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»Verfluchte Zeitverschwendung«, knurrte er schroff und bohrte die Finger in die Kante der Truhe, auf der er saß. »Wir sollten lieber gegen die Froschfresser kämpfen als gegen unsere eigenen Landsleute. Was sollen wir denn davon haben? Gütiger Himmel«, ächzte er leise und wurde bleich.

»Gebt ihm etwas, worauf er beißen kann, ja, Abram?«, sagte ich. Ich war damit beschäftigt, ihm die Knochensplitter aus dem ruinierten Fuß zu picken, und fragte mich, ob ihm wohl mit einer schnellen Amputation besser gedient wäre. Das Infektionsrisiko würde vielleicht geringer sein, und er würde ohnehin für immer schmerzhaft hinken, doch es widerstrebte mir dennoch sehr …

»Nein, es geht schon, Ma’am«, sagte er und holte tief Luft. »Was hältst du denn davon, Kleiner?«

»Ich halte sie für richtig und notwendig, Sir«, erwiderte Abram standhaft. »Der König ist ein Tyrann, und jeder anständige Mensch hat die Pflicht, sich der Tyrannei zu widersetzen.«

»Was?«, sagte der Seemann schockiert. »Der König ein Tyrann? Wer sagt denn solche Gemeinheiten?«

»Nun … Mr Jefferson. Und – wir alle! Wir sind alle dieser Meinung«, sagte Abram, den der vehemente Widerspruch äußerst verblüffte.

»Nun, dann seid Ihr alle ein Haufen verdammter Narren – Verzeihung, Ma’am«, fügte er mit einem Kopfnicken in meine Richtung hinzu. Sein Blick fiel auf seinen Fuß, und er wankte ein wenig und schloss die Augen, fragte dann aber: »Ihr glaubt doch wohl nicht an solchen Unsinn, oder, Ma’am? Ihr solltet Euren Jungen hier zur Vernunft bringen.«

»Zur Vernunft?«, rief Abram aufgebracht. »Ihr findet es vernünftig, dass wir nicht sagen oder schreiben dürfen, was wir wollen?«

Der Seemann öffnete ein Auge.

»Natürlich ist das vernünftig«, sagte er, offensichtlich um Mäßigung bemüht. »Es sagt doch trotzdem jeder Schwachkopf – Verzeihung, Ma’am –, was er will, und stiftet die Leute zu Dummheiten an. Und wohin hat das geführt? Zu nichts als Aufruhr und Ruhestörung. Den Leuten werden die Häuser angezündet, und man schlägt sie auf der Straße zusammen. Hast du schon einmal von den Cutter-Unruhen gehört, Junge?«

Offensichtlich hatte Abram das nicht, sondern hielt mit einer heftigen Verunglimpfung der sogenannten Unerträglichen Gesetze dagegen, was wiederum Mr Ormiston – inzwischen hatten wir uns einander vorgestellt – dazu bewog, laut zu prusten und die Einschränkungen aufzuzählen, die die Londoner im Vergleich zum luxuriösen Dasein der undankbaren Kolonisten erdulden mussten.

»Undankbar!«, protestierte Abram mit verkrampfter Miene. »Und wofür sollten wir dankbar sein? Dafür, dass man uns Soldaten auf den Hals hetzt?«

»Oh, auf den Hals hetzt, wie?«, rief Mr Ormiston im Tonfall selbstgerechter Entrüstung. »Was für eine Ausdrucksweise! Was glaubst du denn, junger Mann, wer euch alle davor bewahrt hat, von den Indianern skalpiert oder von den Franzosen überrannt zu werden? Und was glaubst du, wer das alles bezahlt hat, wie?«

Diese clevere Entgegnung riss die wartenden Männer, die sich inzwischen alle in das Streitgespräch eingemischt hatten, zu Beifallsrufen – und diversen Spötteleien – hin.

»Das ist ja wirklich der blanke Unsinn –«, begann Abram und plusterte die schmale Brust auf wie eine ausgehungerte Taube, doch er wurde unterbrochen, weil ein alter Bekannter von der Teal eintrat: Mr Smith, der einen Leinenbeutel in der Hand trug und ein entschuldigendes Gesicht aufgesetzt hatte.

»Eure Kajüte war leider völlig dahin, Ma’am«, sagte er. »Aber ich habe das bisschen aufgesammelt, was auf dem Boden lag. Vielleicht –«

»Jonas Marsden!« Mr Ormiston, der versucht hatte aufzustehen, ließ sich mit offenem Mund wieder auf die Truhe plumpsen. »Das kann doch wohl nicht wahr sein!«

»Wer?«, fragte ich verblüfft.

»Jonas – nun, es ist nicht sein richtiger Name, wie heißt er noch … oh, Bill, glaube ich, aber wir haben ihn Jonas genannt, weil er schon so oft untergegangen ist.«

»Aber Joe.« Mr Smith – oder Mr Marsden – hielt rückwärts auf die Tür zu und lächelte nervös. »Das ist doch alles schon lange her, und –«

»So lange nun auch wieder nicht.« Mr Ormiston erhob sich mühsam und stützte sich mit einer Hand auf einen Stapel Heringsfässer, um seinen verletzten Fuß nicht belasten zu müssen. »Jedenfalls nicht so lange, dass dich die Marine vergessen würde, du dreckiger Deserteur!«

Mr Smith verschwand abrupt über die Leiter, vorbei an zwei Seeleuten, die einen dritten wie eine Rinderhälfte hinunterschleppten. Leise fluchend ließen sie ihn zu meinen Füßen auf das Deck fallen und traten keuchend zurück. Es war Kapitän Stebbings.

»Er is’ nich’ tot«, teilte mir einer von ihnen hilfreicherweise mit.

»Oh, gut.« Mein Tonfall klang anscheinend nicht überzeugend, denn der Kapitän schlug ein Auge auf und funkelte mich böse an.

»Ihr wollt mich hierlassen, damit diese … Schlampe an mir herumsäbeln kann?«, sagte er heiser und keuchte angestrengt. »Da ster– sterbe ich doch lieber wie ein Eh– Ehrenmann.« Diese Feststellung endete in einem gurgelnden Blubbern, das mich dazu bewegte, ihm sofort den rauchgeschwärzten, blutdurchtränkten Rock und das Hemd aufzureißen. Tatsächlich hatte er ein prachtvolles rundes Loch in der rechten Brust, aus dem das unheilvolle nasse Schlürfen einer verletzten Lunge drang.

Ich stieß einen derben Fluch aus, und die beiden Männer, die ihn zu mir gebracht hatten, traten leise murmelnd von einem Bein aufs andere. Ich wiederholte mich noch einmal lauter, packte Stebbings’ Hand und drückte sie auf das Loch.

»Lasst sie dort liegen, wenn Ihr die Chance haben wollt, ehrenvoll zu sterben«, sagte ich zu ihm. »Ihr da!«, rief ich einem der Männer zu, die sich davonzustehlen versuchten. »Holt mir etwas Öl aus der Kombüse. Schnell! Und Ihr –« Meine Stimme erwischte den anderen, der schuldbewusst anhielt. »Segeltuch und Teer. So schnell Ihr könnt!«

»Haltet den Mund«, riet ich Stebbings, dem weitere Bemerkungen auf der Zunge zu liegen schienen. »Eure Lunge ist kollabiert, und wenn ich sie nicht wieder aufblasen kann, sterbt Ihr auf der Stelle wie ein Hund.«

»Hg«, sagte er, was ich als Zustimmung interpretierte. Seine Hand war kräftig, und für den Augenblick hielt sie das Loch einigermaßen versiegelt. Das Problem war, dass er zweifellos nicht nur ein Loch in der Brust hatte, sondern auch in der Lunge. Ich musste das äußere Loch versiegeln, damit keine Luft eindringen und die Lunge zusammendrücken konnte, doch ich musste auch dafür sorgen, dass die Luft aus dem Brustraum rings um die Lunge entweichen konnte. Im Moment strömte die Luft aus der verletzten Lunge bei jedem Ausatmen genau in diesen Raum, was alles noch verschlimmerte.

Außerdem war es möglich, dass er an seinem eigenen Blut ertrank, doch daran konnte ich nun wirklich nichts ändern, also dachte ich auch nicht weiter darüber nach.

»Positiv betrachtet«, sagte ich zu ihm, »war es immerhin eine Kugel, kein Schrapnell oder ein Splitter. Und glühendes Eisen hat ein Gutes: Es sterilisiert die Wunde. Bitte hebt kurz die Hand. Ausatmen.« Ich griff selbst nach seiner Hand und hob sie hoch. Ich zählte bis zwei, während er ausatmete, dann drückte ich sie wieder fest auf die Wunde. Das Blut gab einen glitschigen Laut von sich. Es war eine Menge Blut für einen solchen Einschuss, doch er hustete nicht und spuckte auch kein Blut … woher – oh!

»Ist das Euer Blut, oder stammt es von jemand anderem?«, wollte ich wissen und zeigte mit dem Finger auf seine Brust.

Er hatte die Augen halb geschlossen, doch bei diesen Worten wandte er den Kopf und entblößte seine schlechten Zähne zu einem Wolfsgrinsen.

»Von … Eurem Mann«, flüsterte er heiser.

»Wichser«, sagte ich gereizt und hob erneut seine Hand an. »Ausatmen.« Die Männer hatten gesehen, dass ich mich um Stebbings kümmerte; es trafen immer neue Verletzte von der Teal ein, doch bei den meisten von ihnen schien es nichts Lebensbedrohliches zu sein. Ich erteilte den unverletzten Männern kurze Anweisungen, wie sie Druck auf die Wunden ausüben oder gebrochene Knochen lagern sollten, damit es nicht zu weiteren Verletzungen kam.