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»Ich kann nicht glauben, Sir«, appellierte Jamie an Hickmans Vernunft, »dass Ihr vorhabt, einen verwundeten Feind zu töten – noch dazu einen uniformierten Feind, den Ihr unter seiner eigenen Flagge gefangen genommen habt und der sich ergeben hat. Kein Ehrenmann würde so etwas gutheißen.«

Hickman richtete sich auf und wurde puterrot.

»Wollt Ihr etwa meine Ehre in Zweifel ziehen, Sir?«

Ich sah, wie sich die Muskeln in Jamies Hals und Schultern anspannten, doch bevor er etwas sagen konnte, trat Ian an seine Seite, sodass sie Schulter an Schulter standen.

»Aye, das will er. Und ich auch.«

Rollo, dem der Pelz immer noch in nassen Stacheln in alle Himmelsrichtungen stand, zog knurrend seine schwarzen Lippen zurück, sodass der Großteil seiner Zähne sichtbar wurde, womit er ebenfalls seine Unterstützung für diesen Standpunkt kundtat.

Hickmans Blick wanderte von Ians finsterer, tätowierter Visage zu Rollos beeindruckenden Reißzähnen und dann wieder zu Jamie, der den Hahn der Pistole entspannt hatte und sie in seinen Gürtel gesteckt hatte. Er atmete schwer.

»Dann ist es Eure Schuld«, sagte er abrupt und wandte sich ab.

Kapitän Stebbings atmete ebenfalls schwer, ein unheilvolles Blubbern. Sein Gesicht war weiß und seine Lippen blau, doch er war bei Bewusstsein. Sein Blick war während des gesamten Wortwechsels fest auf Hickman gerichtet gewesen und folgte ihm jetzt zur Luke. Als sich diese hinter ihm schloss, entspannte sich Stebbings ein wenig, und sein Blick wanderte zu Jamie hinüber.

»Ihr hättet Euch … die Mühe … sparen können«, keuchte er. »Doch Ihr habt … meinen Dank. Was auch immer …« Er hustete erstickt, presste sich die Hand fest auf die Brust und schüttelte mit schmerzverzerrter Miene den Kopf. »Was auch immer … das wert ist.«

Er schloss die Augen und atmete langsam und unter Schmerzen weiter – doch er atmete. Ich erhob mich steif, und jetzt endlich hatte ich einen Moment Zeit, um einen Blick auf meinen Mann zu werfen.

»Es ist nur ein kleiner Schnitt«, versicherte er mir als Antwort auf meinen skeptisch fragenden Blick. »Ich komme schon zurecht.«

»Ist das alles dein Blut?« Er blickte an seinem Hemd hinunter, das ihm an den Rippen klebte, und zuckte mit der unverletzten Schulter.

»Ich habe noch genug davon.« Er lächelte mich an und sah sich um. »Ich sehe, dass du hier alles gut im Griff hast. Ich werde Smith bitten, dir etwas zu essen zu bringen, aye? Es wird gleich regnen.«

So war es; der Geruch des heraufziehenden Sturms wehte durch den Frachtraum, frisch und kribbelnd wie Ozon, und hob mir das Haar aus dem feuchten Nacken.

»Smith wohl besser nicht«, sagte ich. »Und wo willst du hin?«, fragte ich, als ich sah, dass er sich abwandte.

»Ich muss mit Kapitän Hickman und Kapitän Roberts sprechen«, sagte er grimmig. Er blickte nach oben, und die verklebten Haare hinter seinen Ohren hoben sich im Wind. »Ich denke zwar nicht mehr, dass wir mit der Teal nach Schottland fahren, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wohin die Reise geht.«

Schließlich wurde es still auf dem Schiff – so still, wie es auf einem großen Objekt werden kann, das aus ächzenden Planken, knatterndem Segeltuch und diesem gespenstischen Summen angespannter Taue besteht. Die Flut war gekommen, und das Schiff schwamm tatsächlich; wir waren wieder nach Norden unterwegs, unter leichten Segeln.

Ich hatte die letzten Verwundeten abgefertigt; nur Kapitän Stebbings war noch da, aufgebahrt auf einem improvisierten Strohlager hinter einer Kiste mit geschmuggeltem Tee. Er atmete nach wie vor, und ich hatte nicht das Gefühl, dass er sehr litt, doch sein Zustand war viel zu kritisch, als dass ich ihn aus den Augen gelassen hätte.

Wie durch ein Wunder schien sich die Kugel ihren Weg direkt in seine Lunge gebrannt zu haben, statt einfach die Blutgefäße zu zerfetzen, die ihr im Weg waren. Das hieß zwar nicht, dass ihm kein Blut in die Lunge lief, doch wenn es so war, sickerte es nur allmählich hinein; sonst hätte ich es längst gemerkt. Wahrscheinlich war der Schuss aus nächster Nähe abgefeuert worden, dachte ich schläfrig. Die Kugel war noch rot glühend gewesen, als sie ihn traf.

Ich schickte Abram zu Bett. Besser, wenn ich mich auch selbst hinlegte, denn die Müdigkeit zerrte an meinen Schultern und überzog mein Kreuz mit schmerzenden Knoten. Jetzt jedoch noch nicht.

Jamie war noch nicht zurück. Ich wusste, dass er zu mir kommen würde, wenn er sein Gipfeltreffen mit Hickman und Roberts beendet hatte. Und für alle Fälle hatte ich noch ein paar Vorbereitungen zu treffen.

Als Jamie vorhin Hickmans Schreibtisch nach etwas Essbarem durchsucht hatte, war mir ein Bündel frischer Gänsekiele aufgefallen. Ich hatte Abram losgeschickt, um ein paar davon für mich zu erbitten und mir die größte Segelflickernadel zu besorgen, die er finden konnte – und ein paar Flügelknochen aus dem Hühnereintopf an Bord der Pitt.

Ich hackte beide Enden eines Knöchleins ab, überzeugte mich gründlich, dass das Mark beim Kochen vollständig herausgelöst worden war, und benutzte dann den kleinen Wetzstein des Schiffszimmermanns, um es an einem Ende anzuspitzen. Der Gänsekiel war einfacher zu bearbeiten; er war ja schon angespitzt, um damit schreiben zu können; ich brauchte nur noch die Fahnen abzuschneiden und dann Federkiel, Knochen und Nadel in eine flache Schale mit Brandy zu legen. So weit, so gut.

Brandygeruch stieg schwer und süßlich auf und kämpfte mit Teer, Terpentin und Tabak und den salzgetränkten alten Schiffsplanken um die Oberhand. Zumindest konnte er die Blut- und Kotgerüche meiner Patienten teilweise überdecken.

Ich hatte eine Kiste mit Meursault unter der Fracht entdeckt. Jetzt zog ich vorsichtig eine Flasche hervor und stellte sie mit zu der halben Flasche Brandy und meinem Stapel Verbandsmaterial. Ich setzte mich auf ein Teerfässchen, lehnte mich mit dem Rücken an ein großes Fass mit Tabak und gähnte.

Ich schloss die Augen. Ich konnte meinen pochenden Puls in den Fingerspitzen und Augenlidern spüren. Ich schlief zwar nicht ein, sank aber langsam in einen Zustand, in dem ich nur halb bei Bewusstsein war und in dem mir dumpf bewusst war, wie das Wasser an den Bordwänden entlangrauschte, wie Stebbings laut seufzend atmete, wie der Blasebalg meiner eigenen Lunge gemächlich vor sich hin pumpte und mein Herz langsam und friedlich schlug.

Die Schrecken und Wirrnisse des Nachmittags schienen schon Jahre her zu sein, und aus der Distanz meiner Erschöpfung erschien mir meine Sorge, ich könnte einen Herzinfarkt erlitten haben, lächerlich. Doch war sie das wirklich? Unmöglich war es jedenfalls nicht. Gewiss war es nicht mehr als panisches Hyperventilieren gewesen, nichts Lebensbedrohliches. Dennoch …

Ich legte mir zwei Finger auf die Brust und wartete darauf, dass sich das Pulsieren in meinen Fingerspitzen mit dem Pulsieren meines Herzens synchronisierte. Langsam und fast träumend begann ich, meinen Körper vom Scheitel bis zu den Zehen zu durchwandern, und tastete mich durch die langen, stillen Passagen der Venen vor, gefärbt wie das tiefe Violett des Himmels kurz vor dem Anbruch der Nacht. Nebenan sah ich das Leuchten der Arterien, angeschwollen vom Druck des roten Lebens. Betrat die Kammern meines Herzens und fühlte mich geborgen im Inneren der kräftigen Wände, die sich in festem, beruhigendem, endlosem, ununterbrochenem Rhythmus bewegten. Nein, mein Herz und seine Klappen hatten keinen Schaden genommen.

Ich spürte meinen Verdauungstrakt, der stundenlang fest unter meinem Zwerchfell zusammengeballt gewesen war und sich jetzt dankbar gurgelnd entspannte, und Wohlgefühl lief mir wie warmer Honig durch die Gliedmaßen und über den Rücken.

»Ich weiß zwar nicht, was du da tust, Sassenach«, sagte eine leise Stimme in meiner Nähe. »Aber du siehst sehr zufrieden aus.«

Ich öffnete die Augen und setzte mich gerade hin. Jamie kletterte vorsichtig die Leiter herunter und setzte sich hin.

Er war sehr blass, und seine Schultern waren vor Erschöpfung zusammengesackt. Doch er lächelte mich schwach an, und sein Blick war klar. So solide und verlässlich sich mein Herz gerade noch gezeigt hatte, nun erwärmte es sich und wurde weich wie Butter.