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»Deine Mutter steckt mit dir unter einer Decke, nicht wahr?«, fragte er beiläufig und erntete einen verblüfften Blick durch einen Schleier vom Winde verwehter Haare.

»Inwiefern?« Dottie hieb nach dem blonden Spinnennetz ihrer Haare, die ihr en masse aus dem nutzlosen Netz entwischt waren, in das sie sie gesteckt hatte, und ihr wie Flammen über den Kopf tanzten. »Oh, Hilfe!«

Er fing ihre Haare ein, strich sie ihr mit beiden Händen auf dem Kopf glatt und fasste sie in ihrem Nacken zusammen, wo er sie – unter den bewundernden Blicken eines vorübergehenden Seemanns – gekonnt zu einem Zopf flocht und mit dem Samtband zusammenknotete, das als Einziges von ihrem ruinierten Netz übrig geblieben war.

»Inwiefern?«, wiederholte er, an ihren Hinterkopf gerichtet, während er den letzten Knoten festzog. »Insofern, als es um dieses grauenvolle Unterfangen geht, das du gerade begonnen hast.«

Sie drehte sich um und sah ihm direkt in die Augen.

»Wenn du die Rettung Henrys als grauenvolles Unterfangen bezeichnen möchtest, muss ich dir vollkommen recht geben«, sagte sie würdevoll. »Doch natürlich würde meine Mutter alles tun, um ihn zurückzubekommen. Du allerdings sicher ebenso, sonst wärst du ja nicht hier.« Ohne eine Antwort abzuwarten, machte sie auf dem Absatz kehrt und steuerte auf die Luke zu. Er blieb sprachlos zurück.

Eines der ersten Schiffe des Frühjahrs hatte einen Brief mit weiteren Nachrichten von Henry mitgebracht. Er lebte noch, Gott sei Dank, doch er war schwer verletzt – ein Bauchschuss – und war demzufolge den ganzen brutalen Winter über sehr krank gewesen. Doch er hatte überlebt und war mit einer Reihe anderer britischer Gefangener nach Philadelphia gebracht worden. Den Brief hatte dort ein mitgefangener Offizier für ihn geschrieben, doch Henry hatte es geschafft, liebevolle Grüße an seine Familie und seine Unterschrift darunterzusetzen; die Erinnerung an sein mühseliges Gekrakel nagte John jetzt noch am Herzen.

Doch die Tatsache, dass es Philadelphia war, ließ ihn ein wenig Mut schöpfen. Er hatte einen prominenten Einwohner der Stadt kennengelernt, als er in Frankreich war, und der Mann war ihm auf Anhieb sympathisch gewesen – was, wie er glaubte, auf Gegenseitigkeit beruhte. Vielleicht konnte ihm diese Bekanntschaft ja weiterhelfen. Er grinste unwillkürlich bei der Erinnerung an sein Zusammentreffen mit dem Amerikaner.

Er hatte sich nicht lange in Paris aufgehalten, gerade lange genug, um sich nach Percy Beauchamp zu erkundigen, der sich nicht dort befand. Man sagte ihm, er habe sich den Winter über in sein Landhaus zurückgezogen. Den Hauptsitz der Familie Beauchamp, ein Anwesen namens Trois Flèches, in der Nähe von Compiègne. Und so hatte er sich einen pelzgefütterten Hut und ein Paar Matrosenstiefel gekauft, sich in seinen wärmsten Umhang gehüllt, ein Pferd gemietet und war grimmig einem brüllenden Sturm in den Rachen geritten.

Als er schließlich schlammverkrustet und durchgefroren sein Ziel erreichte, war man ihm zwar mit Argwohn begegnet, doch die Qualität seiner Kleidung und sein Titel hatten ihm Einlass verschafft. Man hatte ihn in einen reichlich möblierten Salon geführt – in dem Gott sei Dank ein exzellentes Feuer brannte –, um dort zu warten, bis es dem Baron beliebte.

Er hatte sich sein Bild von Baron Amandine auf der Basis von Percys Bemerkungen gemacht, obwohl er es für wahrscheinlich hielt, dass Percy ihn an der Nase herumgeführt hatte. Zudem wusste er, wie fruchtlos es war zu theoretisieren, bevor man observieren konnte. Doch es wäre nicht menschlich gewesen, nicht zu fantasieren.

Was dies betraf, so war es ihm während der letzten achtzehn – neunzehn? – Jahre recht gut gelungen, nicht an Percy zu denken. Doch als sich nun herausstellte, dass es sowohl aus beruflichen als auch aus persönlichen Gründen unumgänglich war, an ihn zu denken, war er ebenso überrascht wie bestürzt festzustellen, wie gut er sich noch an ihn erinnerte. Er kannte Percys Vorlieben und hatte sein geistiges Bild von Amandine daran ausgerichtet.

Die Wirklichkeit sah anders aus. Der Baron war ein älterer Mann, vielleicht ein paar Jahre älter als Grey, klein und ziemlich rundlich mit einem offenen, freundlichen Gesicht. Gut gekleidet, ohne dass es aufdringlich wirkte. Er begrüßte Grey mit großer Höflichkeit. Doch dann nahm er Greys Hand, und ein kleiner elektrischer Schock durchfuhr den Engländer. Die Miene des Barons war höflich, nicht mehr – doch in seinen Augen lag ein Ausdruck der Neugier und der Begierde, und trotz seines wenig einnehmenden Äußeren reagierte Greys Körper auf diesen Blick.

Natürlich. Percy hatte Amandine von ihm erzählt.

Überrascht und argwöhnisch erklärte er dem Baron seine Anwesenheit mit den Worten, die er sich zurechtgelegt hatte, nur um zu erfahren, dass, hélas, Monsieur Beauchamp nicht daheim war, sondern dass er mit Monsieur Beaumarchais im Elsass auf die Wolfsjagd gegangen war. Nun, damit war ja schon eine Vermutung bestätigt, dachte Grey. Doch gewiss würde sich Seine Lordschaft herablassen, zumindest für diese Nacht die Gastfreundschaft von Trois Flèches zu genießen.

Er nahm diese Einladung an und bedankte sich tausendmal untertänigst. Nachdem er seine Überkleider abgelegt und die Seefahrerstiefel durch Dotties geschmacklose Pantoffeln ersetzt hatte – ein Anblick, bei dem Amandine blinzeln musste, auch wenn er sie auf der Stelle überschwänglich lobte –, wurde er durch einen langen Korridor geführt, der mit Porträts gesäumt war.

»Wir nehmen in der Bibliothek eine Erfrischung zu uns«, sagte Amandine. »Ihr müsst ja vor Kälte und Erschöpfung halb tot sein. Doch wenn es Euch nicht stört, gestattet mir, Euch en route meinen anderen Gast vorzustellen; wir werden ihn einladen, sich uns anzuschließen.«

Grey hatte einige Worte der Zustimmung gemurmelt, abgelenkt von dem leisen Druck der Hand des Barons, die auf seinem Rücken ruhte – etwas tiefer als üblich.

»Er ist Amerikaner«, sagte der Baron, als sie eine Tür am Ende des Korridors erreichten, und seine Stimme hatte beträchtliche Belustigung in dieses Wort gelegt. Er hatte eine höchst ungewöhnliche Stimme – sanft, warm und irgendwie rauchig, wie Oolongtee mit sehr viel Zucker.

»Er liebt es, täglich eine Weile im Wintergarten zu verbringen«, fuhr der Baron fort, während er die Tür aufdrückte und Grey bedeutete, vor ihm einzutreten. »Er sagt, es hält ihn gesund.«

Grey hatte seinen Blick während dieser Erklärung höflich auf den Baron gerichtet, doch jetzt wandte er sich ab, um den amerikanischen Gast anzusprechen, und so schloss er Bekanntschaft mit Dr. Franklin, der bequem in einem Polstersessel lehnte, von der Sonne beleuchtet – und splitternackt.

Im Lauf der folgenden Unterhaltung – die von jedem der Beteiligten in aller Gelassenheit geführt wurde – erfuhr er, dass Dr. Franklin die unumstößliche Angewohnheit hatte, wenn möglich, täglich ein Luftbad zu nehmen, da die Haut genauso atme wie die Lunge, Luft aufnehme und Unreinheiten abgebe. Die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegenüber Krankheiten werde beträchtlich vermindert, wenn die Haut unablässig von ungesunder Kleidung erstickt werde.

Während der Vorstellung und der Unterhaltung war Grey geradezu unangenehm bewusst, dass Amandines Augen auf ihm ruhten, erfüllt von Spekulation und Belustigung, und dass auch seine Haut in ungesunder Kleidung steckte, die ihr – wie gerade gelernt – den Atem raubte.

Es war ein seltsames Gefühl, einem Fremden zu begegnen und zu wissen, dass dieser Fremde bereits mit seinem intimsten Geheimnis vertraut war, dass er es gar teilte – falls Percy nicht von vorn bis hinten gelogen hatte. Aber das glaubte Grey nicht. Es war ein gefährliches, schwindelerregendes Gefühl, als beugte er sich über die scharfe Kante eines Felsvorsprungs. Außerdem erregte es ihn, und das alarmierte ihn sehr.