»Könntest du … vielleicht einen Blick auf mich werfen, Tante Claire? Um zu sehen, ob vielleicht irgendetwas nicht stimmt?« Er fuhr sich mit der Hand an den Lendenschurz, und ich hielt ihn mit einer hastigen Geste auf.
»Das kann warten, Ian. Erzähl mir erst einmal mehr; dann sehen wir, ob ich dich untersuchen muss.«
»Bist du sicher?« Er klang überrascht. »Onkel Jamie hat mir von den Spermien erzählt, die du ihm gezeigt hast. Ich dachte, mit meinen stimmt vielleicht irgendetwas nicht.«
»Nun ja, dazu würde ich sowieso ein Mikroskop brauchen. Und es gibt zwar abnorme Spermien, aber in solchen Fällen kommt es normalerweise gar nicht erst zur Empfängnis. Und wenn ich es richtig verstehe, war das ja nicht euer Problem. Sag mir –« Ich hätte ihn das lieber nicht gefragt, aber es gab keinen anderen Weg. »Deine Tochter. Hast du sie gesehen?«
Die Nonnen hatten mir meine tot geborene Tochter gegeben. »Es ist besser, wenn Ihr sie seht«, hatten sie mit sanftem Nachdruck gesagt.
Er schüttelte den Kopf.
»Nein. Ich meine – ich habe das kleine Bündel gesehen, das sie aus ihr gemacht haben, in Kaninchenfelle gewickelt. Sie haben es hoch oben in die Astgabel einer Zeder gelegt. Ich bin eine Zeit lang nachts dorthin gegangen, nur um … nun ja. Ich habe zwar daran gedacht, das Bündel herunterzuholen, sie auszuwickeln, nur um ihr Gesicht zu sehen. Aber das hätte Emily Kummer bereitet, also habe ich es nicht getan.«
»Das hast du richtig gemacht. Aber hat – oh, verdammt, Ian, es tut mir so leid –, aber hat deine Frau oder eine der anderen Frauen je gesagt, dass man dem Kind irgendwie ansehen konnte, dass etwas nicht stimmte? War es irgendwie … deformiert?«
Er sah mich an, die Augen vor Schreck weit aufgerissen, und einen Moment lang bewegten sich seine Lippen tonlos.
»Nein«, sagte er schließlich, und in seiner Stimme klangen sowohl Schmerz als auch Erleichterung mit. »Nein. Ich habe sie gefragt. Emily wollte nicht über sie reden – über Iseabaìl – so hätte ich sie genannt, Iseabaìl –«, erklärte er. »Aber ich habe nicht aufgehört zu fragen, bis sie mir erzählt hat, wie das Baby aussah. Sie war perfekt«, sagte er leise und blickte auf die Brücke hinunter, auf der eine Laternenkette leuchtete, die sich im Wasser spiegelte. »Perfekt.«
Das war Faith ebenso gewesen. Perfekt.
Ich legte ihm eine Hand auf den Unterarm, der von harten Muskeln durchzogen war.
»Das ist gut«, sagte ich leise. »Sehr gut. Dann erzähl mir, soviel du kannst, über das, was während der Schwangerschaft passiert ist. Hatte deine Frau Blutungen in der Zeit zwischen der Entdeckung der Schwangerschaft und der Geburt?«
Langsam geleitete ich ihn durch die Hoffnung und die Angst, die Trostlosigkeit eines jeden Verlustes, fragte ihn nach allen Symptomen, an die er sich erinnern konnte, und nach allem, was er über Emilys Familie wusste; hatte es bei ihren Verwandten Fehl- oder Totgeburten gegeben?
Der Mond zog über uns hinweg und begann zu sinken. Schließlich reckte und schüttelte ich mich.
»Ich kann es nicht mit absoluter Sicherheit sagen«, sagte ich. »Aber ich halte es zumindest für möglich, dass das Problem das war, was wir Rhesusunverträglichkeit nennen.«
»Was?« Er hatte sich an eine der großen Kanonen gelehnt und hob jetzt den Kopf.
Es war sinnlos, ihm zu erklären, was Blutgruppen, Antigene und Antikörper waren. Und es unterschied sich ja auch gar nicht so sehr von der Erklärung, die die Mohawk für das Problem hatten.
»Wenn das Blut einer Frau Rhesus-negativ ist und das ihres Mannes Rhesus-positiv«, erklärte ich, »dann wird ihr Kind Rhesus-positiv, weil das dominant ist. Was das bedeutet, ist jetzt unwichtig, aber das Kind ist auf jeden Fall positiv wie der Vater. Manchmal geht die erste Schwangerschaft gut, und es tauchen erst beim nächsten Mal Probleme auf – manchmal passiert es gleich beim ersten Kind. Im Grunde stellt der Körper der Mutter eine Substanz her, die das Kind umbringt. Aber wenn eine Rhesus-negative Frau ein Kind von einem Rhesus-negativen Mann bekommt, ist der Fötus grundsätzlich auch negativ, und es gibt kein Problem. Da du sagst, dass Emily ein lebendes Kind hat, ist es möglich, dass ihr neuer Mann auch Rhesus-negativ ist.« Ich hatte nicht die geringste Ahnung, ob bei den amerikanischen Ureinwohnern vielleicht Rh-negative Blutgruppen vorherrschten, aber die Theorie passte zu den Indizien.
»Und wenn das so ist«, schloss ich, »dürftest du das Problem mit einer anderen Frau nicht haben – die meisten Europäerinnen sind Rhesus-positiv, wenn auch nicht alle.«
Er starrte mich so lange an, dass ich mich fragte, ob er verstanden hatte, was ich gesagt hatte.
»Nenne es Schicksal«, sagte ich sanft, »oder Pech. Aber es war nicht deine Schuld. Oder ihre.« Nicht meine. Oder Jamies.
Er nickte langsam, beugte sich vor und legte mir kurz den Kopf auf die Schulter.
»Danke, Tante Claire«, flüsterte er. Er hob den Kopf und küsste mich auf die Wange.
Am nächsten Tag war er fort.
Kapitel 36
Der Great Dismal
21. Juni 1777
Die Straße versetzte William in Staunen. Natürlich war sie nur ein paar Meilen lang, doch das Wunder, in der Lage zu sein, geradewegs in den Great Dismal hineinzureiten, direkt über eine Stelle hinweg, die er noch lebhaft in Erinnerung hatte, weil er sie bei einem anderen Besuch mitsamt seinem Pferd durchschwimmen musste, während er den Schnappschildkröten und Giftschlangen auswich – es war einfach verblüffend bequem. Das Pferd schien ähnlich zu denken und bewegte sich leichtfüßig, um die Geschwindigkeit der kleinen gelben Pferdebremsen zu übertreffen, die sich in Schwärmen auf sie stürzten und deren Augen wie Regenbogen glitzerten, wenn sie sich näherten.
»Freu dich, solange du kannst«, riet William dem Wallach und strich ihm kurz über die Mähne. »Gleich wird es matschig.«
Eigentlich war die Straße noch matschig genug, auch wenn man sie von den Gummibäumen und vereinzelten Kiefern befreit hatte, die sich an ihrem Rand drängten. Doch das war nichts im Vergleich mit den trügerischen Mooren und den unerwarteten Teichen, die hinter dem Zaun aus Bäumen lauerten. Er erhob sich ein wenig in den Steigbügeln und spähte voraus.
Wie weit noch?, fragte er sich. Der Ort Dismal befand sich am Ufer des Drummond-Sees in der Mitte des Sumpfes. Doch so weit wie jetzt war er noch nie in den Great Dismal vorgedrungen, und er hatte keine Ahnung, wie groß der Sumpf tatsächlich war.
Die Straße reichte nicht bis an den See, das wusste er. Doch gewiss gab es eine Spur, der er folgen konnte; die Bewohner des Ortes mussten ja schließlich hin und wieder kommen und gehen.
»Washington«, murmelte er zum wiederholten Mal vor sich hin. »Washington, Cartwright, Harrington, Carver.« Das waren die Namen der Loyalisten aus Dismal Town, die ihm Hauptmann Richardson genannt hatte; er hatte sie auswendig gelernt und dann das Blatt Papier, auf dem sie standen, pflichtschuldigst verbrannt. Kaum war dies geschehen, packte ihn jedoch die Panik, er könnte die Namen vergessen, und so leierte er sie schon den ganzen Morgen vor sich hin.
Die Mittagsstunde war seit einiger Zeit vorbei, und die Wolkenschleier des Vormittags hatten sich zu einem tief hängenden Himmel von der Farbe schmutziger Wolle zusammengeballt. Er atmete langsam ein, doch die Luft roch nicht nach dem prickelnden Duft eines unmittelbar bevorstehenden Wolkenbruchs – noch nicht. Neben dem durchdringenden Sumpfgeruch aus Schlamm und verrottenden Pflanzen konnte er seine eigene Haut riechen, salzig und verschwitzt. Er hatte sich Kopf und Hände gewaschen, wann immer er konnte, doch seit zwei Wochen hatte er die Kleider weder gewechselt noch gewaschen, und das grobe Jagdhemd und die Leinenhose begannen allmählich, ihn zu jucken.
Doch womöglich war das nicht nur getrockneter Schweiß und Dreck. Er kratzte sich heftig, weil er das Gefühl hatte, dass es in seiner Hose krabbelte. Er hätte schwören können, dass er sich im letzten Gasthaus eine Laus geholt hatte.