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»Ich könnte wahrscheinlich einen Arm einrenken oder meinen Daumen auf eine spritzende Arterie halten«, sagte ich laut. »Aber das ist auch schon alles.«

»Äh …«, sagte eine zutiefst verunsicherte Stimme hinter mir, und ich fuhr herum, wobei mir aus Versehen der Eintopf von der Kelle flog.

»Oh, Mr Smith.«

»Ich wollte Euch nicht überrumpeln, Ma’am.« Er schlich ins Licht wie eine argwöhnische Spinne und hielt sich vorsichtig auf Abstand. »Vor allem nicht, nachdem ich gesehen habe, dass Euch Euer Neffe das Messer zurückgegeben hat.« Er lächelte ein wenig, um anzuzeigen, dass dies ein Scherz war, doch er fühlte sich sichtlich unwohl. »Ihr … äh … könnt wirklich gut damit umgehen, das muss ich sagen.«

»Ja«, sagte ich ausdruckslos und griff nach einem Lappen, um den Eintopf aufzuwischen. »Ich habe Übung darin.«

Es folgte beredtes Schweigen. Eine Minute später hüstelte er.

»Mr Fraser schickt mich, um – ganz vorsichtig – anzufragen, ob es wohl bald etwas zu essen gibt?«

Darauf musste ich trotz allem lachen.

»War das ›vorsichtig‹ seine Idee oder Eure?«

»Seine«, erwiderte er prompt.

»Ihr könnt ihm sagen, das Essen ist fertig, wann immer die Männer kommen möchten. Oh – Mr Smith?«

Seine Ohrringe baumelten, so schnell wandte er sich zurück.

»Ich frage mich nur – was meinen die Männer … Nun, natürlich müssen sie sehr bestürzt sein – aber was sagen die Seeleute von der Teal zu den … äh … jüngsten Entwicklungen? Falls Ihr das zufällig wisst, meine ich«, fügte ich hinzu.

»Das weiß ich. Es ist keine zehn Minuten her, dass mich Mr Fraser genau das gefragt hat«, sagte er mit schwach belustigter Miene. »In der Takelage wird natürlich darüber geredet, wie Ihr Euch vorstellen könnt, Ma’am.«

»Oh, das kann ich.«

»Nun, wir sind natürlich sehr erleichtert, weil man uns nicht zwangsrekrutiert hat. Wenn das geschehen wäre, hätten wir unsere Familien wohl jahrelang nicht mehr zu sehen bekommen. Ganz zu schweigen davon, dass wir vielleicht gezwungen gewesen wären, gegen unsere eigenen Landsleute zu kämpfen.« Er kratzte sich am Kinn; wie die anderen Männer nahm auch er allmählich das stoppelige Aussehen eines Piraten an. »Andererseits … Nun, Ihr müsst zugeben, dass unsere Lage im Moment nicht so ist, wie es uns unsere Freunde wünschen würden. Gefährlich, will ich damit sagen, und noch dazu sind uns unsere Kleider und unser Lohn abhandengekommen.«

»Ja, das verstehe ich. Was wäre denn von Eurem Standpunkt aus die wünschenswerteste Lösung?«

»So nahe wie möglich bei New Haven an Land zu gehen, aber nicht im Hafen. Das Schiff auf eine Sandbank laufen zu lassen und es in Brand zu stecken«, erwiderte er prompt. »Mit dem Boot ans Ufer zu fahren und dann zu laufen, was das Zeug hält.«

»Würdet Ihr das Schiff denn mit den Seeleuten im Frachtraum anzünden?«, fragte ich aus Neugier. Zu meiner Erleichterung schien ihn die bloße Andeutung zu schockieren.

»O nein, Ma’am! Vielleicht möchte Mr Fraser sie ja gern den Kontinentalen zurückbringen und sie eintauschen, aber uns würde es nicht stören, wenn sie freigelassen werden.«

»Das ist sehr großzügig von Euch«, versicherte ich ihm ernst. »Und Mr Fraser ist Euch gewiss sehr dankbar für Eure Empfehlungen. Wisst Ihr, äh, wo sich die Kontinentalarmee gerade befindet?«

»Irgendwo in New Jersey, habe ich gehört«, erwiderte er mit einem kurzen Lächeln. »Ich glaube aber nicht, dass sie besonders schwer zu finden wäre, wenn Ihr sie sucht.«

Neben der königlichen Marine war die Kontinentalarmee das Letzte, was ich gern zu Gesicht bekommen wollte, nicht einmal aus großer Entfernung. New Jersey schien mir jedoch beruhigend weit entfernt zu sein.

Ich schickte ihn in das Mannschaftsquartier, um nach Besteck zu suchen – jeder Mann hatte normalerweise sein eigenes Messebesteck in seiner Truhe –, und widmete mich der kniffligen Aufgabe, die beiden Lampen über dem Tisch anzuzünden, damit wir sehen konnten, was wir aßen.

Nachdem ich den Eintopf genauer inspiziert hatte, fand ich zwar nicht mehr, dass wir Licht brauchten, doch angesichts der Mühe, die es gekostet hatte, die Lampen anzuzünden, wollte ich sie auch nicht mehr löschen.

Alles in allem war es kein schlechtes Essen. Allerdings hätte es wahrscheinlich auch keine Rolle gespielt, wenn ich den Männern rohe Grütze und Fischköpfe vorgesetzt hätte; sie waren ausgehungert. Sie schlangen das Essen herunter wie ein munterer Heuschreckenschwarm – in Anbetracht unserer Lage waren sie bemerkenswert gut gelaunt. Nicht zum ersten Mal staunte ich darüber, wie wunderbar Männer inmitten großer Unsicherheit und Gefahr funktionieren können.

Das lag natürlich zum Teil an Jamie. Es war unmöglich, die Ironie der Tatsache zu übersehen, dass jemand, der die See und alle Schiffe so hasste wie er, plötzlich zum Kapitän eines Marinekutters wurde, doch bei aller Abneigung gegen Schiffe wusste er zumindest mehr oder weniger, wie sie funktionierten – und er hatte nicht nur die Gabe, angesichts chaotischer Zustände die Ruhe zu bewahren, sondern er war der geborene Anführer.

»Wenn du die Vernunft wahren kannst, wenn alle um dich herum den Verstand verlieren und es dir zum Vorwurf machen …«, dachte ich, während ich beobachtete, wie er ruhig und vernünftig mit den Männern sprach.

Bis hierhin hatte mich das pure Adrenalin auf den Beinen gehalten, doch jetzt, da ich nicht mehr unmittelbar in Gefahr war, verblasste seine Wirkung schnell. Erschöpfung, Sorge und mein schmerzender Hals hatten mich nur ein oder zwei Bissen Eintopf essen lassen. Meine blauen Flecken hatten zu pochen begonnen, und mein Knie fühlte sich sehr empfindlich an. Ich befand mich gerade mitten in meiner morbiden Inventur der körperlichen Schäden, als ich Jamies Blick auf mir ruhen sah.

»Du brauchst etwas zu beißen, Sassenach«, sagte er sanft. »Iss.« Ich öffnete den Mund, um zu sagen, dass ich keinen Hunger hatte, überlegte es mir aber anders. Er brauchte sich wirklich nicht auch noch um mich zu sorgen.

»Aye, aye, Käpt’n«, sagte ich. Ich ergab mich in mein Schicksal und griff nach meinem Löffel.

Kapitel 31

Eine kleine Führung durch die Kammern des Herzens

Eigentlich sollte ich schlafen. Ich hatte den Schlaf weiß Gott nötig. Und ich würde herzlich wenig Gelegenheit zum Schlafen bekommen, bis wir New Haven erreichten. Falls wir je dort ankommen, meldete sich mein Hinterkopf skeptisch zu Wort, doch ich ignorierte diese Anmerkung, weil sie uns wahrhaftig nicht weiterhalf.

Ich sehnte mich danach, in den Schlaf zu sinken, genauso sehr, um den Ängsten und Unsicherheiten meiner Gedanken zu entfliehen, wie um meinem geplagten Körper die Gelegenheit zur Heilung zu geben. Doch ich war so müde, dass mein Verstand begonnen hatte, sich von meinem Körper zu trennen.

Das war ein bekanntes Phänomen. Ärzte, Soldaten und Mütter erleben es immer wieder; auch mir war es schon oft so ergangen. Wenn der Verstand im Nebel der Erschöpfung nicht mehr in der Lage ist, auf eine Notsituation zu reagieren, geht er einfach ein wenig auf Abstand und trennt sich sauber von den überwältigenden, selbstsüchtigen Bedürfnissen des Körpers. Aus dieser klinischen Distanz kann er die Dinge steuern, indem er Gefühle, Schmerzen und Müdigkeit umgeht, notwendige Entscheidungen trifft und kaltblütig die blinden Bedürfnisse des Körpers nach Nahrung, Wasser, Schlaf, Liebe oder Trauer außer Kraft setzt und ihn über seine Grenzen hinwegtreibt.

Warum eigentlich Gefühle?, fragte ich mich dumpf. Ein Gefühl war doch wohl eine Funktion des Verstandes. Und doch schien es so tief im Körper verwurzelt zu sein, dass diese Verabschiedung des Verstandes auch die Gefühle unterdrückte.