»Nein«, sagte er knapp. »Ich bin ein freier Mann – und bin es immer gewesen.«
»Ach ja?« Allmählich nahm die Stimme einen belustigten Tonfall an. »Also gut. Zieht Euer Hemd an, und kommt an Bord.«
Ich konnte kaum atmen und war in kalten Schweiß gebadet, doch mein Herz begann, wieder vernünftiger zu schlagen.
Jamie, der inzwischen wieder angezogen war, nahm meinen Arm.
»Meine Frau und mein Neffe kommen mit mir«, rief er, und ohne auf Zustimmung von der Schaluppe zu warten, fasste er mich um die Taille und stellte mich auf die Reling der Pitt, wo ich nach der Strickleiter greifen konnte, die die Besatzung der Schaluppe ausgeworfen hatte. Er würde es nicht riskieren, noch einmal von mir oder Ian getrennt zu werden.
Das Schiff schwankte in der Dünung, und im ersten Moment musste ich mich mit geschlossenen Augen an die Leiter klammern, weil mir schwindelig wurde. Dazu wurde mir übel, doch ich war mir sicher, dass dies nur eine Folge des Schocks war. Mit geschlossenen Augen entspannte ich mich ein wenig, und es gelang mir, den Fuß auf die nächste Sprosse zu stellen.
»Segel ahoi!«
Der Ruf kam von sehr weit oben; wenn ich den Kopf weit zurücklegte, konnte ich das winzige Krähennest sehen und den winkenden Arm seines Insassen. Ich drehte mich um – und verdrehte dabei die Leiter – und sah das Segel näher kommen. Oben auf dem Deck rief die nasale Stimme Befehle, und nackte Füße trommelten über das Holz, als die Besatzung auf ihre Posten rannte.
Jamie stand auf der Reling der Pitt und hielt mich an der Taille fest, damit ich nicht hinfiel.
»Ach du lieber Himmel«, sagte er durch und durch erstaunt, und als ich den Kopf umwandte, sah ich, dass auch er das herannahende Schiff beobachtete. »Es ist die verflixte Teal.«
Ein hochgewachsener, sehr dünner Mann mit grauem Haar, einem vorstehenden Adamsapfel und durchdringenden eisblauen Augen erwartete uns an der Spitze der Leiter.
»Kapitän Asa Hickman«, bellte er mir entgegen und richtete seine Aufmerksamkeit dann sofort auf Jamie. »Was ist das für ein Schiff? Und wo ist Stebbings?«
Ian kletterte hinter mir über die Reling und sah sich nervös um.
»An Eurer Stelle würde ich die Leiter hochziehen«, sagte er knapp zu einem der Seeleute.
Ich blickte zum Deck der Pitt hinunter, wo ein Gewühl von Männern auf die Reling zudrängte. Laut rufend und wild gestikulierend versuchten die Marineseeleute und die zwangsrekrutierten Männer, sich Gehör zu verschaffen, doch Kapitän Hickman war nicht in der Stimmung.
»Zieht sie hoch«, sagte er zu dem Matrosen und »Kommt mit mir« zu Jamie. Er stapfte über das Deck davon, ohne eine Antwort abzuwarten oder sich umzusehen, ob ihm jemand folgte. Jamie warf einen skeptischen Blick auf die Seeleute, beschloss aber anscheinend, dass sie keine Gefahr darstellten. »Kümmere dich um deine Tante«, sagte er kurz zu Ian und ging hinter Hickman her.
Ian hatte für nichts anderes Augen als für die herannahende Teal.
»Himmel«, flüsterte er, den Blick fest auf das Segel gerichtet. »Meinst du, es geht ihm gut?«
»Rollo? Ich hoffe es jedenfalls.« Mein Gesicht war kalt, kälter, als es nur von der Gischt gewesen wäre, und meine Lippen waren taub geworden. »Ian«, sagte ich so ruhig wie möglich. »Ich glaube, ich werde ohnmächtig.«
Der Druck in meiner Brust schien zu wachsen und raubte mir den Atem. Ich zwang mich zu husten und empfand vorübergehend Erleichterung. Lieber Gott, hatte ich wirklich eine Herzattacke? Schmerzen im linken Arm? Nein. Schmerzen am Kinn? Ja, aber ich hatte die Zähne zusammengebissen, also war das kein Wunder … Ich spürte nicht, wie ich fiel, doch ich spürte den Druck der Hände, die mich auffingen und mich behutsam auf das Deck legten. Ich glaubte, die Augen offen zu haben, doch ich konnte nichts sehen. Mir kam der dumpfe Gedanke, ich könnte im Sterben liegen, doch ich verwarf ihn umgehend. Nein, auf keinen Fall. Es kam einfach nicht infrage. Doch ein merkwürdiger grauer Nebel kam auf mich zugewirbelt.
»Ian«, sagte ich – oder ich glaubte, es zu sagen. Ich fühlte mich ganz ruhig. »Ian, nur vorsichtshalber – sag Jamie, dass ich ihn liebe.« Zu meiner Überraschung wurde nicht alles schwarz, sondern der Nebel kam, und ich fühlte mich sanft von einer friedvollen grauen Wolke umfangen. Der Druck, die Atemnot, der Schmerz waren vollständig verschwunden. Ich hätte mich selig in diesem grauen Nebel treiben lassen können, doch ich war mir nicht sicher, ob ich tatsächlich gesprochen hatte, und das Bedürfnis, Ian mein Anliegen mitzuteilen, plagte mich wie eine Klette unter der Fußsohle.
»Sag es Jamie«, sagte ich dem nebligen Ian immer und immer wieder. »Sag Jamie, ich liebe ihn.«
»Mach die Augen auf und sag es mir selbst, Sassenach«, sagte eine tiefe, drängende Stimme in meiner Nähe.
Ich versuchte, die Augen zu öffnen – und begriff, dass ich es konnte. Vorsichtig holte ich Luft und stellte fest, dass sich meine Brust ungehindert bewegte. Meine Haare waren feucht, und ich lag auf einer harten Unterlage und war mit einer Decke zugedeckt. Jamies Gesicht schwebte über mir, dann kniff ich die Augen zusammen, und es kam zur Ruhe.
»Sag es mir«, wiederholte er und lächelte schwach, obwohl ihm die Sorge Falten ins Gesicht grub.
»Dir sagen … oh! Ich liebe dich. Wo …?« Die Erinnerung an die jüngsten Ereignisse stieg in mir auf, und ich setzte mich abrupt auf. »Die Teal? Was –?«
»Ich habe nicht die geringste Ahnung. Wann hast du zuletzt etwas gegessen, Sassenach?«
»Ich weiß es nicht mehr. Gestern Abend. Wie meinst du das, du hast nicht die geringste Ahnung? Ist sie denn noch da?«
»Oh, aye«, sagte er voller Grimm. »Das ist sie. Sie hat vor ein paar Minuten zwei Schüsse auf uns abgefeuert – obwohl du sie wahrscheinlich nicht hören konntest.«
»Sie hat Schüsse auf uns –« Ich rieb mir mit der Hand über das Gesicht und stellte erfreut fest, dass ich meine Lippen wieder spüren konnte und meine Haut zu ihrer normalen Wärme gefunden hatte. »Sehe ich grau und verschwitzt aus?«, fragte ich Jamie. »Sind meine Lippen blau?«
Er sah erschrocken aus, beugte sich jedoch vor, um sich meinen Mund genau anzusehen.
»Nein«, sagte er im Brustton der Überzeugung und richtete sich nach gründlicher Betrachtung wieder auf. Dann beugte er sich noch einmal vor und gab mir mit einem raschen Kuss Brief und Siegel auf meine gesunde Farbe. »Ich liebe dich auch«, flüsterte er. »Ich bin froh, dass du nicht tot bist. Noch nicht«, fügte er in normalem Tonfall hinzu und richtete sich auf, als in einiger Entfernung das unverwechselbare Geräusch eines Kanonenschusses erscholl.
»Ich vermute, Kapitän Stebbings hat das Kommando auf der Teal übernommen?«, fragte ich. »Ich glaube nicht, dass Kapitän Roberts durch die Gegend fahren und wahllos auf fremde Schiffe schießen würde. Aber warum feuert Stebbings wohl auf uns? Warum versucht er nicht, die Pitt zu entern und sie sich zurückzuholen? Jetzt wäre es doch einfach.«
Meine Symptome waren nun vollständig verschwunden, und mein Kopf war völlig klar. Ich stellte fest, dass man mich auf zwei Truhen mit flachen Deckeln gelegt hatte, die in einer Art kleinem Frachtraum standen; über mir befand sich eine Gitterluke, durch die ich die flatternden Schatten bewegter Segel sah, und an den Wänden stapelte sich eine Ansammlung von Fässern, Bündeln und Kisten. Es roch kräftig nach Teer, Kupfer, Tuch, Schießpulver und … Kaffee? Ich zog die Luft tief durch die Nase ein und fühlte mich mit jeder Sekunde kräftiger. Ja, Kaffee!
Der Knall eines weiteren Kanonenschusses drang gedämpft durch die Wände, und mich durchlief ein kleiner Schauder. Die Vorstellung, im Frachtraum eines Schiffes festzusitzen, das jeden Moment versenkt werden konnte, verdrängte sogar meine gierigen Gedanken an Kaffee.