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»Himmelherrgott!«, brüllte er außer sich. »Seid ihr krank?!?«

Die einzige Antwort darauf war ein einzelner Donnerschlag, der offensichtlich von einer Kanone am Heck des anderen Schiffes kam, das uns jetzt überholt hatte.

Ich stand auf, zitternd, jedoch so weit jenseits jeder simplen Angst, dass ich nur ganz am Rande zur Kenntnis nahm, dass neben mir ein Bein auf dem Deck lag. Es war barfuß und trug das abgerissene Bein einer Leinenkniehose. Ringsum war massenweise Blut verspritzt.

»Guter Gott, guter GOTT«, sagte jemand pausenlos. Ich blickte ohne jede Neugier zur Seite und sah Mr Smith, der mit entsetzter Miene nach oben stierte.

Ich folgte seiner Blickrichtung. Die Spitze unseres einzigen Mastes war verschwunden, und die Überreste der Segel und der Takelage hingen als rauchende Masse in Fetzen über das halbe Deck verteilt. Offenbar dienten die Geschützöffnungen des Privatiers nicht nur der Abschreckung.

Ich war so benommen, dass es mir gar nicht in den Sinn gekommen war, mich zu fragen, warum sie das wohl getan hatten. Jamie verlor ebenfalls keine Zeit mit Fragen. Er packte Mr Smith am Arm.

»Tod und Teufel! Die verdammten nàmhaid kommen zurück!«

So war es. Erst jetzt begriff ich, dass das andere Schiff zu schnell gefahren war. Es war an uns vorübergesegelt, während es seine Breitseite losließ, doch wahrscheinlich hatte uns nur eine der schweren Kanonenkugeln getroffen und den Mast zerstört – sowie den unglücklichen Mann von der Teal, der sich in der Takelage befunden hatte.

Die restlichen Seeleute von der Teal befanden sich jetzt an Deck und stellten aufgeregt Fragen. Die einzige Antwort kam jedoch erneut von dem Privatier, der jetzt einen großen Kreis beschrieb und eindeutig vorhatte, zurückzukehren und zu Ende zu bringen, was er angefangen hatte.

Ich sah, wie Ian einen scharfen Blick auf die Kanone der Pitt warf, doch das war ohne jeden Zweifel zwecklos. Selbst wenn sich unter den Männern von der Teal jemand befand, der Erfahrung als Kanonier hatte, war es unmöglich, die Kanone von einem Moment zum nächsten zu bemannen.

Der Privatier hatte seinen Kreis vollendet. Er kam zurück. Überall an Deck der Pitt fuchtelten die Männer schreiend mit den Armen und rempelten sich gegenseitig an, während sie zur Reling stürzten.

»Wir ergeben uns, ihr Dreckschweine!«, brüllte einer von ihnen. »Seid ihr taub?«

Ganz offensichtlich; ein verirrter Windstoß trug mir den Geruch der Lunte entgegen, und ich konnte sehen, wie sich die Musketen auf uns richteten. Ein paar der Männer in meiner Nähe verloren den Kopf und rannten unter Deck. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass das vielleicht gar keine schlechte Idee war.

Jamie hatte neben mir ebenfalls gewunken und gebrüllt. Doch plötzlich war er fort, und als ich mich umdrehte, sah ich ihn über das Deck rennen. Er riss sich das Hemd über den Kopf und sprang auf unsere eigene Bugkanone, ein glänzendes Messinggeschütz, das man »lange Neun« nannte.

Er schwenkte das Hemd im hohen Bogen und hielt mit der freien Hand Ians Schulter umklammert, um sich zu stützen. Im ersten Moment löste er Verwirrung aus; das Knattern der Schüsse verstummte, obwohl die Schaluppe ihren tödlichen Kreisbogen weiter vollendete. Jamie schwenkte das Hemd hin und her. Sie mussten ihn doch sehen!

Der Wind kam uns entgegen; ich konnte das Rumpeln der Kanonen hören, die erneut ausgefahren wurden, und das Blut gefror mir in der Brust.

»Sie werden uns versenken!«, kreischte Mr Smith, und die Schreckensschreie der anderen Männer griffen seine Worte auf.

Der Wind wehte uns Schwarzpulvergeruch entgegen, scharf und beißend. Die Männer in der Takelage stimmten in das Geschrei ein, und die Hälfte von ihnen schwenkte jetzt ebenfalls die Hemden. Ich sah, wie Jamie einen Moment innehielt und schluckte, dann bückte er sich und sagte etwas zu Ian. Er drückte Ian fest die Schulter, dann ließ er sich auf der Kanone auf die Hände und Knie sinken.

Ian schoss an mir vorbei und hätte mich in seiner Eile beinahe umgerannt.

»Wohin gehst du?«, rief ich.

»Ich lasse die Gefangenen frei! Sie ertrinken, wenn wir sinken!«, rief er hinter sich und verschwand in der Luke.

Ich wandte mich wieder dem herannahenden Schiff zu und stellte fest, dass Jamie nicht von der Kanone gestiegen war, wie ich gedacht hatte. Stattdessen hatte er sich umgedreht, sodass er der Schaluppe den Rücken zukehrte.

Die Arme ausgebreitet, um die Balance zu behalten und dem Wind zu trotzen, und die Knie mit aller Kraft um den Kanonenlauf gekrallt, richtete er sich zu voller Größe auf und stellte seinen bloßen Rücken zur Schau – und das Netz aus Narben, die rot angelaufen waren, während der kalte Wind seine Haut weiß werden ließ.

Das andere Schiff hatte die Fahrt verlangsamt und war an unsere Seite geglitten, um uns mit einer letzten Breitseite aus dem Wasser zu pusten. Ich konnte die Köpfe der Männer über die Reling und aus der Takelage lugen sehen, und alle reckten neugierig die Hälse. Doch niemand feuerte.

Plötzlich spürte ich mein Herz mit heftigen, schmerzhaften Schlägen hämmern, als wäre es vorhin tatsächlich eine Minute lang stehen geblieben und versuchte jetzt pflichtbewusst, die verlorene Zeit nachzuholen.

Die Bordwand der Schaluppe ragte über uns auf, und das Deck sank in tiefen, kalten Schatten. Aus dieser Nähe konnte ich die verwunderten Gespräche der Kanonenbesatzungen hören, das metallische Rattern der Kanonenkugeln auf ihren Gestellen, das Ächzen der Geschützlafetten. Ich konnte nicht aufblicken, wagte es nicht, mich zu bewegen.

»Wer seid Ihr?«, fragte eine nasale, sehr amerikanische Stimme von oben. Sie klang zutiefst argwöhnisch und äußerst verärgert.

»Falls Ihr das Schiff meint, es heißt Pitt.« Jamie war von der Kanone gestiegen und stand jetzt neben mir, halb nackt und mit einer solchen Gänsehaut bedeckt, dass ihm am ganzen Körper die Haare zu Berge standen wie Kupferdrähtchen. Er zitterte, obwohl ich nicht wusste, ob aus Angst oder Rage oder einfach nur vor Kälte. Seine Stimme jedoch zitterte nicht; sie war voller Wut.

»Wenn Ihr mich meint, ich bin Oberst James Fraser von der Miliz in North Carolina.«

Kurzes Schweigen, während der Herr des Privatiers dies verdaute.

»Wo ist Kapitän Stebbings?«, fragte die Stimme. Sie war unvermindert argwöhnisch, doch die Verärgerung hatte ein wenig nachgelassen.

»Das ist eine verdammt lange Geschichte«, sagte Jamie gereizt. »Aber er ist nicht an Bord. Falls Ihr herüberkommen und nach ihm suchen wollt, könnt Ihr das gern tun. Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich mir das Hemd wieder anziehe?«

Eine Pause, Gemurmel und das Klicken von Pistolenhähnen, die entspannt wurden. Jetzt ließ meine Erstarrung so weit nach, dass ich meine Augen nach oben richten konnte. Die Reling starrte vor Musketen- und Pistolenläufen, doch die meisten waren zurückgezogen worden und zeigten jetzt harmlos nach oben, während sich ihre Besitzer vorbeugten, um über die Reling zu gaffen.

»Einen Moment noch. Dreht Euch um«, sagte die Stimme.

Jamie holte tief durch die Nase Luft, tat es aber. Er warf mir einen kurzen Blick zu, dann stand er erhobenen Kopfes da, die Zähne zusammengebissen und den Blick auf den Mast gerichtet, um den sich jetzt die Gefangenen aus dem Frachtraum unter Ians Aufsicht gesammelt hatten. Mit völlig verblüfften Mienen glotzten sie zu dem Privatier hinauf und sahen sich wild auf dem Deck um, bevor sie Jamie erspähten, der halb nackt und mit funkelnden Augen wie ein Basilisk dastand. Hätte ich nicht allmählich Angst bekommen, ich könnte einen Herzinfarkt erleiden, hätte ich das komisch gefunden.

»Wohl ein Deserteur aus der britischen Armee, wie?«, sagte die Stimme von der Schaluppe neugierig. Jamie drehte sich um, doch das Funkeln in seinem Blick ließ nicht nach.