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Kapitel 35

Ticonderoga

12. Juni 1777

Fort Ticonderoga

Ich fand Jamie nackt und schlafend auf dem Strohlager in der winzigen Kammer, die man uns zugewiesen hatte. Sie befand sich im Obergeschoss eines der steinernen Kasernengebäude, und mitten am Tag war es darin so heiß wie im Hades. Aber wir hielten uns tagsüber ja kaum darin auf, da Jamie mit den Brückenbauern am See zu tun hatte und ich im Lazarettgebäude oder in den Familienquartieren arbeitete – wo es natürlich genauso heiß war.

Allerdings speicherten die Steine genug Hitze, um uns an den kühlen Abenden zu wärmen – das Zimmerchen hatte keinen offenen Kamin, doch es hatte immerhin ein kleines Fenster. Gegen Sonnenuntergang wehte eine frische Brise vom Wasser herüber, und für einige Stunden – etwa von zehn Uhr abends bis zwei Uhr nachts – konnte man es aushalten. Jetzt war es gegen acht – draußen war es noch hell, innen herrschten noch Temperaturen wie in einem Backofen: Auf Jamies Schultern glänzte der Schweiß und verdunkelte das Haar an seinen Schläfen zu einem tiefen Bronzeton.

Doch unser Speicherzimmerchen hatte zudem den Vorteil, dass es das einzige Zimmer im oberen Stockwerk war und wir daher einen Hauch von Zurückgezogenheit genießen konnten. Der Nachteil daran war, dass es achtundvierzig Stufen bis zu unserem Adlerhorst waren und man jeden Tropfen Wasser hinauf- und jeden vollen Nachttopf hinuntertragen musste.

Ich hatte gerade einen großen Eimer Wasser nach oben geschleppt, und die verbleibende Hälfte, die sich nicht über die Vorderseite meines Kleides ergossen hatte, wog eine Tonne. Beim Abstellen schepperte der Eimer so laut, dass Jamie blitzartig in die Höhe schoss und im Zwielicht blinzelte.

»Oh, entschuldige«, sagte ich. »Ich wollte dich nicht wecken.«

»Das macht nichts, Sassenach«, brummte er und gähnte herzhaft. Er setzte sich auf, räkelte sich und rieb sich dann mit den Händen fest durch das feuchte, lose Haar. »Hast du schon zu Abend gegessen?«

»Ja, ich habe mit den Frauen zusammen gegessen. Du?« Er aß normalerweise mit seinen Arbeitern, wenn sie Feierabend machten, wurde aber manchmal eingeladen, mit General St. Clair oder den anderen Milizoffizieren zu dinieren, und diese mehr oder minder formellen Anlässe fanden stets später am Abend statt.

»Mmm-hmm.« Er legte sich wieder zurück und sah zu, wie ich Wasser in eine Waschschüssel aus Blech schüttete und ein Stückchen Seife zum Vorschein holte. Ich zog mich bis auf das Korsett und das Hemd aus und fing an, mich gründlichst abzuschrubben, obwohl die kräftige Seife auf meiner ohnehin schon rauen Haut biss und mir von ihrem scharfen Geruch die Augen tränten.

Ich spülte mir das Teufelszeug ab, schüttete das Wasser aus dem Fenster – nachdem ich kurz »Achtung!« gerufen und gewartet hatte – und begann noch einmal von vorn.

»Warum machst du das?«, fragte Jamie neugierig.

»Mrs Wellmans kleiner Sohn hat etwas, wovon ich mir so gut wie sicher bin, dass es Mumps ist. Oder muss es heißen, dass es die Mumps sind? Ich war mir noch nie sicher, ob es Plural ist oder nicht. Jedenfalls will ich nicht Gefahr laufen, dich damit anzustecken.«

»Ist es denn so eine schreckliche Krankheit? Ich dachte, nur Kinder stecken sich damit an.«

»Nun, eigentlich ist es eine Kinderkrankheit«, sagte ich und zuckte zusammen, als die Seife an meine Haut kam. »Aber wenn ein Erwachsener sie bekommt – vor allem ein erwachsener Mann –, ist es eine ernstere Angelegenheit. Es setzt sich meistens in den Hoden fest. Und wenn du nicht unbedingt Eier wie Melonen haben möchtest –«

»Bist du sicher, dass du genug Seife hast, Sassenach? Ich könnte noch etwas suchen gehen.« Er grinste mich an, dann setzte er sich hin und griff nach dem abgenutzten Leinentuch, das uns als Handtuch diente. »Hier, a nighean, lass mich dir die Hände abtrocknen.«

»Einen Moment«, sagte ich. Ich wand mich aus meinem Korsett, ließ mein Hemd zu Boden fallen und hängte es an den Haken an der Tür, dann zog ich mir mein Hemd für »zu Hause« über den Kopf. Es war zwar längst nicht so hygienisch wie sterile Arbeitskleidung, aber im ganzen Fort wimmelte es nur so von Krankheiten, und ich hatte vor, alles Menschenmögliche zu tun, um sie nicht zu Jamie mitzubringen. Er kam im Freien schon genug damit in Berührung.

Ich sprühte mir das restliche Wasser ins Gesicht und auf die Hände. Dann setzte ich mich neben Jamie auf das Strohlager – und japste leise auf, weil mein Knie schmerzhaft knackte.

»Gott, deine armen Hände«, murmelte er und tupfte sie sanft mit dem Handtuch ab, bevor er mir das Gesicht trocknete. »Und du hast Sonnenbrand auf der Nase, du armes Ding.«

»Was ist denn mit deinen Händen?« Obwohl sie normalerweise durch Schwielen geschützt waren, waren seine Hände eine einzige Ansammlung von kleinen Wunden, aufgeschabten Knöcheln, Splittern und Blasen, doch er winkte mit einer raschen Handbewegung ab und legte sich mit einem genüsslichen Stöhnen wieder hin.

»Schmerzt dein Knie noch, Sassenach?«, fragte er, als er sah, wie ich mir das Gelenk rieb. Es hatte sich nie so ganz von der Zerrung erholt, die ich mir während unserer Abenteuer auf der Pitt zugezogen hatte, und Treppensteigen löste eine Reizung aus.

»Ach, das gehört zum allgemeinen Niedergang«, versuchte ich, es scherzhaft abzutun. Ich beugte vorsichtig den rechten Arm und spürte ein Ziehen im Ellbogen. »Es ist alles nicht mehr so beweglich wie früher. Und hier und da tut etwas weh. Manchmal glaube ich, ich falle auseinander.«

Jamie schloss ein Auge und sah mich an.

»So fühle ich mich schon, seit ich zwanzig war«, informierte er mich unbeeindruckt. »Man gewöhnt sich daran.« Er räkelte sich, sodass seine Wirbel nacheinander gedämpft knackten, dann hielt er mir die Hand entgegen. »Komm ins Bett, a nighean. Wenn du mich liebst, tut dir nichts weh.«

Und damit hatte er recht.

Ich schlief kurz ein, erwachte aber ein paar Stunden später instinktiv wieder, um noch einen Blick auf die wenigen Patienten zu werfen, die ständiger Beobachtung bedurften. Darunter befand sich auch Kapitän Stebbings, der sich – zu meiner Überraschung – resolut geweigert hatte zu sterben oder aber sich von irgendjemandem außer mir verarzten zu lassen. Das hatte zwar für Missmut bei Leutnant Stactoe und den anderen Stabsärzten gesorgt, doch da Kapitän Stebbings seiner Forderung mithilfe der furchterregenden Anwesenheit Guinea Dicks – samt seiner angespitzten Zähne und seiner Tätowierungen – Nachdruck verlieh, blieb ich seine Leibärztin.

Ich traf den Kapitän hörbar keuchend und mit leichtem Fieber an, doch er schlief. Beim Klang meiner Schritte erhob sich Guinea Dick von seinem Strohlager – er sah aus wie ein fleischgewordener Albtraum.

»Hat er etwas gegessen?«, fragte ich leise und legte Stebbings sacht die Hand auf das Handgelenk. Der massige Oberkörper des Kapitäns war beträchtlich geschrumpft; selbst im Halbdunkel konnte ich problemlos die Rippen sehen, nach denen ich anfangs noch hatte tasten müssen.

»Bisschen Suppe, Ma’am«, flüsterte der Afrikaner und wies mit der Hand auf eine Schale am Boden, die mit einem Taschentuch abgedeckt war, um die Kakerlaken fernzuhalten. »Gebe ich ihm mehr, wenn er wach zum Pinkeln.«

»Gut.« Stebbings’ Puls schlug zwar ein wenig schnell, doch nicht alarmierend, und als ich mich über ihn beugte und tief einatmete, roch ich nicht die geringste Spur von Wundbrand. Zwei Tage zuvor hatte ich ihm das Röhrchen aus der Brust ziehen können, und es suppte zwar ein wenig Eiter aus der Wunde, doch ich glaubte an eine örtlich begrenzte Entzündung, die wahrscheinlich ohne Hilfe heilen würde. Sie musste es; ich hatte nichts, womit ich hätte helfen können.

Es gab so gut wie kein Licht im Lazarettgebäude, nur ein Binsenlicht an der Tür und das Leuchten der Feuer im Hof. Ich konnte Stebbings’ Gesichtsfarbe nicht einschätzen, doch als er die Augen zur Hälfte öffnete, sah ich es weiß aufblitzen. Er grunzte, als er mich sah, und schloss sie wieder.