Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis das Öl und das Segeltuch kamen, sodass mir hinreichend Zeit blieb, mich zu fragen, wo Jamie und Ian waren, doch endlich wurden die Erste-Hilfe-Mittel gebracht. Ich säbelte mir mit dem Messer ein Stück Segeltuch zurecht, riss einen langen Kalikostreifen für den Feldverband ab, schob dann Stebbings’ Hand beiseite, wischte ihm mit meinem Unterrock das Blut ab, goss Lampenöl über seine Brust und den Segeltuchflicken und presste diesen dann so auf die Wunde, dass er sie provisorisch abdichtete. Danach legte ich Stebbings’ Hand so darauf, dass eine Ecke des Flickens frei blieb, und wickelte ihm die Kalikobinde um den Oberkörper.
»Nun gut«, sagte ich. »Ich muss den Flicken mit Teer festkleben, damit er besser dicht hält, doch es wird etwas dauern, den Teer anzuwärmen. Das könntet Ihr tun«, wies ich den Seemann an, der mir das Öl gebracht hatte und gerade erneut versuchte, sich heimlich davonzustehlen. Nun drehte ich hastig die Runde, um einen Blick auf die Verletzten zu werfen, die auf dem Boden hockten oder lagen. »Schön. Wer liegt im Sterben?«
Erstaunlicherweise waren nur zwei Männer, die von der Teal herübergeholt worden waren, tot, einer mit schrecklichen Kopfverletzungen durch umherfliegende Splitter und Schrapnellteilchen, der andere verblutet, nachdem ihm vermutlich eine Kanonenkugel das linke Bein halb abgerissen hatte.
Den hätte ich retten können, dachte ich, doch mein Bedauern ging in den Bedürfnissen der Situation unter.
Gar nicht so schlecht, konstatierte ich, während ich rasch die Reihe zu meinen Füßen abarbeitete, um die Männer nach dem Ernst ihrer Verletzungen zu sortieren, und dabei meinem unfreiwilligen Assistenten Anweisungen erteilte. Splitterwunden, zwei Streifschüsse, ein halb abgerissenes Ohr, einer, dem eine Kugel im Oberschenkel steckte, zum Glück jedoch nicht in der Nähe der Arterie.
Aus dem tiefer gelegenen Frachtraum war Hämmern und Knirschen zu hören – dort waren die Reparaturarbeiten in vollem Gange. Während ich die Verletzten versorgte, konnte ich mir den Verlauf der Schlacht aus den Bemerkungen der Männer zusammenreimen, die auf meine Zuwendung warteten.
Nach einem stockenden Austausch von Breitseiten, die dem angeknacksten Hauptmast der Teal den Rest gegeben und die Aspis oberhalb der Wasseroberfläche durchlöchert hatten, war die Teal scharf abgedreht – die Männer waren geteilter Meinung, ob der Kapitän dies mit Absicht getan hatte oder nicht –, auf die Aspis zugesteuert und an ihrer Bordwand entlanggeschrammt, sodass die beiden Schiffe Reling an Reling zu liegen kamen.
Es schien kaum vorstellbar, dass Stebbings vorgehabt hatte, die Aspis zu entern, obwohl er nur so wenige Männer hatte, auf die er sich verlassen konnte; wenn es Absicht gewesen war, hatte er vielleicht vorgehabt, uns zu rammen. Ich blickte auf ihn nieder, doch seine Augen waren geschlossen, und seine Gesichtsfarbe verhieß nichts Gutes. Ich hob seine Hand und hörte das leise Zischen der Luft, dann legte ich sie ihm wieder auf die Brust und fuhr mit meiner Arbeit fort. Er war eindeutig nicht in der Verfassung, den Spekulationen über seine Absichten ein Ende zu setzen.
Wie auch immer diese ausgesehen hatten, Kapitän Hickman hatte sie unterbunden, indem er johlend über die Reling der Teal gesprungen kam, gefolgt von einem Schwarm seiner Männer. Sie waren auf ihrem Weg über das Deck kaum auf Widerstand gestoßen, obwohl sich die Männer von der Pitt in der Nähe des Steuers um Stebbings gesammelt und wütend gekämpft hatten. Doch es war klar gewesen, dass der Sieg den Männern von der Aspis gehörte. Und dann war die Teal mit voller Wucht auf Grund gelaufen und hatte alle Mann flach auf das Deck geworfen.
Fest davon überzeugt, dass das Schiff sinken würde, hatte alles, was sich noch bewegen konnte, dies auch getan, und Enterer wie Verteidiger waren gemeinsam zurück auf die Aspis gesprungen – die abrupt zur Seite scherte, während ihr ein geistig umnachteter Verteidiger der Teal noch ein oder zwei letzte Schüsse nachsandte – und mit dem Kiel eine Kiesbank rammte.
»Keine Sorge, Ma’am«, versicherte mir einer der Männer. »Wenn die Flut kommt, schwimmt sie weiter.«
Die Geräusche von unten wurden jetzt schwächer, und ich begann, mich alle paar Minuten umzusehen, weil ich hoffte, Jamie oder Ian zu entdecken.
Ich war gerade dabei, einen armen Tropf zu untersuchen, der einen Splitter im Auge hatte, als er das andere Auge plötzlich vor Schreck weit aufriss. Ich drehte mich um und fand Rollo keuchend und triefend an meiner Seite vor. Er hatte die enormen Zähne zu einem Grinsen entblößt, das Stebbings’ Bemühungen weit in den Schatten stellte.
»Hund!«, rief ich entzückt. Ich konnte ihn nicht in die Arme nehmen – nun ja, eigentlich wollte ich es nicht –, sah mich aber rasch nach Ian um, der jetzt ebenfalls klatschnass auf mich zugehumpelt kam, aber das gleiche Grinsen aufgesetzt hatte.
»Wir sind ins Wasser gefallen«, sagte er heiser und hockte sich neben mich. Unter ihm bildete sich eine kleine Pfütze.
»Das sehe ich. Bitte tief Luft holen«, sagte ich zu dem Mann mit dem Splitter im Auge. »Eins … ja, gut so … zwei … ja …« Als er ausatmete, fasste ich den Splitter und zog fest daran. Er rutschte heraus, gefolgt von einem Schwall Glaskörperflüssigkeit und Blut. Ich biss die Zähne zusammen, und Ian wurde von einem starken Brechreiz gepackt. Doch es war nicht viel Blut. Wenn der Splitter die Augenhöhle nicht durchdrungen hatte, konnte ich vielleicht eine Entzündung verhindern, indem ich den Augapfel entfernte und die Augenhöhle ausfüllte. Aber das musste warten. Ich schnitt ein Stück Stoff vom Hemdschoß des Mannes ab, tränkte es in Brandy, drückte es vor das ruinierte Auge und bat ihn, es dort festzuhalten. Das tat er, obwohl er dabei aufstöhnte und so alarmierend schwankte, dass ich schon Angst hatte, er könnte umkippen.
»Wo ist denn dein Onkel?«, fragte ich Ian mit dem dumpfen Gefühl, dass ich die Antwort gar nicht hören wollte.
»Dort drüben«, antwortete Ian und wies kopfnickend zur Seite. Ich fuhr herum, eine Hand noch auf die Schulter des einäugigen Mannes gestützt, und sah Jamie die Leiter herunterkommen. Er stritt sich lautstark mit Kapitän Hickman, der ihm auf dem Fuß folgte. Jamies Hemd war blutdurchtränkt, und mit einer Hand hielt er sich einen nicht minder blutdurchtränkten Stoffbausch an die Schulter. Anscheinend war Stebbings nicht nur darauf aus gewesen, mir die Laune zu verderben. Doch Jamie konnte zumindest noch stehen, und er war zwar blass, aber er kochte gleichzeitig vor Wut. Ich war mir hinreichend sicher, dass er nicht sterben würde, solange er so wütend war, und ergriff eine Segeltuchbinde, um einen gebrochenen Arm zu stabilisieren.
»Hund!«, sagte Hickman, als er neben dem flach liegenden Stebbings zum Stehen kam. Doch er sagte es nicht im selben Tonfall, wie ich es getan hatte, und Stebbings öffnete ein Auge.
»Selber Hund«, keuchte er mit belegter Stimme.
»Hund, Hund, Hund! Schweinehund!«, fügte Hickman hinzu, um das letzte Wort zu haben, und holte aus, um Stebbings in die Seite zu treten. Ich langte nach seinem Fuß, und es gelang mir, ihn so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass er zur Seite schwankte. Jamie fing ihn mit einem Schmerzenslaut auf, doch Hickman kämpfte sich wieder hoch und schob Jamie von sich.
»Ihr könnt den Mann doch nicht kaltblütig ermorden!«
»O doch«, erwiderte Hickman prompt. »Seht nur her!« Er zog eine enorme Pistole aus einem gammeligen Lederhalfter und spannte sie. Jamie fasste sie am Lauf und nahm sie ihm zielsicher aus der Hand, sodass er mit gekrümmten Fingern und überraschter Miene dastand.