Der Amerikaner (der sich gerade in aller Freundlichkeit über eine ungewöhnliche geologische Formation ausließ, die er auf dem Hinweg gesehen hatte; war sie Seiner Lordschaft auch aufgefallen?) war schon älter, und sein Körper bot trotz seiner guten Verfassung – abgesehen von einem rötlichen Ekzem an den unteren Gliedmaßen – keinerlei Gegenstand für sexuelle Überlegungen. Dennoch spannte sich Greys Haut fest um seine Knochen, und es befand sich nicht genug Blut in seinem Kopf. Er konnte Amandines unverhohlen taxierende Blicke auf sich spüren, und er erinnerte sich in aller Deutlichkeit an den Wortwechsel mit Percy bezüglich seiner Frau und seines Schwagers, des Barons: Gelegentlich mit beiden. Gleichzeitig? Begleitete die Schwester des Barons ihren Mann auf der Reise, oder war sie zu Hause? Es geschah nicht oft in seinem Leben, dass sich Grey ernsthaft fragte, ob er womöglich pervers war.
»Wollen wir vielleicht dem gesunden Beispiel des guten Doktors folgen, Milord?«
Grey riss den Blick von Franklin los und sah, wie der Baron sich aus seinem Rock zu schälen begann. Doch bevor er sich eine Antwort ausdenken konnte, erhob sich Franklin glücklicherweise und sagte, er habe das Gefühl, er habe für heute genug für seine Gesundheit getan. »Obwohl«, sagte er, und als er Grey nun direkt in die Augen sah, war sein Blick von tiefer Neugier erfüllt, begleitet von gehöriger Belustigung, »obwohl Euch mein Aufbruch nicht an Eurem eigenen Vergnügen hindern sollte, Messieurs.«
Unerschütterlich höflich zog der Baron seinen Rock wieder an, sagte, er würde den Herren gern einen Apéritif in der Bibliothek anbieten, und verschwand im Korridor.
Franklins seidener Morgenrock lag in Greys Reichweite, und er hielt ihn zuvorkommend für den Amerikaner auf. Dabei verfolgte er, wie seine weißen, etwas hängenden – jedoch bemerkenswert festen und faltenlosen – Hinterbacken verschwanden, während er langsam die Hände in die Ärmel schob und dabei anmerkte, er leide an einem Hauch von Arthritis in den Schultergelenken.
Dann drehte er sich um und band den Seidengürtel zu, und seine grauen Augen sahen Grey offen an.
»Danke, Milord«, sagte er. »Ich nehme an, Ihr kanntet Amandine bis heute nicht?«
»Nein. Ich war vor Jahren einmal mit seinem … Schwager bekannt, Monsieur Beauchamp. In England«, fügte er ohne besonderen Grund hinzu.
Beim Klang des Namens »Beauchamp« flackerte in Franklins Augen etwas auf, das Grey zu der Frage veranlasste: »Ihr kennt ihn?«
»Dem Namen nach«, erwiderte Franklin gleichmütig. »Dann ist Beauchamp Engländer?«
Grey waren bei diesem schlichten »dem Namen nach« eine ganze Reihe erstaunlicher Möglichkeiten durch den Kopf geschossen, doch nach ebenso rapidem Nachdenken beschloss er, dass die Wahrheit die sicherste Vorgehensweise sein würde, und sagte einfach nur »Ja« in einem Tonfall, der darauf hindeutete, dass dies eine Tatsache war, nicht mehr.
Im Lauf der nächsten Tage führte er eine Reihe interessanter Gespräche mit Franklin, in denen der Name Beauchamp durch Abwesenheit glänzte. Als Franklin schließlich nach Paris zurückkehrte, hatte er Grey ganz und gar für sich eingenommen – und sogar darauf bestanden, ihm Empfehlungsschreiben für mehrere seiner Freunde zu geben, als er erfuhr, dass Grey im Frühjahr in die Kolonien reisen würde. Außerdem war Grey felsenfest davon überzeugt, dass er – Franklin – haargenau wusste, wer Percy Beauchamp war und was er gewesen war.
»Verzeihung, Sir«, sagte einer der Seeleute der Tartar, der Grey unsanft aus dem Weg schob und ihn so aus seiner Erinnerung riss. Er blinzelte und begriff, dass seine nackten Hände im Wind zu Eis gefroren und seine Wangen taub geworden waren. Er überließ die Seeleute ihrer eisigen Arbeit und ging unter Deck. Die Erinnerung an seinen Besuch auf Trois Flèches erfüllte ihn noch eine Weile mit einem merkwürdigen Gefühl der Wärme, sacht und beschämend zugleich.
3. Mai 1777
New York
Lieber Papa,
ich habe gerade Deinen Brief über meinen Vetter Henry erhalten. Ich hoffe sehr, dass es Dir gelingen wird herauszufinden, wo er sich aufhält, und seine Freilassung zu erwirken. Sollte ich irgendetwas von ihm hören, werde ich alles tun, es Dich wissen zu lassen. Gibt es jemanden, an dessen Adresse ich Dir in den Kolonien schreiben sollte? (Wenn ich nichts anderes höre, schicke ich meine Briefe zu Mr Sanders’ Händen nach Philadelphia und zur Sicherheit eine Kopie an Richter O’Keefe in Richmond.)
Ich hoffe, Du verzeihst mir, dass ich meine Korrespondenz so sträflich vernachlässigt habe. Dies rührt jedoch – leider – nicht daher, dass ich Dringenderes zu tun hätte, sondern es beruht vielmehr auf Langeweile und dem Mangel an interessanten Themen. Nachdem ich einen endlosen Winter lang in Quebec festgesessen habe (obwohl ich oft auf die Jagd gegangen bin und einmal ein wildes Tier geschossen habe, das man Vielfraß nennt), sind Ende März endlich einige von Sir Guys Männern in die Zitadelle zurückgekehrt und haben mir neue Einsatzbefehle von General Howes Adjutanten mitgebracht. Daraufhin bin ich nach New York zurückgekehrt.
Von Hauptmann Randall-Isaacs habe ich nie wieder gehört, und auch nach meiner Rückkehr konnte ich nichts über ihn in Erfahrung bringen. Ich fürchte sehr, dass er im Schneesturm umgekommen sein könnte. Wenn Du seine Verwandten kennst, würdest Du ihnen vielleicht schreiben, dass ich auf sein Überleben hoffe? Ich würde es ja selbst tun, weiß aber nicht, wo sie zu finden sind oder wie ich mich taktvoll ausdrücken soll, falls sie sich selbst in Ungewissheit über sein Schicksal befinden, oder schlimmer noch, falls sie sich nicht mehr in Ungewissheit befinden. Doch Du wirst wissen, was Du sagen sollst, wie immer.
Ich selbst hatte auf meinen Reisen mehr Glück. Ich habe zwar auf dem Weg flussabwärts Schiffbruch erlitten (wir sind vor Ticonderoga in Bedrängnis geraten, weil wir von amerikanischen Scharfschützen im Fort beschossen wurden. Es gab zwar keine Verletzten, doch die Kanus wurden mit Schrot durchsiebt, und einige Löcher wurden unglücklicherweise erst entdeckt, als wir wieder im Wasser waren, woraufhin zwei von ihnen abrupt gesunken sind), gefolgt von hüfttiefem Schlamm und dem erneuten Auftauchen fleischfressender Insekten, als ich dann den Landweg eingeschlagen habe. Doch seit meiner Rückkehr haben wir wenig getan, was von Interesse wäre, obwohl die Gerüchte über das, was wir möglicherweise tun werden, nicht abreißen. Da ich finde, dass die Untätigkeit in einer »zivilisierten« Umgebung (es gibt in New York kein einziges Mädchen, das tanzen kann) noch mehr an den Nerven zerrt, habe ich mich freiwillig als Kurier gemeldet, und das hilft ein wenig.
Gestern jedoch habe ich den Befehl erhalten, nach Kanada zurückzukehren und mich dort General Burgoynes Stab anzuschließen. Hattest Du hier etwa Deine Hand im Spiel, Papa? Falls ja, danke!
Auch Hauptmann Richardson habe ich wiedergesehen; er hat mich gestern Abend in meinem Quartier aufgesucht. Ich bin ihm seit fast einem Jahr nicht mehr begegnet und war sehr überrascht. Er hat mich nicht um einen Bericht über unsere Reise nach Quebec gebeten (kaum überraschend, da ein solcher Bericht inzwischen ja hoffnungslos veraltet gewesen wäre), und als ich ihn nach Randall-Isaacs gefragt habe, hat er nur den Kopf geschüttelt und gesagt, er wisse nichts.
Er habe davon gehört, dass ich vor meiner Weiterreise nach Kanada einen speziellen Kurierauftrag in Virginia zu erledigen hätte, und obwohl ich mich natürlich nicht aufhalten lassen dürfe, wolle er mich doch unterwegs um einen kleinen Gefallen bitten. Durch meinen langen Aufenthalt im frostigen Norden argwöhnisch geworden, habe ich ihn gefragt, was es sei, und mir wurde mitgeteilt, es handele sich nur um die Auslieferung einer chiffrierten Mitteilung an eine Gruppe von Loyalisten in Virginia, etwas, das für mich ein Leichtes sein werde, da mir das Terrain ja vertraut sei. Er hat mir versichert, es würde mich nicht mehr als ein oder zwei Tage aufhalten.