Ich glaube, dass sich der Körper in solchen Momenten wehrt. Missachtet und missbraucht, lässt er den Verstand nicht einfach so zurückkehren. Oft dauert die Trennung an, bis man endlich schlafen kann. Während sich der Körper in aller Stille intensiv mit seiner Heilung beschäftigt, lässt sich der Verstand allmählich wieder in seiner aufgewühlten Hülle nieder, tastet sich vorsichtig über die gewundenen Pfade der Träume vor und schafft den erwünschten Frieden. Und beim Erwachen ist man wieder eins.
Nicht jedoch ich. Ich hatte das Gefühl, dass irgendetwas zu tun war, hatte aber keine Ahnung, was. Ich hatte den Männern das Essen aufgetischt, hatte auch den Gefangenen Verpflegung geschickt, nach den Verletzten gesehen, alle Pistolen neu geladen, den Kochtopf gespült … Mein erlahmender Verstand leerte sich allmählich.
Ich legte meine Hände auf den Tisch, an dem ich nach wie vor saß. Meine Fingerspitzen tasteten sich an der Holzkörnung entlang, als seien die kleinen Rillen, die durch jahrelangen Gebrauch glatt geworden waren, die Landkarte, die es mir ermöglichen würde, meinen Weg in den Schlaf zu finden.
Vor meinem inneren Auge konnte ich mich dasitzen sehen. Schlank, beinahe abgehärmt; die Kante meiner Speiche malte sich deutlich unter der Haut meines Unterarms ab. Während der letzten Wochen der Reise war ich dünner geworden, als mir bewusst gewesen war. Meine Schultern waren vor Erschöpfung vornübergesunken. Mein Haar bestand aus einer buschigen, verknoteten Masse wilder Strähnen, von Silber und Weiß durchzogen, ein Dutzend Schattierungen aus Dunkel und Licht. Es erinnerte mich an etwas, das mir Jamie erzählt hatte, eine Redensart der Cherokee – sich die Schlangen aus dem Haar kämmen, das war es. Den Verstand von Sorge, Wut, Angst und der Besessenheit durch Dämonen zu befreien – das war es, sich die Schlangen aus dem Haar zu kämmen. Sehr treffend formuliert.
Natürlich besaß ich im Moment nicht einmal einen Kamm. Ich hatte zwar einen in der Tasche gehabt, ihn aber verloren.
Mein Verstand fühlte sich an wie ein Ballon, der hartnäckig an seiner Leine zerrte. Doch es widerstrebte mir, ihn loszulassen; plötzlich kam mir die irrationale Angst, dass er nicht mehr zurückkehren würde.
Also konzentrierte ich mich stattdessen mit aller Kraft auf die Details meiner Umgebung: das Gewicht des Hühnereintopfs und des Brotes in meinem Magen, den Geruch des Öls in den Lampen, heiß und fischig. Die Schritte auf dem Deck über mir und den Gesang des Windes. Das Zischen des Wassers an den Bordwänden.
Das Gefühl einer Klinge, die in einen Körper eindringt. Nicht machtvoll und zielsicher, nicht zum Zweck der planvollen Zerstörung einer Operation, die Schaden anrichtet, um zu heilen. Panisches Zustechen, der stockende Ruck einer Klinge, die unerwartet auf einen Knochen trifft, das wilde Torkeln eines Messers außer Kontrolle. Und der große dunkle Fleck auf dem Deck, der frisch und nass nach Eisen roch.
»Das habe ich nicht gewollt«, flüsterte ich laut. »O Gott. Das habe ich nicht gewollt.«
Ohne jede Vorwarnung begann ich zu weinen. Kein Schluchzen, keine Weinkrämpfe, die mir die Kehle zuschnürten. Das Wasser quoll mir einfach in die Augen und lief mir über die Wangen, langsam wie kalter Honig. Tonloses Eingeständnis meiner Verzweiflung, während allmählich alles außer Kontrolle geriet.
»Was ist denn, Herz?«, erklang Jamies Stimme leise an der Tür.
»Ich bin so müde«, sagte ich mit belegter Stimme. »So müde.«
Die Bank ächzte unter seinem Gewicht, als er sich neben mich setzte, und ein schmutziges Taschentuch betupfte mir sanft die Wangen. Er legte einen Arm um mich und flüsterte mir auf Gälisch zu, tröstende Liebkosungen, mit denen man auch ein nervöses Tier beruhigt. Ich legte meine Wange an sein Hemd und schloss die Augen. Mir liefen zwar immer noch die Tränen über das Gesicht, doch allmählich fühlte ich mich besser; nach wie vor zu Tode erschöpft, aber nicht mehr am Boden zerstört.
»Ich wünschte, ich hätte diesen Mann nicht umgebracht«, flüsterte ich. Seine Finger hatten mir das Haar hinter dem Ohr geglättet; jetzt hielten sie kurz inne, dann fuhren sie fort.
»Du hast niemanden umgebracht«, sagte er und klang überrascht. »War es das, was dich bekümmert hat, Sassenach?«
»Unter anderem, ja.« Ich setzte mich auf, wischte mir mit dem Ärmel die Nase ab und starrte ihn an. »Ich habe den Kanonier nicht umgebracht? Bist du sicher?«
Sein Mund verzog sich zu etwas, das ein Lächeln hätte sein können, wenn es etwas weniger grimmig gewesen wäre.
»Ganz sicher. Ich habe ihn nämlich umgebracht, a nighean.«
»Du – oh.« Ich zog die Nase hoch und sah ihn scharf an. »Sagst du das nicht nur, um mich zu beruhigen?«
»Nein.« Das Lächeln verblasste. »Ich wünschte auch, ich hätte ihn nicht umgebracht. Aber mir blieb kaum etwas anderes übrig.« Er streckte die Hand aus und schob mir mit dem Zeigefinger eine Locke hinter das Ohr. »Mach dir keine Sorgen, Sassenach. Ich halte es schon aus.«
Ich weinte wieder – diesmal jedoch richtig. Ich weinte vor Schmerz und vor Trauer und natürlich vor Angst. Doch der Schmerz und die Trauer galten Jamie und dem Mann, der ihm keine andere Wahl gelassen hatte, als ihn umzubringen, und das war etwas ganz anderes.
Nach einer Weile verebbte der Sturm, und ich blieb ermattet, aber heil zurück. Das summende Gefühl der Distanz war verschwunden. Jamie hatte sich verkehrt herum auf die Bank gesetzt und saß mit dem Rücken zum Tisch, während er mich auf dem Schoß hielt, und so verharrten wir eine Weile friedlich schweigend und sahen dem Glühen der erlöschenden Kohlen im Kombüsenfeuer und den Dampfwölkchen zu, die aus dem mit heißem Wasser gefüllten Kessel aufstiegen. Ich sollte etwas aufsetzen, damit es die Nacht hindurch kochen kann, dachte ich schläfrig. Ich richtete den Blick auf die Käfige, wo sich die Hühner zum Schlafen niedergelassen hatten. Hin und wieder ein kurzes Gackern, wenn eines von ihnen kurz aus seinem Hühnertraum auffuhr.
Nein, ich konnte mich heute Abend nicht dazu durchringen, ein Huhn zu schlachten. Die Männer mussten sich mit dem begnügen, was mir am Morgen in die Finger fiel.
Jamie hatte die Hühner auch bemerkt, allerdings in einem anderen Zusammenhang.
»Erinnerst du dich noch an Mrs Bugs Hühner«, sagte er mit einem reumütigen Lächeln. »Klein Jemmy und Roger Mac?«
»O Gott. Die arme Mrs Bug.«
Jemmy, der damals ungefähr fünf war, hatte die Aufgabe, täglich die Hennen zu zählen, um sicherzugehen, dass alle abends in den Hühnerstall zurückkehrten. Woraufhin natürlich das Törchen fest verschlossen wurde, um Füchse, Dachse und andere Räuber mit einer Vorliebe für Hühner fernzuhalten. Doch Jem hatte es vergessen. Einmal nur, aber einmal war genug. Ein Fuchs war in den Hühnerstall eingedrungen und hatte ein schreckliches Blutbad angerichtet.
Es ist Unsinn zu sagen, dass der Mensch die einzige Kreatur ist, die nur zum Vergnügen tötet. Möglicherweise haben sie es vom Menschen gelernt, aber sämtliche Hundearten tun es auch – Füchse, Wölfe und theoretisch auch Haushunde. Die Wände des Hühnerstalls waren mit Blut und Federn tapeziert gewesen.
»Oh, meine Kleinen!«, hatte Mrs Bug wieder und wieder gerufen, und die Tränen waren ihr wie Perlen über die Wangen gelaufen. »O meine armen, armen Kleinen!«
Jem, der in die Küche gerufen wurde, konnte nicht hinsehen.
»Es tut mir leid«, flüsterte er mit niedergeschlagenen Augen. »Es tut mir wirklich leid.«
»Nun, das sollte es auch«, hatte Roger zu ihm gesagt. »Aber das hilft uns jetzt auch nicht mehr, oder?«
Jemmy schüttelte stumm den Kopf, und die Tränen stiegen ihm in die Augen.
Roger räusperte sich, ein schroffer Drohlaut.
»Also schön. Wenn du alt genug bist, um eine Aufgabe anvertraut zu bekommen, bist du auch alt genug, um die Konsequenzen zu tragen, wenn du dieses Vertrauen brichst. Verstehst du mich?«
Es war zwar offensichtlich, dass Jem ihn nicht verstand, doch er nickte ernst mit dem Kopf und zog die Nase hoch.
Roger holte tief Luft.