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Die Laus, wenn sie denn existierte, war so klug, Ruhe zu geben, und der Juckreiz hörte auf. Erleichtert holte William Luft und stellte fest, dass die Sumpfgerüche stärker geworden waren, als stiege das Harz der Bäume dem kommenden Regen entgegen. Die Luft hatte plötzlich etwas Gedämpftes an sich, das jedes Geräusch erstickte. Der Gesang der Vögel war verstummt; es war, als sei er mit dem Pferd in einer Welt unterwegs, die in Watte gehüllt war.

Das Alleinsein machte William nichts aus. Im Grunde war er ja allein aufgewachsen, ohne Geschwister, und er war zufrieden damit, sich selbst Gesellschaft zu leisten. Außerdem, so sagte er sich, dachte man in der Einsamkeit besser nach.

»Washington, Cartwright, Harrington und Carver«, intonierte er leise. Doch abgesehen von diesen Namen, hatte sein Auftrag wenig an sich, worüber er hätte nachdenken können, und so stellte er fest, dass seine Gedanken eine vertrautere Richtung einschlugen.

Wenn er unterwegs war, dachte er meistens an Frauen, und er fasste sich nachdenklich an die Tasche unter seinem Rockschoß. Die Tasche war gerade eben groß genug für ein Buch; diesmal hatte er die Wahl zwischen dem Neuen Testament gehabt, das ihm seine Großmutter geschenkt hatte, und seinem kostbaren Exemplar von Harris’ Liste der Damen vom Covent Garden. Eigentlich keine Konkurrenz.

Als William sechzehn war, hatte sein Vater ihn mit einem Freund dabei erwischt, wie sie die Seiten dieses berüchtigten Leitfadens studierten, der die Vorzüge der Londoner Freudenmädchen beschrieb. Das Buch gehörte dem Vater seines Freundes. Lord John hatte eine Augenbraue hochgezogen und das Buch langsam durchgeblättert. Hin und wieder hatte er innegehalten, um auch die andere Augenbraue hochzuziehen. Dann hatte er das Buch geschlossen, tief Luft geholt, ihnen einen kurzen Vortrag über den Respekt gehalten, der dem weiblichen Geschlecht gebühre – und den Jungen dann aufgetragen, ihre Hüte zu holen.

In einem diskreten, eleganten Haus am Ende der Brydges Street hatten sie mit einer herrlich gekleideten Dame aus Schottland Tee getrunken, einer gewissen Mrs McNab, die mit seinem Vater gut befreundet zu sein schien. Nach dieser Erfrischung hatte Mrs McNab eine kleine Messingglocke geläutet und …

William rutschte seufzend im Sattel hin und her. Ihr Name war Margery gewesen, und er hatte eine leidenschaftliche Lobeshymne auf sie verfasst. Er war wie verrückt in sie verliebt gewesen.

Nachdem er eine Woche lang fieberhaft nachgedacht hatte, war er in der festen Absicht zurückgekehrt, um ihre Hand anzuhalten. Mrs McNab hatte ihn freundlich willkommen geheißen, seinen gestotterten Bekenntnissen mit dem größten Mitgefühl gelauscht und dann zu ihm gesagt, dass Margery über seine gute Meinung gewiss erfreut sein würde, dass sie gegenwärtig jedoch beschäftigt sei. Sie hätte da jedoch ein liebes Mädchen namens Peggy, das gerade erst aus Devonshire gekommen sei. Die Kleine käme ihr einsam vor und würde sich gewiss gern mit ihm unterhalten, während er auf Margery wartete …

Die Erkenntnis, dass Margery just in diesem Moment mit einem anderen genau das tat, was sie mit ihm getan hatte, versetzte ihm einen solchen Schlag, dass er Mrs McNab mit offenem Mund anstarrte und erst wieder zu sich kam, als Peggy eintrat, hübsch, blond, lächelnd und mit den bemerkenswertesten –

»Ah!« William schlug sich in den Nacken, weil ihn eine Bremse gestochen hatte, und fluchte.

Das Pferd war langsamer geworden, ohne dass er es bemerkt hatte, und jetzt, da er es bemerkte …

Er fluchte noch einmal, lauter. Die Straße war verschwunden.

»Wie zum Teufel ist denn das passiert?« Er hatte laut gesprochen, doch seine Stimme kam ihm leise vor, vom Gewirr der Bäume erstickt. Die Bremsen waren ihm gefolgt; eine von ihnen stach das Pferd, das schnaubte und heftig den Kopf schüttelte.

»Dann komm mit«, sagte William wieder leiser. »Sie kann ja nicht weit weg sein, oder? Wir finden sie schon.«

Er wendete das Pferd und begann langsam, einen großen Halbkreis zu reiten, von dem er hoffte, dass er irgendwo die Straße schneiden würde. Der Boden war zwar feucht und mit langen, wirren Grasbüscheln bewachsen, aber nicht sumpfig. Die Pferdehufe hinterließen tiefe Rundungen im Schlamm und ließen klebrigen Modder und Gras auffliegen, das in dicken Klumpen an den Beinen und Flanken des Pferdes hängen blieb.

Er war in nordwestliche Richtung unterwegs gewesen … Er blickte instinktiv zum Himmel, doch dort war keine Hilfe zu finden. Das Einheitsgrau war dabei, sich zu verändern, und hier und dort schob sich jetzt eine finstere Wolke drohend durch die Decke, die die Sonne verhüllte. Schwaches Donnergrollen drang zu ihm durch, und er fluchte erneut.

Seine Taschenuhr bimmelte leise, ein seltsam beruhigendes Geräusch. Er blieb einen Moment stehen, weil er nicht riskieren wollte, dass sie in den Schlamm fiel, und holte sie aus seiner Uhrentasche. Drei Uhr.

»Das geht doch«, sagte er ermutigt zu seinem Pferd. »Uns bleibt noch reichlich Tageslicht.« Natürlich nur theoretisch, wenn man die finstere Atmosphäre berücksichtigte. Er hätte sich genauso gut schon jenseits der Dämmerung befinden können.

Er richtete die Augen auf die heraufziehenden Wolken und überlegte. Kein Zweifeclass="underline" Es würde regnen, und zwar bald. Nun, es würde ja nicht das erste Mal sein, dass er und das Pferd nass wurden. Er seufzte, stieg ab und wickelte den Leinenbettsack auseinander, der Teil seiner Armeeausrüstung war. Er stieg wieder auf und setzte hartnäckig die Suche nach der Straße fort, den Leinensack um die Schultern drapiert und den Hut tief ins Gesicht gezogen.

Die ersten Tropfen kamen vom Himmel geprasselt, und augenblicklich erhob sich ein bemerkenswerter Geruch aus dem Sumpf. Erdig, kräftig, grün und … irgendwie fruchtbar, so als räkelte sich der Sumpf und böte dem Himmel genüsslich seinen Körper dar, während er seinen Duft aufsteigen ließ wie das Parfum, das das lose Haar einer teuren Hure umweht.

William griff automatisch nach dem Buch in seiner Tasche, um diesen poetischen Gedanken irgendwo am Rand zu notieren, schüttelte dann aber den Kopf und murmelte »Idiot« vor sich hin.

Eigentlich machte er sich keine Sorgen. Wie er bereits zu Hauptmann Richardson gesagt hatte, hatte er den Great Dismal schon mehrfach besucht und auch wieder verlassen. Natürlich war er nie allein gewesen; er und sein Vater waren hin und wieder mit einigen der indianischen Freunde seines Vaters auf die Jagd gegangen. Und es war schon einige Jahre her. Aber …

»Mist!«, sagte er. Er hatte das Pferd durch ein Dickicht getrieben, von dem er gehofft hatte, dass es das Gestrüpp am Straßenrand war, sah sich aber nur weiterem Gebüsch gegenüber – dunkle, dicht wachsende Wacholdersträucher mit ihrer haarigen Rinde, aromatisch wie ein Glas Gin im Regen. Kein Platz zum Wenden. Leise schimpfend trieb er das Pferd zum Rückwärtsgehen an und schnalzte mit der Zunge.

Beklommen sah er, dass sich die Abdrücke der Pferdehufe langsam mit Wasser füllten. Nicht vom Regen; der Boden war nass. Sehr nass. Er hörte Sauggeräusche, als die Hinterhufe des Pferdes auf Sumpfboden trafen, und beugte sich automatisch vor, während er dem Pferd drängend in die Seiten trat.

Überrascht stolperte das Pferd, fing sich wieder – und dann gaben seine Hinterbeine plötzlich nach und rutschten im Schlamm aus. Es warf den Kopf hoch und wieherte verblüfft auf. William, der nicht minder überrumpelt war, purzelte über seinen zusammengerollten Schlafsack hinweg und landete mit einem Wasserschwall am Boden.

Er rappelte sich auf wie eine Katze, die man mit heißem Wasser überschüttet hat, panisch bei der Vorstellung, er könnte in eines der Sumpflöcher gesogen werden, die im Great Dismal lauerten. Er hatte einmal das Skelett eines Hirsches gesehen, der sich in einem solchen Loch verfangen hatte und von dem nur der Schädel mit dem Geweih übrig geblieben war, halb versunken und zur Seite gedreht, die gelben Zähne zu etwas entblößt, was er sich als Schrei ausgemalt hatte.