Das Blut strömte ihm über das Gesicht und blendete ihn, und er stieß einen erstickten Schrei des Schmerzes und des Erstaunens aus, bevor er zurückwich, beide Hände vor das Gesicht gepresst.
Ich zögerte einen Moment, weil ich mir nicht sicher war, was ich als Nächstes tun sollte, während mir das Blut wild in den Schläfen hämmerte. Das Schiff trieb auf dem Wasser dahin und hob und senkte sich auf den Wellen; ich spürte, wie der mit Gold bepackte Saum meines Rockes über die Deckplanken schleifte, und wieder zog ich mir gereizt das zerrissene Taillenband hoch.
Da entdeckte ich einen Belegnagel, der in seinem Loch in der Reling steckte. Ich bewegte mich darauf zu, als ob ich zurückweichen wollte, und steckte mir dabei das Messer in die Korsettstangen meines Mieders, weil ich keinen besseren Aufbewahrungsort dafür hatte. Dann packte ich den Belegnagel mit beiden Händen, riss ihn mit einem Ruck aus der Nagelbank und hielt ihn wie einen kurzen Baseballschläger vor mich. Mit einem plötzlichen Schwung holte ich aus und ließ ihn mit aller Kraft auf den Schädel des Mannes niedersausen, dem ich das Gesicht verletzt hatte. Der Holzstab prallte mit einem hohlen Geräusch an seinem Schädel ab, und er stolperte seitwärts davon und stieß mit dem Mast zusammen.
Jetzt hatte der Steuermann offenbar genug. Er ließ sein Steuer Steuer sein, sprang von seinem Posten und stürzte auf mich zu wie ein wild gewordener Affe, ein Bündel grapschender Gliedmaßen und gefletschter Zähne. Ich versuchte, ihn mit dem Belegnagel zu treffen, doch er war mir schon ein Stück weit entglitten, als ich auf den Kanonier einschlug, und jetzt rutschte er mir vollends aus der Hand. Polternd rollte er über das schwankende Deck davon, während sich der Steuermann auf mich stürzte.
Er war klein und dünn, doch sein Gewicht warf mich nach hinten, und wir kollerten beide auf die Reling zu; ich prallte mit dem Rücken dagegen, und mir blieb die Luft weg, denn der Aufprall kam einem Hieb in die Nierengegend gleich. In Sekunden durchfuhr mich brennender Schmerz, und ich wand mich unter dem Mann und glitt zu Boden. Er sank ebenfalls auf das Deck und tastete zielsicher nach meiner Kehle. Ich hieb so verzweifelt mit den Armen nach ihm, dass ich mich an seinem Schädel verletzte.
Der Wind rauschte mir in den Ohren; ich hörte nichts als atemlose Flüche, raue Keuchlaute, die genauso gut von mir wie von ihm stammen konnten, und dann schlug er meine Hände beiseite, packte mich mit einer Hand am Hals und drückte unter meinem Kinn fest mit dem Daumen zu.
Es tat weh, und ich versuchte, mit dem Knie nach ihm zu treten, doch meine Beine hingen in meinem Rock fest und wurden von seinem Gewicht zu Boden gedrückt. Mir wurde schwarz vor Augen, und in der Finsternis glühten kleine goldene Funken auf, ein winziges Feuerwerk als Vorbote meines Todes. Irgendjemand stieß leise Jammerlaute aus, und ich begriff, dass ich es sein musste. Der Druck an meinem Hals nahm zu, und es wurde schwarz um mich.
Ich erwachte mit dem verwirrenden Gefühl, zugleich Todesangst zu haben und in den Schlaf gewiegt zu werden. Mein Hals schmerzte, und als ich zu schlucken versuchte, hustete ich gequält.
»Dir fehlt nichts, Sassenach.« Jamies Stimme kam aus dem trüben Licht, das mich umgab – wo war ich –, und seine Hand drückte mir beruhigend den Unterarm.
»Wenn du … das … sagst«, krächzte ich, und die Anstrengung trieb mir das Wasser in die Augen. Ich hustete. Das schmerzte zwar, schien aber ein wenig zu helfen. »Was …?«
»Trink einen Schluck Wasser, a nighean.« Eine große Hand umfasste meinen Kopf, um ihn ein wenig anzuheben, und der Hals einer Feldflasche drückte sich an meine Lippen. Es schmerzte zwar, das Wasser hinunterzuschlucken, doch das kümmerte mich nicht; meine Lippen und meine Kehle waren ausgetrocknet und schmeckten nach Salz.
Allmählich gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. Ich konnte Jamies gebückten Umriss unter einer niedrigen Decke sehen, und über mir befanden sich Deckenbalken – nein, Dielen. Ein kräftiger Geruch nach Teer und fauligem Wasser. Schiff. Natürlich, wir befanden uns im Inneren eines Schiffs. Aber welches Schiffs?
»Wo …?«, flüsterte ich und schwenkte meine Hand.
»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, sagte er und klang ziemlich gereizt. »Die Männer von der Teal bedienen die Segel – hoffe ich –, und Ian hält einem der Marinesoldaten eine Pistole an den Kopf, damit er steuert, aber der Mann könnte uns genauso gut mitten aufs Meer hinausfahren.«
»Ich habe gemeint … welches … Schiff.« Obwohl mir seine Worte das hinreichend verdeutlicht hatten; wir mussten uns auf dem Marinekutter befinden.
»Sie haben gesagt, ihr Name ist Pitt.«
Ich sah mich glasig in meiner finsteren Umgebung um, und meine Wahrnehmung der Realität bekam einen weiteren Schlag versetzt, als ich ein großes scheckiges Bündel sah, das dicht hinter Jamie in der trüben Luft zu hängen schien. Ich setzte mich abrupt auf – oder ich versuchte es zumindest, denn erst jetzt begriff ich, dass ich in einer Hängematte lag.
Jamie packte mich mit einem alarmierten Ausruf gerade noch rechtzeitig an der Taille, um zu verhindern, dass ich kopfüber hinausfiel. An ihn geklammert, fand ich das Gleichgewicht wieder, und in diesem Moment erkannte ich, dass das, was ich für einen riesigen Kokon gehalten hatte, in Wirklichkeit ein Mann war, der ebenfalls in einer Hängematte von der Decke hing, allerdings wie die Mahlzeit einer Spinne zusammengeschnürt und geknebelt war. Sein Gesicht presste sich gegen das Netz und funkelte mich an.
»Ach du lieber Himmel«, krächzte ich und legte mich schwer atmend zurück.
»Möchtest du dich noch etwas ausruhen, Sassenach, oder soll ich dich auf die Beine stellen?«, fragte Jamie hörbar ungeduldig. »Ich möchte Ian nicht zu lange allein lassen.«
»Nein«, sagte ich und kämpfte mich wieder hoch. »Bitte hilf mir hier heraus.« Der Raum – die Kajüte, was auch immer es war – drehte sich nicht nur um mich, sondern er schwankte auch auf und ab, und ich musste mich einen Moment mit geschlossenen Augen an Jamie klammern, bis mein innerer Kreisel zur Ruhe kam.
»Kapitän Roberts?«, fragte ich. »Die Teal?«
»Weiß der Himmel«, sagte Jamie knapp. »Wir sind geflüchtet, so schnell ich die Männer dazu bringen konnte, dieses Schiff zu segeln. Es ist gut möglich, dass sie uns auf den Fersen sind, aber ich habe mich umgesehen und konnte nichts erspähen.«
Allmählich ließ mein Schwindelgefühl nach, obwohl mir das Blut bei jedem Herzschlag immer noch schmerzhaft durch Hals und Schläfen pulste; ich konnte die blauen Flecken an meinen Ellbogen und Schultern fühlen und eine deutlich spürbare breite Prellung in meinem Rücken von meinem Sturz gegen die Reling.
»Wir haben die Besatzung zum Großteil in den Frachtraum gesperrt«, sagte Jamie und wies kopfnickend auf den Mann in der Hängematte, »bis auf diesen Kerl hier. Ich wusste nicht, ob du erst einen Blick auf ihn werfen wolltest. Medizinisch, meine ich«, fügte er hinzu, als er sah, dass ich ihn nicht verstand. »Obwohl ich nicht glaube, dass er schwer verletzt ist.«
Ich wankte auf den Mann in der Hängematte zu und sah, dass es der Steuermann war, der versucht hatte, mich zu erwürgen. Er hatte eine dicke Beule auf der Stirn, und an einem seiner Augen bildete sich gerade ein monströses Veilchen, doch nach allem, was ich sehen konnte, als ich mich im Zwielicht über ihn beugte, waren seine Pupillen gleich groß, und er atmete so regelmäßig, wie es mit dem Lumpen möglich war, den man ihm in den Mund gestopft hatte. Einen Moment lang stand ich da und starrte ihn an. Es war schwer zu sagen – das einzige Licht kam durch ein Prismenglas, das oben in das Deck eingelassen war –, doch ich hatte den Eindruck, dass das, was ich für ein böses Funkeln gehalten hatte, in Wirklichkeit nur ein Ausdruck der Verzweiflung war.
»Müsst Ihr vielleicht pinkeln?«, erkundigte ich mich höflich.
Der Mann und Jamie stießen beinahe identische Laute aus, obwohl es im ersten Fall das Stöhnen eines Mannes in Not war und in Jamies Fall ein enervierter Ausruf.