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Ich konnte nicht einschätzen, wie viel Zeit verstrichen war, als ich aufwachte. Einige Minuten blieb ich liegen, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, während sich mein Verstand gemeinsam mit den Bewegungen des Decks unter meinem Kopf hob und senkte. Irgendwann begann ich, murmelnde Männerstimmen vom Rauschen und Scheppern eines Schiffs auf See zu unterscheiden.

Ich war so tief in das Vergessen gesunken, dass ich kurze Zeit brauchte, um mich wieder an die Ereignisse zu erinnern, die sich vor meinem Einschlafen zugetragen hatten. Verletzungen, Brandygeruch, meine Hände, die grobes Segeltuch zerrissen, und der Farbgeruch der nassen, leuchtenden Kalikostoffe. Jamies blutiges Hemd. Stebbings’ schmatzende Brustverletzung. Diese Erinnerung hätte mich normalerweise abrupt auffahren lassen, doch vom Liegen auf dem nackten Holzboden war ich steif geworden. Ein scharfer Schmerz durchfuhr mich vom rechten Knie bis zur Leiste, und meine Arm- und Rückenmuskeln protestierten qualvoll. Bevor ich sie genug dehnen konnte, um mich hochzukämpfen, hörte ich die Stimme des Kapitäns.

»Ruft Hickman.« Stebbings’ Stimme klang heiser und leise, aber entschlossen. »Ich möchte lieber erschossen werden, als das hier noch länger auszuhalten.«

Ich hatte nicht das Gefühl, dass er scherzte. Jamie auch nicht.

»Das kann ich Euch nicht verübeln«, sagte er. Seine Stimme klang sanft, aber ernst und genauso entschlossen wie Stebbings’.

Meine Augen konnten allmählich wieder klar sehen, und der lähmende Muskelschmerz ließ ein wenig nach. Von dort, wo ich lag, konnte ich Stebbings von den Knien abwärts sehen – und Jamie, der zusammengesunken neben ihm an der Teekiste lehnte und den Kopf auf die hochgezogenen Knie gelegt hatte.

Es folgte eine Pause, und dann sagte Stebbings: »Ach nein? Gut. Dann geht Hickman holen.«

»Warum?«, fragte Jamie nach einer etwa ebenso langen Gedankenpause – vielleicht musste er auch nur seine Kräfte sammeln, um zu antworten. Sein Kopf hob sich nicht, und er klang beinahe betäubt vor Erschöpfung. »Wir brauchen den Mann doch nicht aus dem Bett zu holen, oder? Wenn Ihr sterben wollt, braucht Ihr Euch nur das Röhrchen aus der Brust zu ziehen.«

Stebbings stieß ein Geräusch aus. Möglich, dass es als Lachen, als Stöhnen oder als wütende Erwiderung begonnen hatte, doch es endete als Zischen mit zusammengebissenen Zähnen. Mein Körper spannte sich an. Hatte er tatsächlich versucht, es herauszuziehen?

Nein. Ich hörte, wie sich sein schwerer Körper bewegte, sah, wie sich seine Füße einrollten, während er nach einer bequemeren Position suchte, und hörte Jamie ächzen, als er sich vorbeugte, um ihm zu helfen.

»Es kann … gern … jemand … Genugtuung aus meinem Tod … ziehen«, keuchte er.

»Ich hab Euch das Loch verpasst«, sagte Jamie. Er richtete sich auf und räkelte sich vorsichtig. »Mich würde es nicht besonders freuen, Euch daran sterben zu sehen.« Er musste sich weit jenseits der Erschöpfung befinden, und er war offensichtlich genauso steif wie ich. Ich musste aufstehen und dafür sorgen, dass er sich hinlegte. Doch er redete immer noch auf Stebbings ein, und sein Tonfall war so ungerührt, als diskutierte er über ein abstruses Thema aus der Philosophie.

»Und was Kapitän Hickmans Genugtuung betrifft – fühlt Ihr Euch ihm gegenüber denn verpflichtet?«

»Nein.« Das kam kurz und scharf, allerdings gefolgt von einem krampfhaften Atemzug.

»Es ist ein sauberer Tod«, brachte Stebbings hervor, nachdem er noch ein paarmal Luft geholt hatte. »Rasch.«

»Aye, das habe ich mir gedacht«, sagte Jamie mit schläfriger Stimme.

Stebbings stieß einen Grunzlaut aus, der fragend klang. Jamie seufzte. Im nächsten Moment hörte ich Stoff rascheln und sah, wie er stöhnend sein linkes Bein bewegte und seinen Kilt zurückschlug.

»Seht Ihr das?« Sein Finger fuhr langsam der Länge nach über seinen Oberschenkel, vom Knie an bis fast zur Leiste.

Diesmal klang Stebbings’ Grunzlaut schon interessierter und definitiv fragend. Seine überhängenden Strumpfzehen bewegten sich, weil seine Füße zuckten.

»Bajonett«, erklärte Jamie und legte den Kilt beiläufig wieder über die tiefe, knotige Narbe. »Danach habe ich zwei Tage im Fieber gelegen, und es hat mich lebendig zerfressen. Mein Bein ist angeschwollen und hat gestunken. Und als dann der englische Offizier kam, um uns das Hirn wegzupusten, war ich mehr als froh.«

Kurzes Schweigen.

»Culloden?«, fragte Stebbings. Seine Stimme war immer noch heiser, und ich konnte das Fieber darin hören, doch auch hier klang jetzt Interesse mit. »Habe … davon gehört.«

Jamie antwortete nicht, sondern gähnte plötzlich. Er gab sich keine Mühe, es zu unterdrücken, und rieb sich dann nachdenklich das Gesicht. Ich konnte das sanfte Kratzen seiner Bartstoppeln hören.

Schweigen, doch etwas daran war jetzt anders. Ich konnte Stebbings’ Wut spüren, seine Schmerzen und seine Angst – aber in seinen mühseligen Atemzügen schwang auch ein Hauch von Belustigung mit.

»Wartet Ihr darauf, dass ich … frage?«

Jamie schüttelte den Kopf.

»Die Geschichte ist zu lang, und ich möchte sie nicht erzählen. Lassen wir es dabei, dass ich mir sehnsüchtig gewünscht habe, dass er mich erschießt, und der Schurke hat es einfach nicht getan.«

Die Luft in dem kleinen Frachtraum war abgestanden, aber auch geladen. Es roch nach Blut und nach Luxus, nach Wohlstand und nach Krankheit. Ich atmete ebenso sanft wie tief ein und roch die Körper der Männer, ihren scharfen, wilden Kupfergeruch, bitter vor Anstrengung und Erschöpfung. Frauen rochen niemals so, dachte ich, selbst unter extremen Bedingungen.

»Dann wollt Ihr Euch jetzt also rächen?«, fragte Stebbings nach einer Weile. Seine zuckenden Füße waren zur Ruhe gekommen. Seine schmutzigen Strümpfe hingen still, und seine Stimme klang müde.

Jamies Schultern bewegten sich langsam. Er seufzte auf, und seine Stimme klang beinahe genauso müde wie Stebbings’.

»Nein«, sagte er sehr leise. »Sagen wir, ich möchte eine Schuld begleichen.«

Eine Schuld?, dachte ich. Wem gegenüber? Jenem Lord Melton, der sich als Ehrenmann geweigert hatte, ihn umzubringen, und ihn aus Culloden heimgeschickt hatte, versteckt in einem Wagen voller Heu? Seiner Schwester, die sich geweigert hatte, ihn sterben zu lassen, und ihn durch ihre schiere Willenskraft wieder ins Leben gezerrt hatte? Anderen gegenüber, die gestorben waren, während er überlebt hatte?

Ich hatte mich jetzt so weit gereckt, dass ich aufstehen konnte, doch ich wartete noch. Ich hatte es nicht eilig. Die Männer schwiegen, ihr Atmen Teil des atmenden Schiffs, der seufzenden See im Freien.

In aller Stille und mit großer Gewissheit begriff ich, dass ich die Antwort kannte. Ich hatte schon oft in den Abgrund geblickt, über die Schulter anderer hinweg, die an der Kante standen und hinunterblickten. Doch einmal hatte ich auch selbst hineingeschaut. Ich kannte die große Leere und ihren Lockruf, der Ruhe versprach.

Ich wusste, dass auch sie in diesem Moment beide dort standen, Seite an Seite und doch allein, und in die Tiefe blickten.

Vierter Teil

Zusammentreffen

Kapitel 32

Verdachtsmomente

Lord John Grey an Mr Arthur Norrington

4. Februar 1777

(Chiffre 158)

Mein lieber Norrington,

in der Folge unserer Unterredung habe ich gewisse Entdeckungen gemacht und halte es für klug, Euch diese anzuvertrauen.

Ende des Jahres habe ich eine Reise nach Frankreich unternommen und dort auch Baron Amandine besucht. Ich bin sogar einige Tage bei ihm geblieben und konnte mich mehrfach mit ihm unterhalten. Ich habe Grund zu der Annahme, dass Beauchamp in der Tat mit der von uns besprochenen Angelegenheit zu tun hat und eine Verbindung mit Beaumarchais unterhält, der daher wohl ähnlich darin verwickelt sein dürfte. Amandine selbst hat, glaube ich, nichts damit zu tun; es könnte aber sein, dass ihn Beauchamp als Fassade benutzt.