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Jamie hatte ein Auge geöffnet und betrachtete Smith nachdenklich.

»Dann hegt Ihr also selbst keine Sympathien für die Loyalisten, Mr Smith? Denn wenn es so wäre, gäbe es ja nichts Leichteres, als mir zu sagen, dass ich Newport ansteuern soll; ich hätte es schließlich nicht besser gewusst.«

»Nein, Sir.« Smith zupfte an einem seiner Ohrringe. »Ich bin allerdings auch kein Separatist. Aber ich hege eine deutliche Abneigung dagegen, noch einmal versenkt zu werden. Ich denke, dass ich mein Glück in dieser Hinsicht mehr oder weniger aufgebraucht habe.«

Jamie nickte. Er sah elend aus.

»New Haven also«, sagte er, und ich spürte einen leisen Stoß beklommener Aufregung. Ob ich Hannah Arnold doch begegnen würde? Oder – und das war eine weitaus beklemmendere Vorstellung – Oberst Arnold selbst? Er musste seine Familie doch hin und wieder besuchen.

Es folgte eine Diskussion über die technischen Einzelheiten und die Navigation, in deren Verlauf lautstark zwischen dem Deck und der Takelage hin und her argumentiert wurde. Jamie wusste zwar, wie man mit einem Sextanten und einem Astrolabium umging – Ersteren gab es tatsächlich –, doch er hatte keine Ahnung, wie man die so gewonnenen Erkenntnisse auf die Steuerung eines Schiffes ummünzte. Die zwangsrekrutierten Seeleute von der Teal waren zwar mehr oder weniger bereit, das Schiff zu fahren, wohin wir es auch immer fahren wollten, da sich ihnen ansonsten nur die Alternative bot, als unfreiwillige Piraten festgenommen, vor Gericht gestellt und hingerichtet zu werden. Doch obwohl sie brauchbare Seeleute waren, besaß keiner von ihnen irgendwelche navigatorischen Kenntnisse.

So blieben uns zwei mögliche Strategien, nämlich einmal, die gefangenen Seeleute im Frachtraum zu befragen, herauszufinden, ob irgendjemand von ihnen das Schiff steuern konnte, und sie, falls ja, mit Gewalt oder Gold dazu zu bewegen, dies zu tun – oder in Sichtweite der Küste zu segeln, was nicht nur langsamer war und die Gefahr mit sich brachte, auf Sandbänke oder britische Kriegsschiffe zu stoßen, sondern auch unsicher, weil keiner der anwesenden Seeleute von der Teal den Hafen von New Haven je gesehen hatte.

Da ich keinen nützlichen Beitrag zu diesem Gespräch leisten konnte, trat ich an die Reling und sah zu, wie die Sonne tiefer sank, während ich mich fragte, wie groß wohl die Wahrscheinlichkeit war, dass wir im Dunkeln auf Grund liefen, wenn wir uns nicht mehr an der Sonne orientieren konnten.

Das war ein frostiger Gedanke, doch der Wind war noch frostiger. Ich hatte bei meinem abrupten Abgang von der Teal nur eine leichte Jacke getragen, und ohne meinen wollenen Überrock schnitt mir der Seewind durch die Kleider wie ein Messer. Dieses unglückselige Bild erinnerte mich an den toten Kanonier, und ich nahm mich zusammen und sah mich nach dem dunklen Blutfleck auf dem Deck um.

Dabei fiel mir der Hauch einer Bewegung am Heck ins Auge, und ich öffnete den Mund, um zu rufen. Ich brachte zwar keinen Ton zuwege, doch zufällig blickte Jamie in meine Richtung, und was auch immer er in meinem Gesicht sah, reichte aus. Er drehte sich um und stürzte sich ohne jedes Zögern auf Guinea Dick, der irgendwie ein Messer aufgetrieben hatte und im Begriff war, es Ian in den unachtsam abgewandten Rücken zu stoßen.

Ian fuhr bei dem Geräusch herum, sah, was vorging, drückte dem überraschten Mr Smith die Pistole in die Hände und stürzte sich in das Menschenknäuel, das unter dem schwankenden Steuerruder umherrollte. Ohne Steuermann verlor das Schiff an Fahrt, seine Segel sackten zusammen, und es begann, alarmierend zu schwanken.

Mit zwei Schritten überquerte ich das krängende Deck und nahm Mr Smith die Pistole aus der Hand. Er sah mich an und blinzelte verblüfft.

»Nicht dass ich Euch nicht trauen würde«, sagte ich entschuldigend. »Ich kann es nur einfach nicht riskieren. Alles in allem.« Erstaunlich ruhig – alles in allem – überprüfte ich die Pistole – sie war geladen und gespannt; ein Wunder, dass sie bei all dem Hin und Her nicht von selbst losgegangen war – und zielte mitten auf das Handgemenge, um dann abzuwarten, wer wohl als Erster daraus zum Vorschein kommen würde.

Mr Smith ließ den Blick zwischen mir und dem Kampf hin- und herwandern, dann wich er mit vorsichtig erhobenen Händen langsam zurück.

»Ich bin dann … oben«, sagte er. »Falls man mich braucht.«

Der Ausgang hatte zwar von Anfang an festgestanden, doch Mr Dick hatte sich tapfer geschlagen. Ian erhob sich langsam. Er fluchte und drückte den Unterarm auf sein Hemd, wo eine klaffende Wunde rote Flecken hinterließ.

»Der kleine Verräter hat mich gebissen!«, japste er außer sich. »Gottverdammter Kannibalenheide!« Er trat auf seinen ehemaligen Gegner ein, der zwar grunzte, sich aber nicht regte, und griff dann mit einem wütenden Fluch nach dem schwingenden Steuerknüppel. Er bewegte ihn hin und her, um den richtigen Kurs zu finden, und das Schiff hörte auf zu schwanken und drehte sich in den Wind, während sich seine Segel wieder füllten.

Jamie wälzte sich von Mr Dicks am Boden liegender Gestalt herunter und setzte sich neben ihn. Er ließ den Kopf hängen und rang nach Luft. Ich ließ die Pistole sinken und entspannte den Hahn.

»Geht es?«, fragte ich ihn der Form halber. Auf merkwürdig abwesende Weise fühlte ich mich ganz ruhig.

»Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie viele Leben ich noch übrig habe«, sagte er zwischen zwei keuchenden Atemzügen.

»Vier, glaube ich. Oder fünf. Du glaubst doch nicht, dass das hier ein Beinahetreffer war, oder?« Ich warf einen Blick auf Mr Dick, dessen Gesicht ziemlich mitgenommen aussah. Jamie selbst hatte einen großen roten Fleck auf der Wange, der in ein paar Stunden mit Sicherheit schwarz und blau sein würde, und er hielt sich den Bauch, schien ansonsten jedoch unverletzt zu sein.

»Zählt es, wenn man fast an der Seekrankheit stirbt?«

»Nein.« Mit einem argwöhnischen Blick auf den am Boden liegenden Steuermann hockte ich mich neben Jamie und musterte ihn genau. Die sinkende Sonne tauchte das Deck in rotes Licht und machte es unmöglich, seine Gesichtsfarbe zu beurteilen. Jamie streckte die Hand aus, und ich gab ihm die Pistole, die er in seinen Gürtel steckte. An dem er, wie ich sah, auch den Dolch und seine Messerscheide wieder befestigt hatte.

»Hattest du keine Zeit, ihn zu ziehen?«, fragte ich und wies kopfnickend auf den Dolch.

»Ich wollte ihn ja nicht umbringen. Er ist doch nicht tot, oder?« Mit sichtlicher Anstrengung drehte er sich auf alle viere und atmete einen Moment tief durch, bevor er sich mit einem Ruck hinstellte.

»Nein. Er kommt gleich wieder zu sich.« Ich richtete den Blick auf Ian, der zwar das Gesicht von uns abgewandt hatte, dessen Körperhaltung jedoch Bände sprach. Seine steifen Schultern, sein roter Nacken und seine geballten Unterarmmuskeln kündeten von Wut und Scham, was ja verständlich war, doch seine durchhängende Wirbelsäule drückte Trostlosigkeit aus. Das verwunderte mich, bis mir ein Gedanke kam und sich meine seltsame Ruhe mit einem Schlag in Grauen verwandelte, weil ich begriff, was der Grund für seine Unachtsamkeit gewesen war.

»Rollo!«, flüsterte ich und klammerte mich an Jamies Arm. Er hob aufgeschreckt den Kopf, sah Ian und tauschte einen entsetzten Blick mit mir aus.

»O Gott«, sagte er leise.

Die Akupunkturnadeln waren nicht das einzig Wertvolle, was auf der Teal geblieben war.

Rollo war jahrelang Ians engster Begleiter gewesen. Der gigantische Nachkomme der beiläufigen Begegnung zwischen einem Irischen Wolfshund und einem Wolf jagte den Seeleuten auf der Teal solche Angst ein, dass Ian ihn in der Kajüte eingesperrt hatte; ansonsten hätte er Kapitän Stebbings wahrscheinlich auch die Gurgel herausgebissen, als die Seeleute Ian ergriffen. Was würde er tun, wenn er begriff, dass Ian fort war? Und was würden Kapitän Stebbings, seine Männer oder die Besatzung der Teal dann mit ihm tun?