Ich habe gesagt, ich würde es tun, allerdings mehr, weil ich gern einen Teil Virginias wiedersehen würde, an den ich gern zurückdenke, als um Hauptmann Richardson zu helfen. Ich traue ihm einfach nicht.
Viel Glück auf Deinen Reisen, Papa, und bitte grüße meine liebste Dottie, nach der ich mich sehne. (Sag ihr, ich habe in Kanada zweiundvierzig Hermeline geschossen; wir werden ihr einen Umhang aus den Pelzen anfertigen lassen!)
Es grüßt Dich herzlichst aus dem Lotterleben
William
Kapitel 34
Buch der Psalmen 30
6. Oktober 1980
Lallybroch
Briannas Vertrag mit North of Scotland Hydro-Electric sah vor, dass sie drei Tage in der Woche vor Ort arbeitete und neben Betriebsinspektionen auch die Aufsicht über Reparatur- und Wartungsarbeiten übernahm. Doch an den restlichen beiden Tagen konnte sie zu Hause bleiben, um dort ihre Büroarbeiten zu erledigen. Sie versuchte gerade, Rob Camerons Notizen über die Energieleistung der zweiten Turbine von Loch Errochty zu entziffern, die er mit Fettstift auf die Überreste seiner Butterbrottüte geschrieben zu haben schien, als ihr bewusst wurde, dass aus dem Gutsherrenzimmer auf der anderen Flurseite Geräusche kamen.
Sie hatte schon seit einiger Zeit unbewusst ein leises Summen im Ohr, hatte es aber auf eine Fliege zurückgeführt, die hinter der Fensterscheibe gefangen saß. Jetzt jedoch hatte das Summen Worte angenommen, und keine Fliege der Welt hätte »The King of Love my Shepherd« zur Melodie von »St. Columba« gesungen.
Sie erstarrte, als sie begriff, dass sie die Melodie erkannt hatte. Die Stimme war rau wie grobkörniges Schleifpapier, und hin und wieder überschlug sie sich … Doch sie hob und senkte sich, und es war, es war wirklich ein Lied.
Das Lied endete abrupt in einem Hustenanfall, doch nach heftigem Räuspern und einigen vorsichtigen Summtönen erhob sich die Stimme erneut, diesmal mit einer alten schottischen Melodie, von der sie glaubte, dass sie »Crimond« hieß.
Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Die letzte Zeile wurde ein paarmal in unterschiedlichen Tonlagen wiederholt, dann ging das Lied mit verstärkter Inbrunst weiter.
Er erquicket meine Seele;
er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Sie saß zitternd an ihrem Schreibtisch. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht, und sie hielt sich ein Taschentuch vor den Mund, damit er sie nicht hörte. »Danke«, flüsterte sie in das Tüchlein hinein. »Oh, danke!«
Der Gesang hörte auf, doch das Summen ging weiter, tief und zufrieden. Sie fand die Fassung wieder und wischte sich hastig die Tränen ab; es war fast zwölf Uhr – er würde jeden Moment kommen, um sie zu fragen, ob sie fertig war zum Mittagessen.
Roger hatte große Zweifel gehabt, ob die Stelle des Hilfs-Chorleiters das Richtige für ihn war – Zweifel, die er vor ihr zu verbergen versuchte, Zweifel, die sie geteilt hatte, bis er heimgekommen war und ihr erzählt hatte, dass man ihm den Kinderchor anvertraut hatte. An diesem Punkt waren ihre eigenen Zweifel verflogen; Kinder hatten keinerlei Hemmungen, einem Sonderling jede Art von Fragen zu stellen, die ihre Eltern nie zu fragen wagen würden, und gleichzeitig akzeptierten sie diesen Sonderling dann rückhaltlos, sobald sie sich daran gewöhnt hatten.
»Wie lange hat es gedauert, bis sie dich auf deine Narbe angesprochen haben?«, hatte sie gefragt, als er lächelnd von seiner ersten selbstständigen Probe mit den Kindern heimgekommen war.
»Ich hatte keine Stoppuhr dabei, aber etwa dreißig Sekunden.« Er fuhr sich sacht mit zwei Fingern über die knotige Narbe an seinem Hals, hörte aber nicht auf zu lächeln. »Bitte, Mr MacKenzie, was ist denn mit Ihrem Hals passiert? Hat man Sie etwa aufgehängt?«
»Und was hast du ihnen gesagt?«
»Habe gesagt, aye, man hätte mich in Amerika gehängt, aber Gott sei Dank hätte ich es überlebt. Und ein paar von ihnen hatten ältere Geschwister, die Ein Fremder ohne Namen gesehen hatten und ihnen davon erzählt hatten. Damit sind meine Aktien also ordentlich gestiegen. Ich vermute, jetzt, da mein Geheimnis gelüftet ist, erwarten sie, dass ich zur nächsten Probe meinen Colt trage.« Er zwinkerte sie mit einem Auge an wie Clint Eastwood, und sie war in Gelächter ausgebrochen.
Sie lachte auch jetzt bei der Erinnerung daran – gerade rechtzeitig, denn Roger steckte seinen Kopf zur Tür herein und sagte: »Was würdest du sagen, wie oft der dreiundzwanzigste Psalm schon vertont worden ist?«
»Dreiundzwanzigmal?«, riet sie und stand auf.
»Im Presbyterianergebetbuch stehen nur sechs Versionen«, gab er zu, »aber es gibt Liedfassungen – auf Englisch, meine ich – von 1546. Eine steht im Bay Psalm Book, eine andere in der alten Ausgabe des Scottish Psalter, und dann gibt es noch etliche mehr. Die hebräische Version habe ich ebenfalls schon gefunden, aber die probiere ich in St. Stephen’s lieber nicht im Gottesdienst aus. Gibt es bei den Katholiken auch eine?«
»Bei den Katholiken wird alles vertont«, sagte sie und hob die Nase, um nach Anzeichen des Essens zu schnüffeln. »Aber Psalmen singen wir normalerweise als Choräle. Ich kenne allein vier gregorianische Choralfassungen«, teilte sie ihm mit, »aber es existieren unendlich viele.«
»Ach ja? Sing mir einen vor«, verlangte er und blieb erwartungsvoll im Flur stehen, während sie versuchte, sich den Text des dreiundzwanzigsten Psalms ins Gedächtnis zu rufen. Den einfachsten Choral hatte sie sofort wieder im Kopf und stimmte ihn an – sie hatte ihn als Kind so oft gesungen, dass er ein Teil von ihr geworden war.
»Das war toll«, sagte er beeindruckt, als sie fertig war. »Kannst du das nachher noch ein- oder zweimal mit mir durchgehen? Ich würde es gern den Kindern vorsingen. Ich glaube, gregorianische Choräle wären etwas für sie.«
Die Küchentür flog auf, und Mandy kam herausgeflitzt. Sie hielt Mr Polly an sich geklammert, ein Stofftier, das einmal ein Vogel gewesen war, jetzt aber lediglich einem schmutzigen Frotteewaschlappen mit Flügeln ähnelte.
»Suppe, Mama!«, rief sie. »Komm Suppe essen!«
Also aßen sie Suppe, Campbell’s Hühnersuppe mit Nudeln aus der Dose, dazu Käsebrote und saure Gurken für den Resthunger. Annie MacDonald war keine besonders kreative Köchin, aber alles, was sie auf den Tisch brachte, war essbar, und das hieß schon einiges, dachte Brianna. Sie musste daran denken, dass sie schon weitaus schlechter gegessen hatte, an erlöschenden Lagerfeuern auf nassen Berggipfeln oder an aschigen Herdfeuern, aus denen sie angebrannte Reste gekratzt hatten. Sie warf einen zutiefst liebevollen Blick auf den gasbefeuerten Agaherd, der die Küche zum gemütlichsten Zimmer im ganzen Haus machte.
»Sing mir, Papi!« Mandy, deren Zähne mit Käse verschmiert waren und die Senf am Mund kleben hatte, grinste Roger bittend an.
Roger verschluckte sich an einem Krümel und räusperte sich.
»Oh, aye? Was denn?«
»›Hoppeweiter‹!«
»Also gut. Du musst aber mitsingen – damit ich es richtig mache.« Er lächelte Mandy an und klopfte leise mit seinem Löffelstiel den Takt auf den Tisch.
»Hoppe, hoppe, Reiter«, sang er und zeigte mit dem Stiel auf Mandy, die heldenhaft Luft holte und aus voller Kehle »Hoppe, hoppe, WEITER!« wiederholte – perfekt im Takt. Roger sah Brianna mit hochgezogenen Augenbrauen an und setzte das Lied auf dieselbe Weise als Wechselgesang fort. Nach dem fünften oder sechsten Mal wurde es Mandy jedoch zu langweilig, und mit einem knappen »’tschudigung« stand sie vom Tisch auf und sauste wie eine tief fliegende Hummel davon. Auf dem Weg nach draußen prallte sie am Türpfosten ab.