»Ja«, sagte er geistesabwesend und blinzelte dem Segel entgegen. »Oder besser nein. Ich kann es sehen, und es ist nicht die Teal. Es ist ein Dreimaster.«
»Wenn Ihr das sagt.« Aus dieser Entfernung sah das herannahende Schiff aus wie eine Wolke, die auf dem Wasser auf uns zuwaberte; noch konnte ich nicht einmal seinen Rumpf erkennen.
»Wir brauchen doch nicht davor zu flüchten, oder?«, fragte ich Jamie, der ein Fernglas aus Stebbings’ Schreibtisch hervorgekramt hatte und unseren Verfolger mit tief gerunzelter Stirn betrachtete. Bei diesen Worten ließ er das Fernglas sinken und schüttelte den Kopf.
»Das spielt ohnehin keine Rolle; wir hätten keine Chance.« Er reichte das Fernglas an Smith weiter, der es an sein Auge hob und murmelte: »Flagge … sie haben keine Flagge gehisst.«
Jamies Kopf fuhr abrupt herum, und mir wurde mit einem Schlag bewusst, dass die Pitt unverändert unter dem Union Jack segelte.
»Das ist doch gut, meinst du nicht?«, fragte ich. »Sie werden doch wohl kein Marineschiff behelligen?«
Sowohl Jamie als auch John Smith blickten angesichts dieser Logik äußerst skeptisch drein.
»Wenn sie in Rufweite kommen, merken sie wahrscheinlich, dass hier etwas faul ist«, sagte Smith. Er warf Jamie einen Seitenblick zu. »Dennoch … könntet Ihr vielleicht den Rock des Kapitäns anziehen? Es könnte helfen, zumindest aus der Entfernung.«
»Sobald sie so dicht herankommen, dass es eine Rolle spielt, spielt es ohnehin keine Rolle mehr«, sagte Jamie mit grimmiger Miene.
Dennoch verschwand er – nachdem er kurz an der Reling haltgemacht hatte, um sich zu übergeben –, und als er kurz darauf zurückkehrte, sah er blendend aus – wenn man weit zurücktrat und die Augen fest zusammenkniff. Er trug Kapitän Stebbings’ Uniform, und da Stebbings vielleicht anderthalb Köpfe kleiner war als Jamie und eine deutlich kräftigere Taille hatte, saß der Rock an den Schultern zum Bersten eng und schlabberte an der Taille; aus Rockärmeln und Hosenbeinen ragten deutlich mehr Hemdsärmel und Strümpfe hervor als üblich. Die Hose hatte Jamie mit seinem Schwertgürtel zusammengerafft, damit sie ihm nicht herunterrutschte. Ich sah, dass er neben seinem Dolch das Schwert des Kapitäns und zwei geladene Pistolen trug.
Ians Augenbrauen fuhren beim Anblick seines derart herausgeputzten Onkels in die Höhe, doch Jamie funkelte ihn an, und Ian schwieg, obwohl sich seine Miene zum ersten Mal seit unserer Begegnung mit der Pitt erhellte.
»Gar nicht so schlecht«, sagte Mr Smith ermutigend. »Versuchen wir es also auf die dreiste Tour, wie? Zu verlieren haben wir ja nichts.«
»Mmpfm.«
»Allein stand der Junge auf brennendem Deck, als alle schon geflohen waren«, sagte ich, was Jamie veranlasste, den funkelnden Blick auf mich zu richten.
Nachdem ich Guinea Dick gesehen hatte, machte ich mir keine Sorgen mehr, ob Ian mit seinen Tätowierungen wohl als Seemann der königlichen Marine durchgehen würde. Die anderen Besatzungsmitglieder der Teal sahen mehr oder minder unauffällig aus. Möglich, dass wir damit durchkamen.
Das herannahende Schiff war jetzt so nah, dass ich seine Galionsfigur sehen konnte, eine schwarzhaarige Frau, in deren Händen sich eine –
»Hat sie da wirklich eine Schlange in der Hand?«, fragte ich ungläubig. Ian beugte sich vor, um über meine Schulter hinwegzublicken.
»Jedenfalls hat es Fänge.«
»Das Schiff auch, Junge.« John Smith wies kopfnickend auf das Schiff, und jetzt sah ich, dass er recht hatte: Am Bug ragten die langen Messingrohre zweier Kanonen auf, und als der Wind das Schiff jetzt etwas schräg auf uns zutrieb, konnte ich sehen, dass es zudem Geschützöffnungen hatte. Allerdings war es möglich, dass diese nicht echt waren; manchmal waren die Bordwände von Handelsschiffen mit falschen Geschützöffnungen bemalt, um etwaige Störenfriede abzuschrecken.
Aber die Verfolgungskanonen am Bug waren echt. Eine von ihnen gab Feuer und stieß ein weißes Rauchwölkchen und eine kleine Kugel aus, die dicht neben uns ins Wasser platschte.
»Ist das höflich?«, fragte Jamie skeptisch. »Soll das ein Signal sein?«
Offensichtlich nicht; beide Bugkanonen feuerten gleichzeitig, und eine Kugel flog über unseren Köpfen durch eines der Segel hindurch und hinterließ ein großes Loch mit angesengten Rändern. Wir starrten es mit offenen Mündern an.
»Was denkt er sich dabei, auf ein Schiff des Königs zu feuern?«, wollte Smith entrüstet wissen.
»Er denkt sich, dass er ein verflixter Privatier ist und uns haben will«, sagte Jamie, der sich jetzt von seinem Schock erholte und hastig die Uniform auszog. »Holt um Gottes willen die Flagge ein!«
Smith blickte beklommen zwischen Jamie und dem herannahenden Schiff hin und her. An der Reling waren Männer zu sehen. Bewaffnete Männer.
»Sie haben Kanonen und Musketen, Mr Smith«, sagte Jamie und warf den Rock mit solchem Schwung über Bord, dass er wirbelnd in den Wogen landete. »Ich habe nicht vor, mit ihnen um ein Schiff Seiner Majestät zu kämpfen. Herunter mit der Flagge!«
Mr Smith tat einen Satz und begann, unter den Myriaden von Seilen nach demjenigen zu suchen, das mit dem Union Jack verbunden war. Wieder dröhnten die Bugkanonen, doch diesmal trug uns eine glückliche Wasserbewegung in ein Wellental, und beide Kugeln flogen über uns hinweg.
Die Flagge kam heruntergerattert und landete als schmähliches Häufchen an Deck. Im ersten Moment packte mich der schockierende Impuls, hinüberzulaufen und sie aufzuheben, doch ich konnte mich gerade noch beherrschen.
»Und jetzt?«, fragte ich mit einem beklommenen Blick auf das Schiff. Ich konnte jetzt die Umrisse der Kanoniere ausmachen, die definitiv dabei waren, die Bugkanonen nachzuladen und neu zu zielen. Und die Männer an der Reling starrten in der Tat vor Waffen; ich glaubte, Schwerter und Säbel zu sehen, dazu Musketen und Pistolen.
Die Kanoniere hielten inne; jemand wies über die Reling und wandte sich dann ab, um jemandem hinter ihm etwas zuzurufen. Ich hielt mir beide Hände wie einen Schirm über die Augen und sah den Kapitänsrock, der auf der Dünung dahintrieb. Das schien den Privatier zu verblüffen; ich sah, wie ein Mann zum Bug hinaufsprang und in unsere Richtung starrte.
Und jetzt?, fragte ich mich erneut. Ein Privatier konnte alles sein, vom Berufsseefahrer mit dem Kaperbrief einer Regierung bis hin zum waschechten Piraten. Wenn das Schiff, das uns verfolgte, Ersteres war, war es gut möglich, dass man uns als Passagiere mitnahm. Letzteres, und das war genauso gut möglich, dass sie uns die Kehlen durchschnitten und uns ins Meer warfen.
Der Mann am Bug rief seinen Männern etwas zu und sprang wieder an Deck. Das Schiff hatte eine Halse ausgeführt; jetzt schwang sich sein Bug in den Wind, und die Segel füllten sich mit lautem Knattern.
»Sie wollen uns rammen«, sagte Smith im Tonfall blanken Unglaubens.
Ich war überzeugt, dass er recht hatte. Die Galionsfigur war uns jetzt so nah, dass ich die Schlange in der Hand der Frau sehen konnte, eng an ihre nackte Brust gepresst. Wie es im Zustand des Schocks vorkommt, wurde mir bewusst, dass mein Verstand geistesabwesend darüber nachdachte, ob wohl Cleopatra oder Aspis der bessere Name für das Schiff war, als es schäumend an uns vorüberrauschte und die Luft mit einem metallischen Kreischen zerbarst.
Die Welt zerfiel, und ich lag flach auf dem Bauch, das Gesicht auf den Boden gedrückt, der nach Gemetzel roch, während sich meine tauben Ohren mühten, das Brüllen der nächsten Mörsersalve zu hören, jener Salve, die uns den Todesstoß versetzen würde.
Etwas Schweres war auf mich gefallen, und ich kämpfte blindlings darum, mich zu befreien, aufzuspringen und davonzulaufen, irgendwohin, fort … nur fort …
Allmählich wurde mir bewusst, dass meine raue Kehle Jammerlaute ausstieß und dass die Oberfläche unter meiner flach gedrückten Wange eine salzverklebte Deckplanke war, kein blutdurchtränkter Schlamm. Das Gewicht in meinem Rücken bewegte sich plötzlich von selbst, denn Jamie wälzte sich auf die Knie hoch.