laut und gebieterisch, wie ich konnte. Angesichts meiner Atemnot, des Windes und des allgemeinen Lärms bezweifelte ich, dass sie mich hörten. Andererseits glaube ich auch nicht, dass es eine Rolle gespielt hätte, wenn sie mich gehört hätten. Ich zerrte mir mit einer Hand den rutschenden Rock hoch und hob entschlossen das Messer, um ihnen anzuzeigen, dass ich wusste, wie ich es benutzen musste. Denn das wusste ich wahrhaftig.

Hitzewellen liefen über meine Haut, und ich spürte, wie der Schweiß meine Kopfhaut kitzelte, um dann im kalten Wind augenblicklich zu trocknen. Doch die Panik war vorüber; mein Kopf war völlig klar und sehr weit weg.

Ihr werdet mich nicht anrühren, war mein einziger Gedanke. Der Mann, den ich verletzt hatte, hielt sich vorsichtig auf Abstand. Der andere Kanonier sah nichts als eine Frau und machte sich nicht einmal die Mühe, sich zu bewaffnen, sondern streckte einfach in wütender Verachtung die Arme nach mir aus. Ich sah, wie das Messer blitzschnell auffuhr und sich wie von selbst durch die Luft schwang, der Schimmer der Klinge vom Blut gedämpft, als sie ihm quer über die Stirn fuhr.