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»Tja, Rhythmusgefühl hat sie jedenfalls«, sagte Roger und zuckte zusammen, als es im Flur laut krachte, »wenn auch noch keinen Koordinierungssinn. Es wird noch etwas dauern, bis wir wissen, ob sie auch Töne treffen kann. Dein Vater hatte ja ebenfalls ein perfektes Gespür für Rhythmen, aber er war nicht in der Lage, denselben Ton zweimal zu treffen.«

»Das hat mich gerade ein bisschen daran erinnert, wie du es in Fraser’s Ridge gemacht hast«, sagte sie, ohne nachzudenken. »Eine Psalmzeile zu singen und sie von der Gemeinde wiederholen zu lassen.«

Sein Gesicht veränderte sich ein wenig, als sie diese Zeit erwähnte. Er hatte damals gerade zu seiner Berufung gefunden und war sich ihrer so gewiss gewesen, dass es sein ganzes Wesen erstrahlen ließ. Sie hatte ihn noch nie – und nie mehr – so glücklich gesehen, und ihr Herz verkrampfte sich, als sie die Sehnsucht in seinen Augen aufblitzen sah.

Doch er lächelte, als er sich jetzt eine Serviette um den Finger legte, um auch ihr eine Senfspur vom Mund zu wischen.

»Altmodisch«, sagte er. »Obwohl sie es auf den Inseln heute noch so machen – diese Wechselgesänge in der Kirche – und vielleicht in anderen entlegeneren Gegenden des Gaeltacht. Aber die amerikanischen Presbyterianer wollen nichts davon hören.«

»Nicht?«

»Man singt einen Psalm nicht, indem man ihn Zeile für Zeile wiederholt«, zitierte er. »Die Praxis des zeilenweisen Lesens wurde in Zeiten der Unwissenheit eingeführt, als viele Gemeindemitglieder nicht lesen konnten; daher wird empfohlen, so weit wie möglich davon abzusehen. Das stammt aus der Satzung der amerikanischen Presbyterianerkirche.«

Oh, dann hast du also in Boston doch über eine Ordination nachgedacht, dachte sie, sprach es aber nicht aus.

»Zeiten der Unwissenheit«, wiederholte sie stattdessen. »Ich wüsste zu gern, was Hiram Crombie dazu zu sagen hätte!«

Er lachte, schüttelte jedoch den Kopf.

»Nun, es stimmt aber; die meisten Leute in Fraser’s Ridge konnten nicht lesen. Ich bin jedoch nicht der Meinung, dass man Psalmen nur so singt, weil die Leute den Text nicht kennen oder weil es keine Bücher gibt.« Er hielt inne, um nachzudenken, fischte geistesabwesend eine einsame Nudel von seinem Teller und aß sie.

»Gemeinsam zu singen, ist etwas Schönes, kein Zweifel. Doch es als Wechselgesang zu tun – ich glaube, das verstärkt das Gemeinschaftsgefühl. Es lässt die Leute intensiver am Gesang teilhaben – und am eigentlichen Geschehen des Gottesdienstes. Vielleicht liegt es ja nur daran, dass sie sich stärker auf ihren Text konzentrieren müssen.« Er lächelte kurz und wandte den Blick ab.

Bitte!, dachte sie inbrünstig, ob an Gott gerichtet, die Heilige Jungfrau, Rogers Schutzengel oder alle drei. Du musst ihm helfen, einen Weg zu finden!

»Ich … wollte dich etwas fragen«, sagte er plötzlich zaghaft.

»Und was?«

»Tja … Jemmy. Er kann singen. Würde es – natürlich würde er immer noch mit dir zur Messe gehen –, aber würde es dir etwas ausmachen, wenn er mich ebenfalls begleitet? Nur, wenn er möchte«, fügte er hastig hinzu. »Aber ich glaube, dass es ihm Spaß machen könnte, im Chor zu singen. Und ich … glaube, ich hätte gern, dass er sieht, dass ich auch Arbeit habe«, fügte er mit einem halb reumütigen Lächeln hinzu.

»Das fände er mit Sicherheit toll«, sagte Brianna und stellte zum Himmel gerichtet fest: Das ging aber schnell! Denn sie sah sofort – und fragte sich, ob Roger das ebenso begriff, was sie nicht glaubte –, dass diese Lösung es ihr auf elegante Weise ermöglichte, mit Mandy die presbyterianischen Gottesdienste zu besuchen, ohne dass es einen offenen Konflikt zwischen den beiden Glaubensrichtungen gab.

»Würdest du mit uns in die Frühmesse gehen?«, fragte sie. »Denn dann könnten wir alle zusammen nach St. Stephen’s hinüberlaufen und dich und Jem singen hören.«

»Ja, natürlich.«

Er hielt inne, das Brot auf halbem Weg zu seinem Mund, und lächelte sie an. Seine Augen waren grün wie Moos.

»So ist es besser, nicht wahr?«

»Viel besser«, sagte sie.

Später am Nachmittag rief Roger sie über den Flur in sein Studierzimmer hinüber. Er hatte eine Schottlandkarte auf dem Schreibtisch liegen und daneben das aufgeschlagene Notizbuch, in dem er niederschrieb, was sie beide – im Scherz, der jedoch den Widerwillen kaum überdecken konnte, den sie empfanden, wenn sie nur darüber redeten – nach der BBC-Hörspielkomödie den »Anhalter« nannten.

»Tut mir leid, wenn ich dich unterbreche«, sagte er. »Aber ich dachte, wir tun es lieber, bevor Jem nach Hause kommt. Wenn du morgen wieder zum Loch Errochty fährst« – er zeigte mit der Stiftspitze auf den blauen Fleck mit der Bezeichnung L. Errochty –, »könntest du die genauen Koordinaten des Tunnels herausfinden, falls du dir nicht ganz sicher bist, wie er verläuft? Oder bist du das?«

Sie schluckte und spürte, wie die Überreste ihres Käsebrotes rumorten, wenn sie an den dunklen Tunnel dachte, an die kleine schaukelnde Grubenbahn, an … die Passage.

»Nein, aber ich habe noch etwas Besseres. Warte.« Sie ging in ihr eigenes Büro hinüber und kam mit dem Ordner zurück, der die Pläne der Anlage am Loch Errochty enthielt.

»Hier sind die Bauzeichnungen des Tunnels«, sagte sie und legte den Ordner aufgeschlagen auf den Schreibtisch. »Ich habe auch die Blaupausen, aber die sind im Büro in der Zentrale.«

»Nein, das hier ist großartig«, versicherte er ihr und studierte die Zeichnung. »Eigentlich wollte ich ja nur wissen, wie der Tunnel in Bezug auf den Damm ausgerichtet ist.« Er blickte zu ihr auf. »Apropos – hast du den Damm schon komplett besichtigt?«

»Nein, nicht ganz«, sagte sie langsam. »Nur die Ostseite der Wartungsstation. Aber ich glaube nicht – ich meine, sieh doch.« Sie legte einen Finger auf die Zeichnung. »Ich bin irgendwo in der Mitte des Tunnels darauf gestoßen, und der Tunnel verläuft fast parallel zum Damm. Wenn es in einer Linie verläuft – meinst du, das tut es?«, fragte sie und sah ihn merkwürdig an. Er zuckte mit den Achseln.

»Es wäre ein Ausgangspunkt. Obwohl ich annehme, dass es in der Ingenieurssprache ein besseres Wort dafür gibt als ›Vermutung‹?«

»Arbeitshypothese«, erwiderte sie trocken. »Aber wenn es tatsächlich in einer Linie verläuft und nicht nur hier und dort an vereinzelten Stellen auftaucht, hätte ich es ja wahrscheinlich bereits im Damm selbst gespürt. Aber ich könnte es noch einmal überprüfen.« Sie konnte das Zögern in ihrer Stimme selbst hören; er hörte es mit Sicherheit, und er fuhr ihr beruhigend mit der Hand über den Rücken.

»Nein, ich mache das.«

»Was?«

»Ich mache das«, wiederholte er nachsichtig. »Dann sehen wir ja, ob ich es genauso spüre.«

»Nein!« Sie richtete sich abrupt auf. »Das geht nicht. Du darfst – ich meine, was, wenn etwas … passiert? So etwas darfst du nicht riskieren!«

Einen Moment lang betrachtete er sie nachdenklich, dann nickte er.

»Aye, es gibt wohl ein Risiko. Doch es ist klein. Als ich noch jünger war, bin ich doch auch überall in den Highlands gewesen. Und hin und wieder habe ich gespürt, wie mich etwas Merkwürdiges durchfuhr. So geht es den meisten Leuten, die hier leben«, fügte er hinzu und lächelte. »Merkwürdigkeiten gehören zu diesem Land, aye?«

»Ja«, sagte sie und erschauerte kurz, weil sie an Wasserpferde, Ban-sidhe und Nuckelavees denken musste. »Aber du weißt genau, um was für eine Art von Merkwürdigkeit es hier geht – und du weißt verdammt gut, dass es dich umbringen kann, Roger!«