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Ian und ich schnappten beide nach Luft. Hickman richtete sich abrupt auf und stieß sich den Kopf an einem Balken.

»Oh! Heiliger Moses. Seid Ihr Euch da sicher?«

»Ja. Und ich könnte mir vorstellen, dass die Kontinentalarmee sie vielleicht brauchen kann.«

Ich fand, dass er sich auf gefährlichem Terrain bewegte; die Tatsache, dass Hickman große Antipathien gegen Kapitän Stebbings hegte, bedeutete noch lange nicht, dass er ein amerikanischer Patriot war. Nach dem wenigen, was ich bis jetzt von ihm gesehen hatte, schien mir Kapitän Stebbings durchaus jemand zu sein, den man aus persönlichen Gründen hassen konnte, ungeachtet jeder politischen Überlegung.

Doch Hickman leugnete es nicht; eigentlich hatte er Jamies Bemerkung kaum zur Kenntnis genommen, so sehr erregte ihn die Erwähnung der Gewehre. War das wirklich wahr?, fragte ich mich. Doch Jamie hatte absolut überzeugt geklungen. In Gedanken überflog ich den Inhalt des Frachtraums der Teal und suchte nach etwas Passendem.

»Ach du lieber Himmel«, platzte ich heraus. »Die Kisten, die für New Haven bestimmt sind?« Fast hätte ich Hannah Arnolds Namen herausposaunt, doch in letzter Sekunde begriff ich, dass Hickman, wenn er tatsächlich Patriot war – denn möglicherweise war er ja einfach nur ein Geschäftsmann, der bereit war, an beide Seiten zu verkaufen –, den Namen wahrscheinlich erkennen und begreifen würde, dass diese Gewehre ohnehin dazu bestimmt waren, mit Oberst Arnolds Hilfe die Kontinentalarmee zu erreichen.

Jamie nickte, ohne den Blick von Hickman abzuwenden, der ein kleines Barometer an der Wand betrachtete, als sei es eine Kristallkugel. Was auch immer es ihm sagte, es schien günstig zu sein, denn er nickte und schoss aus der Kajüte, als stünde seine Hose in Flammen.

»Wo ist er hin?«, wollte Ian wissen, der ihm hinterherstarrte.

»Wahrscheinlich will er den Wind prüfen«, sagte ich stolz, weil ich auch einmal etwas wusste. »Um sicherzugehen, dass er das Barometer immer noch auf seiner Seite hat.«

Jamie war dabei, Hickmans Schreibtisch zu durchsuchen. Genau jetzt brachte er einen ziemlich schrumpeligen Apfel zum Vorschein, den er mir in den Schoß warf. »Iss das, Sassenach.« Ich roch an dem Apfel; er hatte eindeutig schon bessere Tage gesehen, strömte aber immer noch einen schwachen, süßen Duft aus, der meinen verschwundenen Appetit schlagartig wiederauferstehen ließ. Ich biss vorsichtig hinein, und das Wasser lief mir im Mund zusammen. Ich verschlang den Apfel mit zwei weiteren heißhungrigen Bissen.

Kapitän Hickmans hohe, nasale Stimme ertönte durchdringend an Deck. Ich konnte nicht hören, was er sagte, doch die Reaktion ließ nicht auf sich warten; Schritte trampelten hin und her, und das Schiff drehte sich plötzlich, weil seine Segel neu justiert wurden. Unter Klimpern und Ächzen wurden Kanonenkugeln bewegt, und das Rumpeln der Geschützlafetten hallte durch das Schiff. Anscheinend hatten wir das Barometer tatsächlich auf unserer Seite.

Ich merkte, wie Ians Gesicht heftig erregt aufleuchtete, und es freute mich, das zu sehen, doch ich musste auch meinen Bedenken Gehör verschaffen.

»Macht dich das alles denn überhaupt nicht nachdenklich?«, sagte ich zu Jamie. »Ich meine – er ist schließlich ein Hund.«

Er schielte mich von der Seite an und zuckte mürrisch mit den Achseln.

»Aye, nun ja. Ich habe schon Schlachten erlebt, die aus geringfügigeren Gründen ausgefochten wurden. Und ich habe mich im Lauf des letzten Tages der Piraterie, der Meuterei und des Mordes schuldig gemacht. Jetzt kann ich auch ganze Sachen machen und Hochverrat hinzufügen.«

»Außerdem, Tante Claire«, mischte Ian sich tadelnd ein, »ist er ein braver Hund.«

Barometer hin oder her, wir mussten eine Ewigkeit lang vorsichtig manövrieren, bis sich die beiden Schiffe einander so weit genähert hatten, dass es gefährlich werden konnte. Inzwischen stand die Sonne höchstens noch eine Handbreit über dem Horizont, die Segel begannen, in einem unheilvollen Rot zu leuchten, und meine sittsam jungfräuliche Morgendämmerung schien in einem wogenden Meer aus Blut enden zu wollen.

Die Teal kreuzte weniger als eine halbe Meile von uns entfernt mit halb gerefften Segeln sacht hin und her. Kapitän Hickman stand an Deck der Aspis, und seine Hände hielten die Reling umklammert, als sei diese Stebbings’ Kehle. Seine Miene war die eines Windhundes kurz vor dem Start des Kaninchens.

»Zeit, dass Ihr nach unten geht, Ma’am«, sagte Hickman, ohne mich anzusehen. »Hier oben wird es gleich sehr heiß zugehen.« Er reckte angespannt die Finger.

Ich widersprach ihm nicht. Die Anspannung an Deck war so intensiv, dass man sie beinahe riechen konnte; Testosteron mit einem Hauch von Schwefel und Schwarzpulver. Da Männer jedoch nun einmal sind, wie sie sind, schienen alle bemerkenswert gut gelaunt zu sein.

Ich hielt inne, um Jamie zu küssen – eine Geste, die er mit solchem Nachdruck erwiderte, dass meine Unterlippe davon zu pochen begann –, und ignorierte entschlossen jeden Gedanken daran, dass ich ihn das nächste Mal vielleicht in Einzelteilen wiedersehen würde. Ich war schon mehrfach mit dieser Möglichkeit konfrontiert gewesen, und sie schüchterte mich zwar auch mit zunehmender Übung nicht weniger ein, doch ich konnte sie zunehmend besser ignorieren.

Zumindest dachte ich das. Als ich jetzt in der fast vollkommenen Dunkelheit des Frachtraumes saß, den Modergeruch des Wassers im Kielraum in der Nase und Geräusche im Ohr, von denen ich mir sicher war, dass es Ratten waren, die über die Ketten huschten, fiel es mir schon schwerer, die Geräusche nicht zu beachten, die von oben kamen; das Rumpeln der Geschützlafetten – die Aspis hatte auf jeder Seite nur vier Kanonen, doch es waren Zwölfpfünder; schwere Bewaffnung für einen Küstenschoner. Die Teal, die als Hochseehandelsschiff darauf eingerichtet war, Bedrohungen aller Art abzuwehren, hatte acht Sechzehnpfünder auf jeder Seite, dazu zwei Karronaden auf dem Oberdeck, zwei Bugkanonen und eine am Heck.

»Sie würde vor jedem Kriegsschiff die Flucht ergreifen«, erklärte mir Abram, der mich gebeten hatte, ihm die Bewaffnung der Teal zu beschreiben. »Und sie würde wohl kaum von sich aus versuchen, ein anderes Schiff anzugreifen oder zu versenken. Also dürfte sie keine große Menge an Munition dabeihaben, selbst wenn sie dafür ausgerüstet wäre, was ich nicht glaube. Außerdem bezweifle ich, dass Kapitän Stebbings auch nur eine Seite richtig bemannen kann, also sollten wir nicht den Mut verlieren.« Sein Tonfall war sehr zuversichtlich, was ich amüsant fand, aber auch seltsam beruhigend. Er schien das zu begreifen, denn er beugte sich vor und tätschelte mir sanft die Hand.

»Macht Euch keine Sorgen, Ma’am«, sagte er. »Mr Fraser hat zu mir gesagt, ich soll aufpassen, dass Euch nichts zustößt, und das werde ich – da könnt Ihr Euch sicher sein.«

»Danke«, sagte ich würdevoll. Da ich weder loslachen noch in Tränen ausbrechen wollte, räusperte ich mich und fragte: »Wisst Ihr, was zu dem Ärger zwischen Kapitän Hickman und Kapitän Stebbings geführt hat?«

»O ja, Ma’am«, erwiderte er prompt. »Kapitän Stebbings ist schon seit Jahren die Plage des Distrikts – er hält Schiffe an, die zu durchsuchen er kein Recht hat, nimmt legale Fracht an sich und behauptet, es sei Schmuggelware –, und wir bezweifeln sehr, dass irgendetwas davon je ein Lagerhaus der Zollbehörde von innen zu sehen bekommt!«, fügte er hinzu, und es war offensichtlich, dass er damit einen Satz zitierte, den er schon mehr als einmal gehört hatte. »Aber vor allem war es das, was mit der Annabelle geschehen ist.«