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»Ich meine«, sagte er, »dass du Prügel verdient hast.«

Jems kleines rundes Gesicht verlor jeden Ausdruck. Er kniff die Augen zusammen und sah mit offenem Mund seine Mutter an.

Brianna steuerte mit einer kleinen Bewegung auf ihn zu, doch Jamies Hand schloss sich um ihren Arm und hielt sie auf.

Ohne Brianna anzusehen, legte Roger Jem eine Hand auf die Schulter und drehte ihn entschlossen zur Tür.

»Also gut, Kumpel. Ab mit dir.« Er zeigte zur Tür. »Geh zum Stall und warte dort auf mich.«

Jemmy schluckte hörbar. Sein Gesicht hatte schon eine kränklich graue Färbung angenommen, als Mrs Bug mit der ersten gefiederten Leiche hereinkam, und die folgenden Ereignisse hatten seine Gesichtsfarbe nicht verbessert.

Ich dachte, er würde sich vielleicht übergeben, doch das tat er nicht. Er hatte aufgehört zu weinen und fing auch nicht wieder an, doch er schien in sich selbst zusammenzusinken und ließ die Schultern hängen.

»Geh«, sagte Roger, und er ging.

Als Jemmy dann mit hängendem Kopf aus der Küche stapfte, sah er dermaßen aus wie ein Gefangener auf dem Weg zur Exekution, dass ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich fing Briannas Blick auf und sah, dass sie mit ähnlichen Gefühlen kämpfte; sie sah bestürzt aus, doch ihr Mundwinkel zuckte, und sie wandte sich hastig ab.

Roger seufzte schwer, richtete sich auf und setzte sich in Bewegung, um Jemmy zu folgen.

»Himmel«, murmelte er.

Jamie hatte schweigend in der Ecke gestanden und das Geschehen nicht ohne Mitgefühl beobachtet. Er bewegte sich kaum merklich, und Roger sah ihn an. Jamie hüstelte.

»Mmpfm. Ich weiß ja, dass es das erste Mal ist – aber ich glaube, am besten schlägst du ordentlich zu«, sagte er leise. »Der arme Junge fühlt sich fürchterlich.«

Briannas Blick fuhr überrascht zu ihm hinüber, doch Roger nickte, und sein grimmiger Mund entspannte sich ein wenig. Er folgte Jem ins Freie und schnallte im Gehen seinen Gürtel auf.

Wir blieben beklommen zu viert in der Küche stehen und wussten nicht genau, was wir als Nächstes tun sollten. Brianna richtete sich mit einem ähnlichen Seufzer wie Roger auf, schüttelte sich wie ein Hund und griff nach einem der toten Hühner.

»Können wir sie essen?«

Ich pikste versuchsweise mit dem Finger in eine der Hennen; die Muskeln bewegten sich schlaff und schwabbelig unter der Haut, doch die Haut hatte sich noch nicht abgelöst. Ich hob den Hahn hoch und roch daran; er roch intensiv nach getrocknetem Blut und ausgelaufenem Kot, doch es war kein süßlicher Verwesungsgeruch wahrzunehmen.

»Ich glaube schon, wenn wir sie ordentlich kochen. Die Federn sind zu nichts mehr zu gebrauchen, aber aus einem Teil der Hühner können wir Eintopf machen, und den Rest können wir zu Brühe und Frikassee verarbeiten.«

Jamie ging in den Kartoffelkeller, um Zwiebeln, Knoblauch und Möhren zu holen; Mrs Bug zog sich zurück, um sich ein Weilchen hinzulegen, und Brianna und ich begannen mit der Schmutzarbeit, die Opfer zu rupfen und auszunehmen. Wir sagten nicht viel außer ein paar gemurmelten Fragen und Antworten zu unserer Arbeit. Doch als Jamie zurückkam und den Gemüsekorb neben ihr auf den Tisch stellte, blickte Brianna zu ihm auf.

»Und das hilft?«, fragte sie ihn ernst. »Wirklich?«

Er nickte. »Wenn man einen Fehler gemacht hat, fühlt man sich schlecht und möchte es wiedergutmachen, aye? Aber so etwas lässt sich nicht wiedergutmachen.« Er zeigte auf den Berg toter Hühner. Allmählich sammelten sich die Fliegen und krabbelten auf den weichen Federn herum.

»Das Beste, was man haben kann, ist das Gefühl, dass man dafür bezahlt hat.«

Ein Schrei drang schwach durch das Fenster zu uns herein. Brianna fuhr bei dem Geräusch instinktiv auf, schüttelte dann aber kaum merklich den Kopf und wedelte die Fliegen beiseite.

»Das vergesse ich nie«, sagte ich leise. »Und Jemmy bestimmt ebenso wenig.«

Jamie stieß einen leisen Laut der Belustigung aus und verstummte dann. Ich konnte sein Herz in meinem Rücken schlagen spüren, langsam und regelmäßig.

Wir hielten die ganze Nacht in zweistündigen Intervallen Wache und achteten darauf, dass immer einer von uns dreien – Jamie, Ian oder ich – wach war. John Smith schien zwar verlässlich zu sein, doch es bestand stets die Möglichkeit, dass jemand von der Teal auf die Idee kam, die Seeleute im Frachtraum zu befreien, um dafür vielleicht später nicht als Pirat gehängt zu werden.

Ich überstand zwar die Mitternachtswache ohne Probleme, doch in der Dämmerung aufzustehen, kostete mich große Überwindung. Ich kämpfte mich aus einem tiefen Brunnen hoch, der mit weicher schwarzer Wolle ausgekleidet war, und meine ächzenden Gliedmaßen schmerzten vor Erschöpfung.

Sobald ich die mit einer Decke ausgelegte Hängematte verlassen hatte, hatte Jamie sich hineinfallen lassen, und obwohl ich das dringende Bedürfnis verspürte, ihn wieder hinauszukippen und selbst hineinzuklettern, lächelte ich ein wenig. Entweder war sein Vertrauen in meine Fähigkeiten als Wachtposten grenzenlos, oder er stand kurz davor, an Erschöpfung und Seekrankheit zu sterben. Oder beides, dachte ich und ergriff den Offiziersumhang, den er gerade abgelegt hatte. Das war zumindest ein Vorteil unserer gegenwärtigen Lage; ich hatte den grauenvollen Lepraleichenumhang auf der Teal zurückgelassen. Dieses Exemplar war unvergleichlich luxuriöser; es bestand aus dicker dunkelblauer Wolle, war mit roter Seide gefüttert, und es beherbergte noch einen Großteil von Jamies Körperwärme.

Ich zog den Umhang eng um mich, strich Jamie über den Kopf, um zu sehen, ob er im Schlaf lächeln würde – ja, sein Mund zuckte ganz sacht –, und machte mich gähnend zur Kombüse auf.

Noch ein kleiner Vorteiclass="underline" Ein Behälter mit gutem Darjeeling-Tee im Schrank. Vor dem Schlafengehen hatte ich das Feuer unter dem Wasserkessel aufgeschichtet; das Wasser war jetzt heiß, und ich schöpfte eine Kelle davon in eine Tasse, die offensichtlich dem Privatporzellan des Kapitäns entstammte und mit Veilchen bemalt war.

Diese trug ich nach oben, und nachdem ich einmal offiziell über die Decks geschritten war und einen Blick auf die beiden diensthabenden Seeleute geworfen hatte – Mr Smith stand am Steuer –, trat ich an die Reling, um meine duftende Beute zu trinken und zuzusehen, wie die Dämmerung dem Meer entstieg.

Wenn man in der Stimmung war, für Kleinigkeiten dankbar zu sein – und merkwürdigerweise schien ich das zu sein –, dann war das hier die nächste. Ich hatte schon Tagesanbrüche im warmen Meer gesehen, die sich langsam entfalteten wie die Blüte einer gigantischen Blume aus Hitze und Licht. Dies war ein Sonnenaufgang des Nordens, der sich öffnete wie die doppelte Schale einer Muschel – kalt und zart, und der Himmel schimmerte wie Perlmutt über dem sanften grauen Meer. Er hatte etwas Intimes an sich, dachte ich, als ob er einen Tag voller Geheimnisse voraussagte.

Ich war gerade dabei, mich so richtig in meine poetischen Gedanken zu vertiefen, als sie durch den Ausruf »Segel ahoi!« unterbrochen wurden, der direkt über mir erscholl. Kapitän Stebbings’ veilchenverzierte Porzellantasse zersplitterte auf dem Deck, und als ich herumfuhr, sah ich am Horizont die Spitze eines weißen Dreiecks, das mit jeder Sekunde größer wurde.

Die nächsten Minuten gerieten zur platten Komödie, weil ich derart aufgeregt und atemlos in die Kapitänskajüte gerauscht kam, dass ich nur noch »Ho … Schiff … ho!« keuchen konnte wie ein Weihnachtsmann, der den Verstand verloren hatte. Jamie, der die Gabe besaß, aus dem Tiefschlaf hellwach zu werden, tat genau das. Gleichzeitig versuchte er allerdings, aus dem Bett zu springen, und in der Aufregung vergaß er, dass er in einer Hängematte lag. Bis er sich fluchend vom Boden aufgerappelt hatte, donnerten längst Schritte über das Deck, weil die Besatzung der Teal um einiges geschickter aus ihren Hängematten gesprungen war und nun angelaufen kam, um zu sehen, was los war.

»Ist es die Teal?«, fragte ich John Smith und versuchte angestrengt, etwas zu sehen. »Könnt Ihr das sehen?«