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»Dich hat es ja auch nicht umgebracht«, sagte er. »Uns alle, auf Ocracoke.« Sein Tonfall war unbeschwert, doch sie konnte den Schatten dieser Reise in seinem Gesicht sehen, als er es sagte. Es hatte sie zwar nicht umgebracht – doch es hatte nicht viel gefehlt.

»Nein. Aber –« Sie sah ihn an und erlebte einen intensiven, erschütternden Moment, in dem sie zugleich seinen hochgewachsenen, warmen Körper neben sich im Bett spürte, den Klang seiner tiefen Wachtelkönigstimme – und die kalte Stille seiner Abwesenheit. »Nein«, sagte sie, und ihr Tonfall sagte deutlich, dass sie so hartnäckig bleiben würde wie nötig. Er hörte es und prustete schwach.

»Also schön«, sagte er. »Dann trage ich jetzt den Vermerk ein.« Er verglich die Zeichnung mit der Landkarte, wählte eine Stelle auf der Karte, die in etwa der Mitte des Tunnels entsprach, und zog fragend eine Augenbraue hoch. Sie nickte, und er markierte die Stelle mit einem Bleistiftstern.

Ein großer Stern war mit schwarzer Tinte am Standort des Steinkreises von Craigh na Dun eingetragen. Kleinere mit Bleistift bei anderen Steinkreisen. Eines Tages würden sie diese Kreise vielleicht einmal aufsuchen müssen. Doch noch nicht.

»Bist du schon einmal auf Lewis gewesen?«, fragte Roger – beiläufig, aber doch nicht so, als sei es eine gegenstandslose Frage.

»Nein, wieso?«, fragte sie argwöhnisch.

»Die Äußeren Hebriden gehören zum Gaeltacht«, sagte er. »Auf Lewis und Harris werden noch Wechselgesänge auf Gälisch praktiziert. Ich weiß nicht, was mit Uist und Barra ist – sie sind zum Großteil katholisch –, aber es wäre möglich. Ich glaube, ich würde mir gern einmal ansehen, wie man das heute macht.«

Sie konnte den pankreasförmigen Umriss der Insel Lewis vor der Westküste Schottlands sehen. Es war eine große Karte. So groß, dass sie auf der Insel die kleine Legende Steinkreis von Callanish sehen konnte.

Sie atmete langsam aus.

»Schön«, sagte sie. »Ich fahre mit.«

»Du musst doch arbeiten, oder?«

»Ich nehme mir frei.«

Eine Weile sahen sie einander schweigend an. Brianna riss den Blick als Erste los und richtete ihn auf die Uhr auf dem Regal.

»Jem kommt gleich«, sagte sie, und der prosaische Alltag meldete sich zur Stelle. »Ich fange besser mit dem Abendessen an. Annie hat uns einen schönen Lachs mitgebracht, den ihr Mann gefangen hat. Soll ich ihn marinieren und in den Backofen stecken, oder möchtest du ihn lieber gegrillt?«

Er schüttelte den Kopf, stand auf und begann, die Karte zusammenzufalten.

»Ich bin zum Abendessen nicht da. Wir haben heute Loge.«

Die Provinzialloge der Freimaurer von Inverness-Shire umfasste mehrere örtliche Logen, zwei davon in Inverness. Roger war mit Anfang zwanzig der Nummer 6 beigetreten, der Old Inverness Lodge, hatte das Gebäude aber seit fünfzehn Jahren nicht mehr betreten. Als er es jetzt tat, empfand er eine Mischung aus Argwohn und Vorfreude.

Doch es waren die Highlands – seine Heimat. Der Erste, den er beim Hereinkommen sah, war Barney Gaugh, der der rundliche, lächelnde Bahnhofsvorsteher gewesen war, als Roger fünfjährig mit dem Zug nach Inverness gekommen war, um zu seinem Großonkel zu ziehen. Mr Gaugh war zwar um einiges geschrumpft, und seine tabakfleckigen Zähne waren längst einem nicht minder tabakfleckigen Gebiss gewichen, doch er erkannte Roger sofort. Strahlend packte er ihn am Arm und zog ihn zu einer Gruppe anderer alter Männer hinüber, von denen sich die Hälfte ebenso begeistert über seine Rückkehr zeigte.

Es war komisch, dachte er später, als sie zum Geschehen der Loge übergingen und die Rituale des schottischen Ritus vollzogen. Wie eine Zeitschleife, dachte er, und fast hätte er laut aufgelacht.

Es gab Unterschiede, aye, doch sie waren nur klein – und wie es sich anfühlte … Er konnte die Augen schließen, und wenn er sich vorstellte, der Rauch der ausgedrückten Zigaretten wäre der Rauch eines Herdfeuers, hätte es auch die Hütte der Crombies in Fraser’s Ridge sein können, wo die Treffen ihrer Loge stattgefunden hatten. Das Murmeln der Stimmen, die die Ritualzeilen sprachen, und dann die Entspannung, als wieder Bewegung in die Anwesenden kam, man Tee und Kaffee holte und sie zum geselligen Teil des Abends übergingen.

Die Loge war gut besucht – viel besser, als er es gewohnt war –, und zuerst bemerkte er Lionel Menzies gar nicht. Der Schuldirektor stand am anderen Ende des Zimmers und hörte stirnrunzelnd einem kräftigen Kerl in Hemdsärmeln zu, der sich zu ihm hinüberbeugte. Roger zögerte, weil er ihr Gespräch nicht unterbrechen wollte, doch der Mann, der sich mit Menzies unterhielt, blickte auf, sah Roger, redete weiter – hielt dann aber abrupt inne und heftete den Blick auf Roger. Genauer gesagt, auf seinen Hals.

Alle Logenmitglieder hatten die Narbe angestarrt, teils offen, teils versteckt. Er trug ein Hemd mit offenem Kragen unter seinem Jackett; zwecklos zu versuchen, die Narbe zu verstecken. Besser, es hinter sich zu bringen. Doch der Fremde starrte die Narbe so offen an, dass es schon fast beleidigend war.

Menzies bemerkte, dass sein Gesprächspartner abgelenkt war – es war schließlich kaum zu übersehen –, wandte sich um, sah Roger und lächelte.

»Mr MacKenzie«, sagte er.

»Roger«, sagte Roger lächelnd; es war üblich, sich in der Loge mit dem Vornamen anzusprechen, wenn sie nicht das formelle »Bruder Soundso« benutzten. Menzies nickte und legte den Kopf schief, um seinen Gesprächspartner an der Vorstellung zu beteiligen. »Rob Cameron, Roger MacKenzie. Rob ist mein Vetter – Roger der Vater eines unserer Schüler.«

»Dachte ich mir«, sagte Cameron und schüttelte ihm herzlich die Hand. »Dass Sie der neue Chorleiter sind, meine ich. Mein kleiner Neffe ist in Ihrem Kinderchor – Bobby Hurragh. Er hat uns letzte Woche beim Abendessen von Ihnen erzählt.«

Roger hatte den Blick gesehen, den die Männer gewechselt hatten, als Menzies ihn vorstellte, und sich gedacht, dass auch der Direktor Cameron von ihm erzählt haben musste, wahrscheinlich von seinem Besuch in der Schule nach Jems gälischem Zwischenfall. Doch das interessierte ihn im Moment nicht.

»Rob Cameron«, wiederholte er und drückte dem Mann etwas fester die Hand als üblich, womit er sich einen verblüfften Blick einhandelte. »Sie arbeiten für die Hydro, nicht wahr?«

»Aye. Was –«

»Ich glaube, Sie kennen meine Frau.« Roger entblößte seine Zähne zu einem Lächeln, das man für aufrichtig halten konnte – oder aber auch nicht. »Brianna MacKenzie?«

Camerons Mund öffnete sich, doch es kam kein Ton heraus. Er merkte es, schloss den Mund abrupt und hustete.

»Ich – äh. Ja. Klar.«

Roger hatte den Mann automatisch von oben bis unten betrachtet, als er ihm die Hand schüttelte. Falls es zu einer Prügelei kam, würde sie schnell vorbei sein, das wusste er. Offensichtlich wusste Cameron das ebenfalls.

»Sie, äh …«

»Sie hat es mir erzählt, aye.«

»Hey, es war nur ein kleiner Scherz, aye?« Cameron betrachtete ihn argwöhnisch, als rechnete er damit, dass Roger ihn aufforderte, mit ihm vor die Tür zu gehen.

»Was denn, was denn?«, rief der alte Barney, der jetzt angelaufen kam. »Keine Politik in der Loge, Junge! Wenn du Bruder Roger deinen SNP-Mist aufschwatzen willst, kannst du das hinterher in der Kneipe tun.« Barney packte Cameron beim Ellbogen und zog ihn zu einer Gruppe am anderen Ende des Zimmers hinüber, wo sich Cameron sofort am Gespräch beteiligte, nachdem er noch einmal kurz zu Roger zurückgeblickt hatte.

»SNP-Mist?«, fragte Roger Menzies mit hochgezogenen Augenbrauen. Der Schuldirektor zog lächelnd eine Schulter hoch.

»Hören Sie auf den alten Barney. Keine Politik in der Loge!« Dies war eine der grundsätzlichsten Freimaurerregeln – keine religiösen oder politischen Diskussionen in der Loge – und wahrscheinlich einer der Gründe, warum die Freimaurerei so lange überlebt hatte, dachte Roger. Die Scottish National Party interessierte ihn nicht besonders, doch über Cameron hätte er gern mehr gewusst.