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»Gut«, sagte ich und überließ ihn Mr Dicks liebevollen Zuwendungen.

Man hatte dem Mann aus Guinea angeboten, der Kontinentalarmee beizutreten, doch er hatte abgelehnt und es vorgezogen, sich gemeinsam mit Kapitän Stebbings, dem verletzten Mr Ormiston und einigen anderen Seeleuten von der Pitt in die Kriegsgefangenschaft zu begeben.

»Ich bin Engländer, freier Mann«, hatte er schlicht gesagt. »Vielleicht kurz Gefangener, aber freier Mann. Seemann, aber freier Mann. Amerikaner, vielleicht kein freier Mann.«

Möglicherweise nicht.

Ich ließ das Lazarett hinter mir und ging bei den Wellmans vorbei, um einen Blick auf meinen Mumpspatienten zu werfen – unangenehm, aber nicht gefährlich –, und schlenderte dann langsam unter dem aufgehenden Mond über den Hof. Der Abendwind hatte sich gelegt, doch die Nachtluft war kühl. Einem Impuls folgend, stieg ich zu der Geschützstellung hinauf, die über das schmale Ende des Champlain-Sees hinweg zum Mount Defiance hinüberblickte.

Dort gab es zwar zwei Wachtposten, doch sie schliefen beide tief und fest und stanken nach Schnaps. Das war nichts Ungewöhnliches. Die Stimmung im Fort war gedrückt, und es war nicht schwer, an Alkohol zu gelangen.

Ich stand an der Mauer, eine Hand auf einer der Kanonen, deren Metall von der Tageshitze noch leicht warm war. Würden wir gehen können, fragte ich mich, bevor es sich erhitzte, weil die Kanone abgefeuert wurde? Noch zweiunddreißig Tage, und sie konnten gar nicht schnell genug vergehen. Abgesehen von der Bedrohung durch die Briten, war das Fort ein stinkender Ort der Verwesung; es war, als lebte man in einer Jauchegrube, und ich konnte nur hoffen, dass Jamie, Ian und ich hier fortkommen würden, ohne uns mit irgendetwas Verheerendem angesteckt zu haben oder von einem betrunkenen Idioten attackiert worden zu sein.

Ich hörte leise Schritte hinter mir und drehte mich um – und da stand Ian, hochgewachsen und schlank im Feuerschein, der vom Hof heraufdrang.

»Kann ich mit dir sprechen, Tante Claire?«

»Natürlich«, sagte ich und wunderte mich über die ungewohnt förmliche Anrede. Ich trat einen Schritt beiseite, und er stellte sich neben mich und spähte hinunter.

»Brianna hätte dazu bestimmt einiges zu sagen«, sagte er und wies kopfnickend auf die halb fertige Brücke. »Onkel Jamie ebenfalls.«

»Ich weiß.« Seit zwei Wochen sagte Jamie es schon – zu Arthur St. Clair, dem neuen Kommandeur des Forts, zu den anderen Milizanführern, zu den Bauleuten, zu jedem, der ihm zuhörte, und nicht wenigen, die ihm nicht zuhörten. Die Narrheit, riesige Mengen Arbeit und Material an den Bau einer Brücke zu verschwenden, die ganz leicht wieder zu zerstören war, wenn nur jemand Artillerie auf dem Mount Defiance positionierte, war jedermann klar – außer denen, die etwas zu sagen hatten.

Ich seufzte. Es war nicht das erste Mal, dass ich zur Zeugin militärischer Blindheit wurde, und ich fürchtete sehr, dass es auch nicht das letzte Mal sein würde.

»Aber lassen wir das … Worüber wolltest du mit mir sprechen, Ian?«

Er holte tief Luft und wandte sich dem mondbeschienenen Panorama jenseits des Sees zu.

»Erinnerst du dich an den Huronen, der vor Kurzem hier gewesen ist?«

Das tat ich. Vor zwei Wochen hatte eine Gruppe Huronen das Fort besucht, und Ian hatte einen Abend damit verbracht, mit ihnen zu rauchen und sich ihre Geschichten anzuhören. In einigen dieser Geschichten ging es um den englischen General Burgoyne, dessen Gäste sie zuvor gewesen waren.

Burgoyne arbeitete daran, sich die Indianer des Irokesenbundes zu verpflichten, sagten sie, und er verwendete viel Zeit und Geld darauf, sie zu umwerben.

»Er sagt, die Indianer sind seine Geheimwaffe«, hatte einer der Huronen gesagt. »Er wird sie auf die Amerikaner loslassen wie Gewitterblitze und sie alle töten.«

Angesichts dessen, was ich im Allgemeinen über Indianer wusste, war ich der Ansicht, dass Burgoyne vielleicht ein wenig zu optimistisch war. Dennoch dachte ich lieber nicht darüber nach, was geschehen würde, wenn es ihm tatsächlich gelang, eine größere Zahl Indianer dazu zu bewegen, dass sie für ihn kämpften.

Ian starrte immer noch gedankenverloren zum Schatten des Mount Defiance hinüber.

»Wie dem auch sei«, sagte ich, um die Versammlung zur Ordnung zu rufen. »Warum erzählst du mir das, Ian? Du solltest es Jamie und St. Clair sagen.«

»Das habe ich schon.« Der Ruf eines Seetauchers schallte über den See zu uns herüber, überraschend laut und gespenstisch. Diese Vögel klangen wie jodelnde Geister, vor allem wenn mehrere von ihnen ein Konzert gaben.

»Ja? Nun«, sagte ich etwas ungeduldig. »Worüber wolltest du denn dann mit mir sprechen?«

»Babys«, sagte er abrupt. Er richtete sich auf und wandte mir das Gesicht zu.

»Was?«, fragte ich verblüfft. Seit dem Besuch der Huronen war er still und trübselig, und ich vermutete, dass sie ihm irgendetwas erzählt hatten, was der Grund dafür war – doch ich konnte mir nicht vorstellen, was sie ihm über Babys erzählt haben könnten.

»Wie man sie macht«, sagte er hartnäckig, doch sein Blick wich mir aus. Hätten wir mehr Licht gehabt, hätte ich ihn mit Sicherheit erröten sehen können.

»Ian«, sagte ich nach kurzer Pause. »Ich weigere mich zu glauben, dass du nicht weißt, wie man Babys macht. Was willst du wirklich wissen?«

Er seufzte, doch endlich sah er mich an. Seine Lippen pressten sich einen Moment aufeinander, dann platzte er heraus: »Ich will wissen, warum ich keines machen kann.«

Bestürzt rieb ich mir mit dem Handrücken über die Lippen. Ich wusste – von Brianna –, dass er eine tot geborene Tochter mit seiner Mohawkfrau Emily bekommen hatte und dass sie mindestens zwei weitere Fehlgeburten gehabt hatte. Und dass es dieses Versagen war, das dazu geführt hatte, dass Ian die Mohawk von Snaketown verließ und zu uns zurückkehrte.

»Warum glaubst du, dass es an dir liegen könnte?«, fragte ich unverblümt. »Die meisten Männer geben der Frau die Schuld, wenn es zu einer Fehlgeburt kommt. Die meisten Frauen übrigens auch.«

Ich hatte mir und Jamie die Schuld gegeben.

Ungeduldig stieß er ein leises schottisches Geräusch aus.

»Die Mohawk aber nicht. Sie sagen, wenn ein Mann einer Frau beiwohnt, kämpft sein Geist mit dem ihren. Wenn er sie besiegt, wird das Kind eingepflanzt; wenn nicht, dann nicht.«

»Hmm«, sagte ich. »Nun, so kann man es auch ausdrücken. Und es ist gar nicht so falsch. Es kann am Mann oder an der Frau liegen – oder an beiden zusammen.«

»Aye.« Ich hörte ihn schlucken, bevor er weiterredete. »Eine der Huronenfrauen war Kahnyen’kehaka – eine Frau aus Snaketown, und sie kannte mich von dort. Und sie hat zu mir gesagt, dass Emily ein Kind hat. Ein lebendes Kind.«

Er war beim Reden unruhig von einem Bein auf das andere getreten und hatte mit den Fingerknöcheln geknackt. Jetzt wurde er still. Der Mond stand hoch am Himmel und beleuchtete sein Gesicht, sodass seine Augen zu Höhlen wurden.

»Ich habe nachgedacht, Tante Claire«, sagte er leise. »Ich denke schon lange nach. Über sie. Emily. Über Yeka’a. Das – meine kleine Tochter.« Er hielt inne, die kräftigen Fingerknöchel fest in seine Oberschenkel gepresst, doch dann sammelte er sich wieder und fuhr ruhiger fort.

»Und seit einiger Zeit denke ich noch an etwas anderes. Falls – wenn«, verbesserte er sich und sah sich um, als ob er erwartete, dass Jamie auftauchte und ihn böse ansah, »wir nach Schottland fahren, weiß ich ja nicht, wie es dort wird. Aber wenn ich – wenn ich noch einmal heiraten sollte, hier oder dort …« Er sah mich plötzlich an, sein Gesicht alt und voller Leid, aber gleichzeitig herzzerreißend jung und voller Hoffnung und Zweifel.

»Ich könnte nie ein Mädchen zur Frau nehmen, wenn ich wüsste, dass ich ihr nie ein lebendes Kind schenken kann.«

Er schluckte erneut und starrte zu Boden.