Einen Moment lang sah er mich völlig ausdruckslos an.
»Ja.«
»Das bedeutet«, sagte ich und stach ihm die Nadel mit solcher Kraft in die Haut, dass er aufjaulte, »dass du deinen rechten Arm während der nächsten achtundvierzig Stunden nicht benutzen darfst. Du darfst an keinem Tau ziehen, du darfst nicht in die Takelage klettern, du darfst dich nicht schlagen, du darfst dich nicht einmal mit der rechten Hand am Hintern kratzen, hörst du?«
»Ich vermute, das ganze Schiff hört dich«, murmelte er, doch er schielte an seiner Wange hinunter und versuchte, auf sein Schlüsselbein zu blicken. »Ich kratze mich meistens ohnehin mit der linken Hand am Hintern.«
Kapitän Stebbings hatte uns definitiv gehört; hinter der Teekiste erklang ein leises Glucksen, gefolgt von sonorem Husten und einem leisen, belustigten Aufkeuchen.
»Und«, fuhr ich fort, während ich ihm den Faden durch die Haut zog, »du darfst nicht in Wut geraten.«
Er atmete mit einem Zischlaut ein.
»Warum nicht?«
»Weil dann dein Herz schneller schlägt und dein Blutdruck steigt, was dazu führt –«
»Dass ich explodiere wie eine Bierflasche, die zu lange zugekorkt gewesen ist?«
»So in etwa. Also –«
Was auch immer mir auf der Zunge gelegen hatte, geriet im nächsten Moment in Vergessenheit, weil sich Stebbings’ Atmung plötzlich veränderte. Ich ließ die Nadel fallen, drehte mich um und griff nach meiner Schale. Ich schob die Teekiste zur Seite, stellte die Schale darauf und sank neben Stebbings auf die Knie.
Seine Lippen und Augenlider waren blau, und der Rest seines Gesichts hatte sich wie Kitt verfärbt. Er stieß grauenvolle Keuchlaute aus, und sein weit aufgerissener Mund schnappte nach Luft, die ihm nicht half.
Für diese Situation gab es glücklicherweise passende Flüche, und ich benutzte ein paar davon, während ich rasch die Decke zurückschlug und ihm auf der Suche nach seinen Rippen die Finger in die teigige Seite stieß. Er wand sich und stieß ein schrilles, lachhaftes Hihihi aus, woraufhin Jamie – dem die Nadel immer noch mitsamt Faden am Schlüsselbein hing – reagierte, indem er ebenfalls nervös auflachte.
»Das ist nicht der richtige Zeitpunkt zum Lachen«, sagte ich gereizt. »Jamie – nimm dir einen Federkiel und schieb die Nadel hinein.« Während er das tat, tupfte ich Stebbings’ Haut schnell mit einem brandygetränkten Stoffbausch ab, dann nahm ich den Federkiel mit der Nadel in die eine Hand, die Brandyflasche in die andere und drückte ihm den Federkiel mit der Spitze in den zweiten Rippenzwischenraum, als würde ich einen Nagel einschlagen. Ich spürte das Pop unter der Oberfläche, als er durch den Knorpel in den Pleuraraum eindrang.
Diesmal stieß er ein schrilles Iiieee aus, doch es war kein Gelächter. Ich hatte den Federkiel zwar etwas kürzer zurechtgestutzt als die Nadel, doch die Nadel war mit eingedrungen, als ich darauf gedrückt hatte. Im ersten Moment packte mich die Panik, während ich versuchte, die Nadel mit den Fingernägeln zu fassen zu bekommen, doch schließlich gelang es mir, sie herauszuziehen. Faulig riechendes Blut und Flüssigkeit kamen durch den hohlen Federkiel herausgespritzt, doch nur kurz, dann folgte das schwache Zischen der Luft.
»Langsam atmen«, sagte ich, ruhiger jetzt. »Alle beide.«
Ich behielt den Federkiel nervös im Auge und achtete weiter auf ablaufendes Blut – wenn ihm das Blut in die Lunge lief, gab es wirklich fast nichts mehr, was ich tun konnte –, doch ich sah nur das, was aus der Einstichwunde lief, eine kleine rote Spur an der Außenseite des Federkiels.
»Setz dich neben mich«, wies ich Jamie an, der sich nun im Schneidersitz auf dem Boden niederließ.
Stebbings sah jetzt besser aus; seine Lunge hatte sich zumindest teilweise mit Luft gefüllt, und er selbst war zwar bleich, und seine Lippen waren blass, aber hellrosa. Das Zischen aus dem hohlen Federkiel erstarb zu einem Seufzen, und ich hielt meinen Finger auf das offene Ende.
»Im Idealfall«, sagte ich im Konversationston, »würde ich jetzt einen Schlauch aus Eurer Brust in ein Glas Wasser führen. So könnte die Luft rings um Eure Lunge entweichen, doch es könnte keine Luft eindringen. Da ich keinen Schlauch habe, der lang genug ist, geht das aber nicht.« Ich erhob mich auf die Knie und wandte mich an Jamie.
»Komm her und leg deinen Finger auf das Ende des Federkiels. Wenn er wieder Atemnot bekommt, heb den Finger einen Moment hoch, bis keine Luft mehr ausströmt.«
Mit der linken Hand konnte er Stebbings so gut wie nicht erreichen; mit einem Seitenblick in meine Richtung streckte er langsam den rechten Arm aus und verstopfte den Federkiel mit dem Daumen.
Ich stand stöhnend auf und sah mich erneut unter den Frachtgütern um. Vielleicht musste ich Teer nehmen. Ich hatte ihm das ölgetränkte Segeltuch an drei Seiten mit warmem Teer auf die Brust geklebt, und es war noch reichlich davon übrig. Doch das war alles andere als ideal; wahrscheinlich konnte ich den Verschluss dann nicht auf die Schnelle herausziehen. Ob ein kleiner Stopfen aus nassem Stoff besser war?
Doch in einer von Hannah Arnolds Kisten stieß ich auf einen Schatz: eine kleine Sammlung getrockneter Kräuter in Gläsern – darunter eines mit Gummiarabikumpulver. Die Kräuter, die eindeutig importiert waren, waren alle interessant und nützlich: Chinarinde – ich musste unbedingt versuchen, sie Lizzie nach North Carolina zu schicken, falls wir diese schreckliche Badewanne je wieder verließen –, Alraune und Ingwer, lauter Dinge, die nicht in den Kolonien wuchsen und mir ein plötzliches Gefühl des Reichtums vermittelten. Stebbings stöhnte hinter mir auf, und ich hörte Stoff rascheln, dann ein leises Zischen, als Jamie einen Moment lang den Daumen hochhob.
Nicht einmal die Reichtümer des sagenumwobenen Ostens würden Stebbings helfen. Ich öffnete das Gefäß mit dem Gummiarabikum, schüttete mir etwas davon auf die Handfläche, träufelte Wasser darauf und formte die so entstehende klebrige Masse zu einem mehr oder weniger zylinderförmigen Stopfen. Diesen wickelte ich in ein Stückchen gelben, mit Honigbienen bedruckten Kalikostoff, den ich oben mit einer schönen Schleife befestigte. Zufrieden mit diesem Ergebnis, trat ich wieder an Stebbings’ Seite, zog den Federkiel – der bereits Anstalten machte, unter dem Druck von Stebbings’ Rippenmuskeln zu bersten – aus seinem Loch und schob stattdessen den stabilen – und größeren – hohlen Hühnerknochen hinein.
Auch diesmal lachte er nicht. Ich steckte den Stopfen auf das Ende des Knochens, kniete mich vor Jamie hin und begann, sein Schlüsselbein fertig zu vernähen.
Mein Kopf fühlte sich vollkommen klar an – jedoch auf jene merkwürdig surreale Weise, die ein Zeichen völliger Erschöpfung ist. Ich hatte getan, was getan werden musste, doch ich würde mich nicht mehr lange aufrecht halten können.
»Was sagt eigentlich Kapitän Hickman?«, fragte ich, mehr um uns beide abzulenken, als dass ich es wirklich wissen wollte.
»Alles Mögliche, wie du dir vorstellen kannst.« Er holte tief Luft und konzentrierte sich auf einen großen Schildkrötenpanzer, der zwischen den Kisten steckte. »Abgesehen von seinen ganz persönlichen Ansichten und den vielen Flüchen … sind wir zum Hudson unterwegs. Nach Fort Ticonderoga.«
»Wir … was?« Ich blickte stirnrunzelnd auf die Nadel, die ich ihm zur Hälfte durch die Haut geschoben hatte. »Warum denn das?«
Er hatte die Hände auf den Boden gestützt und presste die Finger so fest gegen die Planken, dass seine Nägel weiß wurden.
»Das war sein eigentliches Ziel, bevor es zu den Verwicklungen kam, und dorthin will er immer noch. Ich muss feststellen, dass er ein Mensch mit sehr unverrückbaren Ansichten ist.«
Hinter der Teekiste prustete es laut.
»Etwas Ähnliches war mir auch schon aufgefallen.« Ich verknotete den letzten Faden und kürzte die Enden ordentlich mit meinem Messer. »Habt Ihr etwas gesagt, Kapitän Stebbings?«