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»Nicht im Traum«, sagte Roger. »Der gute Rob ist also ein politischer Aktivist, wie?«

»Tut mir leid, Bruder Roger«, sagte Menzies. Der gutmütige Humor stand ihm zwar immer noch ins Gesicht geschrieben, doch er sah gleichzeitig entschuldigend aus. »Es war nicht meine Absicht, Ihre Familienangelegenheiten breitzutreten, aber ich habe meiner Frau von Jem und Ms Glendenning erzählt, und wie die Frauen nun einmal sind … Ihre Schwester ist Robs Nachbarin, also hat Rob davon gehört. Es hat ihn wegen des Gälischen interessiert, aye? Und er übertreibt es schnell. Aber ich glaube nicht, dass er sich Vertraulichkeiten mit Ihrer Frau herausnehmen wollte.«

Roger dämmerte, dass Menzies in Bezug auf Rob Cameron und Brianna auf dem völlig falschen Dampfer war, doch er hatte nicht vor, ihn aufzuklären. Es waren nicht nur die Frauen; Tratsch gehörte nun einmal zum Leben in den Highlands, und wenn sich der Streich herumsprach, den Rob und seine Kumpel Brianna gespielt hatten, war es gut möglich, dass ihre Situation am Arbeitsplatz problematisch wurde.

»Ah«, sagte er und versuchte, das Gespräch von Brianna abzulenken. »Natürlich. Die SNP will die gälische Sprache wieder aus der Versenkung holen, nicht wahr? Spricht Cameron denn Gälisch?«

Menzies schüttelte den Kopf. »Seine Eltern haben zu denen gehört, die nicht wollten, dass ihre Kinder es lernen. Jetzt brennt er natürlich darauf. Apropos –« Er brach plötzlich ab, legte den Kopf schief und musterte Roger. »Mir ist ein Gedanke gekommen. Nach unserer Unterhaltung neulich.«

»Aye?«

»Ich habe mich gefragt … Könnten Sie sich vielleicht vorstellen, hin und wieder einen Vortrag zu halten? Vielleicht nur für Jems Klasse, vielleicht aber auch für die ganze Schule, wenn Sie sich dabei wohlfühlen.«

»Einen Vortrag? Was, so etwas wie Gälischunterricht?«

»Ja. Sie wissen schon, ein paar Grundlagen, mit dem einen oder anderen Wort zur Geschichte, vielleicht ein Lied – Rob sagt, Sie sind Chorleiter von St. Stephen’s?«

»Hilfschorleiter«, korrigierte Roger. »Singen, ich weiß nicht. Aber was das Gälische angeht … aye. Ich überlege es mir.«

Brianna war noch wach und wartete in seinem Arbeitszimmer auf ihn, einen Brief aus der Kiste ihrer Eltern ungeöffnet in der Hand.

»Wir brauchen ihn ja nicht heute Abend zu lesen«, sagte sie. Sie legte den Brief hin, stand auf und ging auf ihn zu, um ihn zu küssen. »Ich wollte ihnen nur gern nah sein. Wie war dein Abend?«

»Merkwürdig.« Die Angelegenheiten der Loge waren natürlich geheim, doch von Menzies und Cameron konnte er ihr erzählen, und das tat er.

»Was heißt denn SNP?«, fragte sie stirnrunzelnd.

»Schottische Nationalpartei.« Er schlüpfte aus seinem Rock und erschauerte. Es war kalt, und das Kaminfeuer brannte nicht. »Ende der Dreißiger gegründet, aber sie kommen erst in letzter Zeit so richtig auf Touren. 1974 konnten sie elf Abgeordnete stellen – ganz respektabel. Wie du schon an ihrem Namen hören kannst, ist ihr Ziel die Unabhängigkeit Schottlands.«

»Respektabel«, wiederholte sie und klang skeptisch.

»Nun ja, einigermaßen. Wie in jeder Partei gibt es auch bei ihnen ein paar Irre. Ich glaube aber nicht«, fügte er hinzu, »dass Rob Cameron einer davon ist. Er ist einfach nur ein ganz normales Arschloch.«

Das brachte sie zum Lachen, und der Klang wärmte ihn – genau wie ihr Körper, den sie an ihn presste, die Arme um seine Schultern gelegt.

»Klingt nach Rob«, pflichtete sie ihm bei.

»Menzies sagt allerdings, er interessiert sich für die gälische Sprache. Ich hoffe, er taucht nicht in der ersten Reihe auf, wenn ich meinen Vortrag halte.«

»Halt – was? Jetzt gibst du auch noch Gälischkurse?«

»Na ja, vielleicht. Wir werden sehen.« Es widerstrebte ihm, allzu intensiv über Menzies Vorschlag nachzudenken. Möglicherweise nur, weil von Liedern die Rede gewesen war. Den Kindern im Chor eine Melodie vorzukrächzen, war eine Sache; allein in der Öffentlichkeit zu singen – und sei es nur vor einer Schulklasse –, war etwas ganz anderes.

»Das kann warten«, sagte er und küsste sie. »Lesen wir deinen Brief.«

2. Juni 1777

Fort Ticonderoga

»Fort Ticonderoga?«, erhob sich Briannas Stimme erstaunt, und fast hätte sie Roger den Brief aus der Hand gerissen. »Was in aller Welt wollen sie denn in Fort Ticonderoga?«

»Ich weiß es nicht, aber wenn du dich einen Moment beruhigst, finden wir es ja vielleicht heraus.«

Sie antwortete nicht, sondern umrundete den Schreibtisch und beugte sich vor, um das Kinn auf seine Schulter zu stützen. Ihr Haar streifte seine Wange, während sie sich aufgeregt auf den Brief konzentrierte.

»Schon gut«, sagte er und wandte den Kopf, um sie auf die Wange zu küssen. »Es ist deine Mutter, und sie ist in Parenthesenlaune. Das tut sie nur, wenn sie glücklich ist.«

»Nun ja«, murmelte Brianna und richtete den Blick stirnrunzelnd auf die Seite, »aber … Fort Ticonderoga?«

Liebe Brianna et al,

wie Ihr der Überschrift dieses Briefes zweifellos entnehmen konntet, sind wir (noch) nicht in Schottland. Wir sind unterwegs auf widrige Umstände gestoßen, verursacht durch a) die königliche Marine in Person eines gewissen Kapitäns Stebbings, der versucht hat, Deinen Vater und Deinen Vetter Ian in seine Dienste zu pressen (es hat nicht funktioniert); b) einen amerikanischen Privatier (obwohl der Kapitän, ein gewisser Asa Hickman, darauf besteht, die Mission seines Schiffs mit dem würdigeren Begriff »Kaperfahrt« zu umschreiben, was im Prinzip Piraterie bedeutet, wenn auch auf Anordnung des Kontinentalkongresses); c) Rollo und d) den Herrn, den ich bereits in meinem letzten Brief erwähnt habe, namens John Smith (dachte ich), der sich als britischer Deserteur namens Bill (auch Jonas genannt, zu Recht, wie ich allmählich glaube) Marsden entpuppt hat.

Ohne die ganze blutige Farce bis ins letzte Detail beschreiben zu wollen, kann ich immerhin berichten, dass es Jamie, Ian, dem verdammten Hund und mir gut geht. Bis jetzt. Ich hoffe, dass sich dieser Zustand noch 42 Tage halten wird, denn dann endet der befristete Milizkontrakt Deines Vaters. (Frag nicht. Im Prinzip hat er Mr Marsden den Hals gerettet und für das Wohlergehen von ein paar Dutzend Seeleuten gesorgt, die wider Willen zu Piraten geworden waren.) Dann haben wir vor, sofort mit dem nächsten Transportmittel in Richtung Europa aufzubrechen, vorausgesetzt nur, dass sein Kapitän nicht Asa Hickman heißt. Möglicherweise müssen wir zu diesem Zweck auf dem Landweg bis nach Boston reisen, doch sei’s drum. (Vermutlich wäre es ja interessant zu sehen, wie Boston jetzt aussieht. Mit Wasser in der Back Bay, meine ich. Der Common-Park ist bestimmt da, selbst wenn dort mehr Kühe herumlaufen dürften, als wir es gewohnt sind.)

Das Fort wird von einem gewissen General Anthony Wayne befehligt, und ich habe das unangenehme Gefühl, dass Roger diesen Mann einmal erwähnt und den Spitznamen »Irrsinns-Tony« benutzt hat. Ich hoffe, diese Bezeichnung bezieht sich auf sein Verhalten in der Schlacht, nicht in der Administration. Bis jetzt erscheint er mir ganz vernünftig, wenn er auch einen gehetzten Eindruck macht.

Gehetzt zu sein, ist vernünftig, da er mehr oder minder unmittelbar mit dem Eintreffen der britischen Armee rechnen muss. Unterdessen ist sein Chefingenieur, ein gewisser Mr Jeduthan Baldwin (ich glaube, Du würdest ihn mögen, ein sehr energetischer Mensch!), dabei, eine Brücke zu bauen, die das Fort mit dem Hügel verbinden soll, den sie Mount Independence nennen. Dein Vater kommandiert einen Arbeitertrupp, der mit dem Bau dieser Brücke beschäftigt ist; gerade jetzt kann ich ihn sehen, denn ich habe meinen Ausguck auf einer der halbmondförmigen Geschützstellungen bezogen. Er fällt sehr auf, denn er ist nicht nur doppelt so groß wie die meisten anderen Männer, sondern er ist obendrein einer der wenigen, die ein Hemd tragen. Die meisten von ihnen arbeiten wegen der feuchten Hitze sogar nackt oder nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Wegen der Moskitos halte ich das für einen Fehler, aber mich hat niemand gefragt.