Auch Jamie hatte sich als Reaktion auf den Schuss umgewandt und sich halb erhoben. Bevor ich aufstehen und vorschlagen konnte, dass wir möglichst schnell an Deck gingen, änderte sich das Licht, das von oben kam, und ein runder Stoppelkopf schaute zur Luke herein.
»Geht es der Lady wieder besser?«, fragte ein Junge höflich. »Der Käpt’n sagt, wenn sie tot ist, werdet Ihr ja hier nicht mehr gebraucht, und er möchte, dass Ihr sofort zu ihm nach oben kommt, Sir.«
»Und wenn ich nicht tot bin?«, erkundigte ich mich, während ich versuchte, meine Unterröcke glatt zu streichen, die am Saum nass waren – und auch ansonsten feucht und hoffnungslos zerknittert. Verflixt. Jetzt hatte ich meinen goldbeschwerten Rock mit der Tasche an Bord der Pitt zurückgelassen. Wenn das so weiterging, konnte ich noch von Glück sagen, wenn ich in Hemd und Korsett an Land kam.
Der Junge – auf den zweiten Blick war er wahrscheinlich etwa vierzehn, auch wenn er viel jünger aussah – lächelte bei meiner Frage.
»In diesem Fall hat er angeboten, Euch persönlich über Bord zu werfen, Ma’am, damit sich Euer Mann wieder konzentrieren kann. Käpt’n Hickman redet manchmal etwas vorschnell«, fügte er hinzu und verzog entschuldigend das Gesicht. »Er meint es aber nicht so. Normalerweise.«
»Ich komme mit.« Ich stand auf, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, nahm aber gern Jamies Arm. Unser neuer Bekannter führte uns durch das Schiff und teilte uns dabei hilfreicherweise mit, sein Name sei Abram Zenn (»Mein Pa war nämlich ein belesener Mann, und weil ihm Mr Johnsons Wörterbuch so gefallen hat, war er begeistert von der Vorstellung, dass ich A bis Z bin.«), er sei der Schiffsjunge (das Schiff hieß tatsächlich Aspis, was mich freute), und der Grund für Kapitän Hickmans Aufregung sei eine langwierige Fehde mit dem Marinekapitän Stebbings. »Sie hatten schon mehrere Zusammenstöße, und Käpt’n Hickman hat geschworen, dass der nächste der letzte ist.«
»Ich nehme an, Kapitän Stebbings denkt genauso?«, fragte Jamie trocken, und Abram nickte heftig.
»Ein Mann in einem Wirtshaus in Roanoke hat mir erzählt, Käpt’n Stebbings hätte dort etwas getrunken und zu allen Gästen gesagt, er würde Käpt’n Hickman an seiner Rah aufknüpfen und ihn dort hängen lassen, damit ihm die Möwen die Augen auspicken könnten. Das würden sie nämlich tun«, fügte er finster hinzu und warf einen Blick auf die Vögel, die draußen über das Wasser segelten. »Möwen sind hinterlistige Biester.«
Weitere interessante Auskünfte wurden durch unsere Ankunft in Kapitän Hickmans Allerheiligstem unterbunden, einer beengten Heckkajüte, die genauso mit Frachtgut vollgestopft war wie der Frachtraum selbst. Ian war schon dort und gab den gefangenen Mohawk kurz vor der Verbrennung am Marterpfahl, woraus ich schloss, dass ihm Kapitän Hickman nicht besonders sympathisch war. Dies schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen, zumindest der brennenden Farbe nach, die die hageren Wangen des Letzteren angenommen hatten.
»Ah«, sagte Hickman knapp, als er uns sah. »Freut mich, dass Ihr doch nicht aus dem Leben geschieden seid, Ma’am. Was für ein trauriger Verlust das für Euren Mann gewesen wäre, so eine treu ergebene Frau.« Angesichts des sarkastischen Tonfalls seiner letzten Worte fragte ich mich, wie oft ich Ian wohl gebeten hatte, Jamie meine Liebe mitzuteilen, und wie viele Leute dies wohl mit angehört hatten, doch Jamie überhörte diesen Kommentar und wies mich an, mich auf das ungemachte Bett des Kapitäns zu setzen, bevor er sich an den Mann selbst richtete.
»Ich habe mir sagen lassen, dass die Teal auf uns feuert«, begann er gelassen. »Seht Ihr darin keinen Grund zur Sorge, Sir?«
»Noch nicht.« Hickman warf einen nachlässigen Blick auf seine Heckfenster, die zur Hälfte mit Blenden verdeckt waren, wahrscheinlich, weil das Glas beschädigt war; auch die restlichen Scheiben waren zum Großteil voller Sprünge. »Noch hofft er einfach auf einen Glückstreffer. Wir haben das Barometer auf unserer Seite, und das wird wahrscheinlich noch ein paar Stunden so bleiben.«
»Ich verstehe«, sagte Jamie, der tatsächlich so wirkte, als wüsste er, was das bedeutete.
»Kapitän Hickman denkt darüber nach, ob er die Teal angreifen soll, Onkel Jamie«, meldete sich Ian taktvoll zu Wort, »oder ob er ihm davonsegeln soll. Das Barometer auf unserer Seite zu haben, bedeutet, glaube ich, dass wir der Teal im Moment an Manövrierfähigkeit überlegen sind.«
»Schon einmal davon gehört, dass der Klügere nachgibt?«, sagte Hickman und funkelte Ian wütend an. »Wenn ich ihn versenken kann, werde ich das tun. Wenn ich ihn auf seinem eigenen Achterdeck erschießen und das Schiff übernehmen kann, wäre mir das noch lieber, aber wenn ich muss, schicke ich ihn auch auf den Meeresboden. Aber ich lasse mich nicht von ihm versenken, nicht heute.«
»Warum denn nicht heute?«, fragte ich. »Im Gegensatz zu jedem anderen Tag, meine ich.«
Hickmans Miene war überrascht; anscheinend war er davon ausgegangen, dass ich nur zur Zierde diente.
»Weil ich wichtige Fracht befördere, Ma’am, die ich nicht aufs Spiel setzen darf. Es sei denn, ich bekäme diese miese Ratte Stebbings in die Finger, ohne ein großes Risiko einzugehen«, fügte er dumpf hinzu.
»Ich vermute, bei Eurem höchst entschlossenen Versuch, die Pitt zu versenken, seid Ihr davon ausgegangen, dass sich Kapitän Stebbings an Bord befand?«, fragte Jamie. Die Kajütendecke war so niedrig, dass er, Ian und Hickman gezwungen waren, sich in der Hocke zu unterhalten wie bei einer Zusammenkunft von Schimpansen. Das Bett war tatsächlich der einzige Sitzplatz, und auf dem Boden zu knien, hätte natürlich der Würde dieses Zusammentreffens feiner Herren Abbruch getan.
»So war es, Sir, und ich bin Euch dankbar, dass Ihr mich noch rechtzeitig daran gehindert habt. Vielleicht können wir ja ein Glas zusammen trinken, wenn wir etwas mehr Zeit haben, und dann könnt Ihr mir erzählen, was Eurem Rücken zugestoßen ist.«
»Vielleicht auch nicht«, sagte Jamie höflich. »Außerdem vermute ich, dass wir die Fahrt wieder aufgenommen haben. Wo befindet sich die Pitt jetzt?«
»Sie treibt ungefähr zwei Meilen backbord im Wasser. Wenn ich Stebbings fertigmachen kann«, und bei dieser Vorstellung bekam Hickman quasi rot glühende Augen, »komme ich zurück und hole sie mir.«
»Falls noch jemand an Bord ist, der sie segeln kann«, sagte Ian. »Als ich den letzten Blick darauf geworfen habe, war an Deck alles in Aufruhr. Was könnte Euch denn dazu bewegen, die Teal anzugreifen, Sir?«, fragte er und hob die Stimme. »Mein Onkel und ich können Euch alles über ihre Bewaffnung und ihre Besatzung sagen. Selbst wenn Stebbings das Schiff unter seine Kontrolle gebracht hat, bezweifle ich, dass er es in den Kampf führen kann. Er hat höchstens zehn eigene Männer, und Kapitän Roberts und seine Männer werden sich kaum an einem Kampf beteiligen.«
Jamie sah Ian scharf an.
»Du weißt doch, dass sie ihn wahrscheinlich längst umgebracht haben.«
Ian hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit Jamie, doch die Miene unbeirrbarer Sturheit, die er jetzt aufsetzte, kannte ich nur zu gut.
»Aye, vielleicht. Würdest du mich denn zurücklassen, wenn du nur glauben würdest, dass ich tot bin?«
Ich konnte sehen, wie Jamie den Mund öffnete, um zu sagen: »Er ist ein Hund.« Doch er tat es nicht. Er schloss die Augen und seufzte, während er offensichtlich über die Vorstellung nachdachte, eine Seeschlacht anzuzetteln – und dabei rein zufällig unser aller Leben – ganz zu schweigen vom Leben der Männer an Bord der Teal – für einen alternden Hund aufs Spiel zu setzen, der möglicherweise bereits tot, wenn nicht gar von einem Hai verschlungen worden war. Dann öffnete er sie wieder und nickte.
»Aye, also gut.« Er richtete sich auf, soweit das in der beengten Kajüte möglich war, und wandte sich an Hickman. »Mein Neffe hat einen besonderen Freund an Bord der Teal, der sich wahrscheinlich in Gefahr befindet. Ich weiß, dass Euch das nichts angeht, doch es ist die Erklärung für unser Interesse. Was Euch betrifft … von Kapitän Stebbings einmal abgesehen, transportiert die Teal Frachtgut, das Euch ebenfalls interessieren könnte – sechs Kisten mit Gewehren.«