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»Der alte Simulant«, sagte Harry und griff nach dem Brandy. »Wie geht es ihm denn?«

»Seinem Brief nach ist er ganz der Alte.« Grey reichte Quarry den auseinandergefalteten Brief, und dieser las ihn mit zunehmendem Grinsen.

»Aye, Minnie wird ihm schon sagen, woher der Wind weht.« Er ließ den Brief sinken und wies mit einem Kopfnicken darauf, während er sein Glas hob. »Wer ist Richardson, und warum wollt Ihr mehr über ihn erfahren?«

»Ezekiel Richardson. Hauptmann der Lanciers, jedoch zu Erkundungsdiensten abkommandiert.«

»Oh, ein kleiner Spion, wie? Ein alter Bekannter aus dem Schwarzen Kabinett?« Quarry zog die Nase kraus, wobei nicht klar war, ob dies eine Reaktion auf Spione im Allgemeinen war oder auf das Schüsselchen mit geriebenem Rettich, das bei den Sardinen stand.

»Nein, eigentlich kenne ich den Mann nicht«, räumte Grey ein, und wieder verspürte er dieses dumpfe Gefühl, das ihn mit zunehmender Häufigkeit heimsuchte, seitdem er vor einer Woche Williams Brief aus Quebec erhalten hatte. »Sir George, der mit seinem Vater bekannt war, hat ihn mir zwar einmal vorgestellt, doch wir haben uns damals kaum unterhalten. Ich hatte einige vorteilhafte Dinge über ihn gehört – ganz im Stillen –«

»Was wohl auch die einzig wahre Weise ist, von einem Mann dieses Berufes zu hören. Haaaah!« Harry holte mit offenem Mund tief Luft, die er dem Klang nach bis weit in seine Nase hochzog, dann hustete er ein- oder zweimal mit tränenden Augen und schüttelte begeistert den Kopf.

»Frischer Rettich«, krächzte er und nahm noch einen großen Löffel voll. »Sehr … haaah … frisch.«

»In der Tat. Nun denn, ich bin ihm in North Carolina wieder begegnet, wir haben uns noch ein wenig unterhalten, und er hat mich um die Erlaubnis gebeten, sich mit einem Angebot in Bezug auf einen Kundschafterritt an William zu wenden.«

Harry hielt inne, ein Stück Sardinentoast auf halbem Weg zu seinem Mund.

»Ihr wollt doch nicht sagen, dass Ihr zugelassen habt, dass er Willie in die Wildnis lockt?«

»Zumindest war das nicht meine Absicht«, antwortete Grey gereizt. »Ich hatte Grund zu der Annahme, dass das Angebot gut für Willie wäre; vor allem bot es ihm die Möglichkeit, North Carolina zu verlassen und eine Position in Howes Stab einzunehmen.«

Quarry nickte. Er kaute gründlich und schluckte krampfhaft.

»Aye, schön und gut. Doch jetzt kommen Euch Zweifel?«

»Ja. Umso mehr, als ich kaum jemanden finden kann, der Richardson näher kennt. Alle, die ihn mir ursprünglich empfohlen haben, kannten ihn anscheinend nur durch die Empfehlung anderer. Außer Sir George Stanley, der sich gegenwärtig mit meiner Mutter in Spanien befindet, und dem alten Nigel Bruce, der dummerweise inzwischen gestorben ist.«

»Sehr gedankenlos von ihm.«

»Ja. Ich gehe davon aus, dass ich noch mehr herausfinden könnte, wenn ich Zeit hätte, aber das habe ich nicht. Dottie und ich reisen übermorgen ab. Wenn das Wetter es zulässt«, fügte er mit einem Blick zum Fenster hinzu.

»Ah, und jetzt kommt also mein Part«, stellte Harry gutmütig fest. »Was soll ich denn tun, wenn ich etwas herausfinde? Es Hal erzählen oder es Euch übersenden?«

»Es Hal erzählen«, sagte Grey mit einem Seufzer. »Weiß Gott, wie es um die Post in Amerika bestellt ist, auch wenn der Kongress in Philadelphia sitzt. Wenn Euch irgendetwas dringend erscheint, kann Hal hier viel leichter etwas in die Wege leiten, als ich es dort kann.«

Quarry nickte und füllte Greys Glas nach. »Ihr esst ja gar nichts«, stellte er fest.

»Ich habe spät zu Mittag gegessen.« Ziemlich spät. Eigentlich nämlich noch gar nicht. Er griff nach einem Scone und bestrich es geistesabwesend mit Marmelade.

»Und dieser Denys Wieheißternoch?«, fragte Quarry und tippte mit der Gürkchengabel auf den Brief. »Soll ich mich nach ihm ebenfalls erkundigen?«

»Unbedingt. Obwohl es möglich ist, dass ich in dieser Hinsicht in Amerika besser vorankomme. Zumindest wurde er dort zuletzt gesehen.« Er biss in sein Scone, stellte fest, dass es genau jene empfindliche Balance zwischen Krümeligkeit und der Konsistenz halb angetrockneten Mörtels erreicht hatte, die das ideale Scone ausmacht, und spürte nun einen Hauch von Appetit. Er fragte sich, ob er Harry auf den vermögenden Juden mit dem Lagerhaus in Brest ansetzen sollte, entschied sich aber dagegen. Verbindungen nach Frankreich waren ein heikler Punkt, und Harry war zwar gründlich, doch subtil war er nicht.

»Nun gut.« Harry wählte eine Scheibe Sandkuchen aus, belegte sie mit zwei Mandelplätzchen und einem Schuss Sahne und schob sich das Ganze in den Mund. Wo ließ er das alles nur?, fragte sich Grey. Harry war zwar kräftig und kompakt, aber er war nicht fett. Gewiss schwitzte er es wieder aus, wenn er sich im Bordell verausgabte, trotz seines fortgeschrittenen Alters seine bevorzugte Sportart.

Wie alt war Harry eigentlich?, fragte er sich plötzlich. Ein paar Jahre älter als Grey, ein paar Jahre jünger als Hal. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, auch nicht in Bezug auf Hal. Die beiden waren ihm immer unsterblich erschienen; eine Zukunft ohne einen der beiden konnte er sich absolut nicht vorstellen. Doch der Schädel unter Harrys Perücke war inzwischen nahezu haarlos – wie üblich hatte er sie kurz abgesetzt, um sich am Kopf zu kratzen, und sie dann beiläufig wieder aufgesetzt, ohne sich darum zu kümmern, ob sie gerade saß –, und seine Fingerknöchel waren geschwollen, auch wenn er seine Teetasse so grazil wie eh und je zum Mund führte.

Plötzlich spürte Grey auch seine eigene Sterblichkeit – hier wurde ein Daumen steif, dort zwickte es im Knie. Vor allem jedoch packte ihn die Angst, er könnte nicht da sein, um William zu beschützen, obwohl er noch gebraucht wurde.

»Häh?«, sagte Harry und zog angesichts von Greys Miene – was auch immer darin zu sehen war – die Augenbrauen hoch. »Was?«

Grey lächelte kopfschüttelnd und griff erneut nach seinem Brandyglas.

»Timor mortis conturbat me«, sagte er.

»Ah«, sagte Quarry nachdenklich und hob ebenfalls sein Glas. »Darauf trinke ich.«

Kapitel 33

Die Ereignisse spitzen sich zu

London

28. Februar A. D. 1777

Generalmajor John Burgoyne

an Sir George Germain

… ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Angriff von See her den Feind jemals so beeindrucken oder den Krieg so wirkungsvoll beenden könnte wie eine Invasion von Kanada aus via Ticonderoga.

4. April 1777

an Bord der HMS Tartar

Er hatte Dottie gewarnt, dass die Tartar nur eine leichte Fregatte mit achtundzwanzig Kanonen sei und sie sich daher in Bezug auf ihr Gepäck zurückhalten müsse. Dennoch war er überrascht gewesen, nur einen Schrankkoffer – wenn auch einen großen –, zwei Handkoffer und eine Handarbeitstasche zu sehen, die ihr gesamtes Gepäck bildeten.

»Was denn, nicht ein einziger geblümter Überwurf?«, zog er sie auf. »William wird dich ja gar nicht erkennen.«

»Quatsch«, erwiderte sie mit dem Talent ihres Vaters, sich klar und deutlich auszudrücken. Doch sie lächelte schwach – sie war sehr blass, und er hoffte, dass dies nicht die Vorboten der Seekrankheit waren –, und er drückte ihr die Hand, die er festhielt, bis der letzte dunkle Streifen Englands im Meer versank.

Er staunte immer noch, dass sie es geschafft hatte. Hal musste gebrechlicher sein, als er sich anmerken ließ, um sich von seiner Tochter so überrumpeln zu lassen, dass er ihr die Seereise nach Amerika erlaubte, selbst unter Greys Schutz und in der lobenswerten Absicht, ihren verletzten Bruder gesund zu pflegen. Minnie war natürlich nicht bereit, Hal von der Seite zu weichen, auch wenn sie sich um ihren kranken Sohn sorgte. Doch dass sie kein einziges Wort des Protestes über dieses Abenteuer geäußert hatte …