»In Gottes Namen!«, sagte er und packte meinen Arm, den ich nach dem Mann ausgestreckt hatte. »Ich kümmere mich um ihn. Geh nach oben.« Seinem strapazierten Tonfall war anzumerken, dass sein Geduldsfaden kurz vor dem Zerreißen war, und es war sinnlos, mit ihm zu diskutieren. Ich ließ die beiden allein und stieg vorsichtig die Treppe zur Luke hinauf, begleitet von gälischem Gemurmel, das ich gar nicht erst zu übersetzen versuchte.
Der Wind war so heftig, dass ich alarmierend ins Wanken geriet, als er sich in meinen Röcken verfing. Doch ich packte ein Tau und hielt mich fest, um mir von der frischen Luft den Kopf freipusten zu lassen, bevor ich mich stabil genug für den Weg zum Heck fühlte. Dort fand ich Ian, der wie angekündigt auf einem Fass saß und eine geladene Pistole nachlässig auf dem Knie liegen hatte, während er sich anscheinend in aller Freundschaft mit dem Seemann am Steuer unterhielt.
»Tante Claire! Geht es dir wieder gut?«, fragte er. Dabei sprang er auf und winkte mich zu seinem Fass.
»Ja«, sagte ich und nahm das Angebot an. Ich glaubte zwar nicht, dass etwas in meinem Knie gerissen war, aber ein wenig schmerzhaft fühlte es sich doch an. »Claire Fraser«, sagte ich und nickte dem Herrn am Steuer freundlich zu – es war ein Schwarzer, dessen Gesicht mit kunstvollen Tätowierungen verziert war, obwohl er vom Hals abwärts normale Seemannskleidung trug.
»Guinea Dick«, sagte er mit einem breiten Grinsen, bei dem er – ohne jeden Zweifel – spitz gefeilte Zähne zeigte. »Diener, Ma’m!«
Einen Moment lang betrachtete ich ihn mit offenem Mund, doch dann gewann ich meine Selbstkontrolle zumindest ansatzweise zurück und lächelte ihn an.
»Wie ich sehe, holt sich Seine Majestät Seine Seeleute, wo er sie finden kann«, murmelte ich Ian zu.
»So ist es. Mr Dick hier wurde auf einem Piratenschiff aus Guinea in den Dienst gepresst. Dort hatte man ihn von einem Sklavenschiff geholt, das ihn wiederum aus einem Sklavenlager an der Küste Guineas hatte. Ich bin mir nicht sicher, ob er die Unterbringung auf einem Schiff Seiner Majestät für eine Verbesserung hält – aber er sagt, er hat nichts dagegen, mit uns zu kommen.«
»Und traust du ihm über den Weg?«, fragte ich in stockendem Gälisch.
Ian warf mir einen leicht schockierten Blick zu.
»Natürlich nicht«, erwiderte er in derselben Sprache. »Und bitte sei so gut, ihm nicht zu nahe zu kommen, Frau des Bruders meiner Mutter. Er sagt zwar, er isst kein Menschenfleisch, doch das bedeutet nicht, dass er ungefährlich ist.«
»Schön«, sagte ich jetzt wieder auf Englisch. »Was ist denn aus –«
Bevor ich meine Frage beenden konnte, brachte mich ein lauter Plumps an Deck dazu, mich umzudrehen, und ich sah John Smith – den Herrn der fünf Ohrringe –, der aus der Takelage gesprungen war. Er lächelte ebenfalls, als er mich sah, doch seine Miene war angespannt.
»Alles gut bis jetzt«, sagte er zu Ian und tippte sich, an mich gewandt, an die Stirn. »Geht es Euch gut, Ma’am?«
»Ja.« Ich blickte zum Heck, entdeckte aber nichts außer lebhaften Wellen. In allen anderen Richtungen sah es genauso aus. »Äh … Wisst Ihr zufällig, wohin wir unterwegs sind, Mr Smith?«
Er blickte ein wenig überrascht drein.
»Aber nein, Ma’am. Der Kapitän hat es uns nicht gesagt.«
»Der Kap–«
»Er meint Onkel Jamie«, sagte Ian, und es klang belustigt. »Erbricht er sich eigentlich gerade dort unten?«
»Nicht, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe.« Mich beschlich langsam ein ungutes Gefühl. »Soll das heißen, dass niemand an Bord dieses Schiffes die geringste Ahnung hat, wohin wir unterwegs sind – oder auch nur, auf welchem Kurs wir uns befinden?«
Beredtes Schweigen folgte meiner Frage.
Ich hustete.
»Der, äh, Kanonier. Nicht der mit der verletzten Stirn – der andere. Weißt du, wo er ist?«
Ian wandte sich ab und blickte auf das Wasser hinaus.
»Oh«, sagte ich. An der Stelle, auf die der Mann gestürzt war, nachdem ich auf ihn eingestochen hatte, befand sich ein großer Blutfleck auf dem Deck. »Oh«, sagte ich noch einmal.
»Wobei mir wieder einfällt, Tante Claire – ich habe das hier an Deck gefunden.« Ian zog mein Messer aus seinem Gürtel und reichte es mir. Ich sah, dass es gereinigt worden war.
»Danke.« Ich schob es durch den Schlitz in meinen Röcken wieder in seine Scheide, die immer noch an meinem Bein befestigt war, obwohl mir jemand den zerrissenen Rock mit der Tasche ausgezogen hatte – ich dachte an das Gold und hoffte, dass es Jamie gewesen war. Ich fühlte mich höchst merkwürdig, als wären meine Knochen mit Luft gefüllt. Wieder hustete und schluckte ich und massierte mir den wunden Hals, bevor ich auf unser brisantes Thema zurückkam.
»Also weiß niemand, wohin wir fahren?«
John Smith lächelte schwach.
»Nun, wir fahren nicht aufs offene Meer hinaus, Ma’am, falls Ihr das befürchtet habt.«
»Das habe ich. Woher wisst Ihr das?«
Sie lächelten alle drei.
»Sonne da drüben«, sagte Mr Dick und wies schulterzuckend auf den fraglichen Himmelskörper. Dann wies er kopfnickend in dieselbe Richtung. »Dann Land auch da.«
»Ah.« Nun, das war schon einmal beruhigend. Und da »Sonne da drüben« stand – und tatsächlich rasch im Westen versank –, bedeutete dies, dass wir nach Norden fuhren.
An diesem Punkt mischte sich Jamie unter das Volk. Er sah blass aus.
»Kapitän Fraser«, sagte Smith respektvoll.
»Mister Smith.«
»Befehle, Käpt’n?«
Jamie starrte ihn verständnislos an.
»Es würde mich freuen, wenn wir nicht sinken. Schafft Ihr das?«
Mr Smith versuchte erst gar nicht, sich das Grinsen zu verkneifen.
»Wenn wir nicht wieder mit einem Schiff zusammenstoßen oder mit einem Wal, Sir, können wir, glaube ich, weiterschwimmen.«
»Gut. Dann seid so gut und passt auf.« Jamie wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und richtete sich auf. »Gibt es einen Hafen, den wir im Lauf des morgigen Tages erreichen könnten? Der Steuermann sagt zwar, es gibt Wasser und Lebensmittel für drei Tage, aber je weniger wir davon brauchen, umso besser.«
Smith wandte sich blinzelnd dem unsichtbaren Land zu, und seine Ohrringe reflektierten die sinkende Sonne.
»Nun, an Norfolk sind wir vorbei«, sagte er nachdenklich. »Der nächste große reguläre Hafen wäre dann New York.«
Jamie warf ihm einen säuerlichen Blick zu.
»Liegt denn die britische Marine nicht in New York vor Anker?«
Mr Smith hustete.
»Soweit ich weiß, ja. Aber sie könnten natürlich weitergefahren sein.«
»Eigentlich hatte ich eher an einen kleinen Hafen gedacht«, sagte Jamie. »Sehr klein.«
»Wo das Eintreffen eines königlichen Marinekutters keinen größeren Eindruck auf die Einwohner machen könnte?«, erkundigte ich mich. Ich konnte ihm sein Bedürfnis, so schnell wie möglich an Land zu gehen, zwar nachfühlen, doch die Frage war – was dann?
Erst ganz allmählich dämmerte mir das Ausmaß unserer Lage. Innerhalb einer Stunde waren wir von Passagieren auf dem Weg nach Schottland zu Flüchtlingen auf dem Weg nach Gott weiß wo geworden.
Jamie schloss die Augen und holte tief Luft. Der Seegang war heftig, und ich sah, dass er abermals grün geworden war. Und mit einem beklommenen Stich begriff ich, dass ich meine Akupunkturnadeln verloren hatte, denn sie waren bei meinem hastigen Aufbruch auf der Teal zurückgeblieben.
»Was ist denn mit Rhode Island oder New Haven in Connecticut?«, fragte ich. »Die Teal war doch ohnehin nach New Haven unterwegs – und ich glaube, in beiden Häfen ist es sehr viel weniger wahrscheinlich, dass wir auf Loyalisten oder britische Truppen stoßen.«
Jamie nickte, die Augen immer noch geschlossen, und verzog das Gesicht, als das Schiff schlingerte.
»Aye, vielleicht.«
»Nicht Rhode Island«, wandte Smith ein. »Die Briten sind im Dezember in den Hafen von Newport eingelaufen, und die amerikanische Marine – oder was sich so nennt – liegt in Providence eingeschlossen. Selbst wenn sie nicht auf uns feuern, wenn sie uns unter britischer Flagge in Newport einlaufen sehen« – er wies auf den Mast, an dem unverändert der Union Jack flatterte –, »könnte uns am Ufer ein wärmerer Empfang blühen, als uns lieb ist.«