Выбрать главу

Irgendwann im Lauf der Nacht zog das Gewitter weiter, und als der Lärm endete, fiel er in beklommenen Schlaf, aus dem er schließlich erwachte – um in weißes Nebelnichts zu starren.

Ihn durchfuhr eine Kälte, die tiefer reichte als die durchdringende Kühle der Dämmerung. Er hatte seine Kindheit im englischen Lake District verbracht und wusste aus seinen frühesten Erinnerungen, dass es gefährlich war, wenn sich der Nebel auf die Hügel senkte. Schafe gingen oft im Nebel verloren, weil sie zu Tode stürzten, weil sie von ihrer Herde getrennt und von Hunden oder Füchsen getötet wurden, weil sie erfroren oder weil sie einfach verschwanden. Auch Menschen verschwanden manchmal im Nebel.

Die Toten kamen mit dem Nebel zur Erde, hatte Elspeth, das Kindermädchen, gemurmelt. Er konnte sie vor sich sehen, eine schmale alte Frau, die aufrecht und furchtlos am Kinderzimmerfenster stand und in das dahintreibende Weiß hinausblickte. Sie hatte es leise gesagt wie zu sich selbst; er glaubte, dass ihr gar nicht bewusst war, dass er überhaupt da war. Als sie es bemerkte, zog sie abrupt die Vorhänge zu, kam herbei, um ihm seinen Tee zu machen, und sagte keinen Ton mehr dazu.

Eine Tasse Tee könnte er jetzt gut brauchen, dachte er, am besten mit reichlich Whisky. Heißer Tee, heißer Toast mit Butter, Marmeladenbrote und Kuchen …

Der Gedanke an die Teemahlzeiten in seinem Kinderzimmer erinnerte ihn an sein matschiges Brot und den Käse. Er zog beides vorsichtig aus seiner Tasche, und die bloße Tatsache, dass es noch da war, spendete ihm Mut. Er aß es langsam und genoss die geschmacklose Masse wie einen in Brandy eingelegten Pfirsich. Er fühlte sich besser, trotz des feuchtkalten Nebels in seinem Gesicht, des Wassers, das ihm von den Haarspitzen tropfte, und der Tatsache, dass er nass war bis auf die Haut; seine Muskeln schmerzten, weil sie die ganze Nacht gezittert hatten.

Er hatte die Geistesgegenwart besessen, in der Nacht seine Pfanne in den Regen zu stellen, und so hatte er frisches Trinkwasser, das herrlich nach Schinkenspeck schmeckte.

»Gar nicht so schlimm«, sagte er laut und wischte sich den Mund ab. »Jedenfalls noch nicht.«

Seine Stimme klang merkwürdig. Alle Stimmen klangen im Nebel merkwürdig.

Er hatte sich schon zweimal im Nebel verlaufen und hegte keinerlei Bedürfnis, dies erneut zu erleben, auch wenn er das in seinen Albträumen ohnehin manchmal tat – wenn er blind durch derart dichtes Weiß stolperte, dass er seine eigenen Füße nicht sehen konnte, und die Stimmen der Toten hörte.

Er schloss die Augen, weil ihm die Dunkelheit zumindest vorübergehend lieber war als das weiße Wirbeln, doch die kalten Finger des Nebels konnte er in seinem Gesicht deutlich spüren.

Damals hatte er die Stimmen gehört. Jetzt versuchte er, erst gar nicht darauf zu lauschen.

Er stand entschlossen auf. Er musste weiter. Doch es würde Wahnsinn sein, blind durch die Sümpfe und das dichte Grün zu wandern.

Er befestigte die Pfanne an seinem Gürtel, legte sich das nasse Leinen um die Schultern, streckte eine Hand aus und begann, sich vorzutasten. Wacholderholz war ungeeignet; es zerfiel, wenn man es mit dem Messer bearbeitete, und die Bäume wuchsen so, dass kein Ast über mehr als ein paar Zentimeter gerade verlief. Gummibaum oder Tupelo war schon besser, aber eine Erle wäre am besten.

Er fand tatsächlich eine kleine Gruppe von Erlenschösslingen, nachdem er sich eine halbe Ewigkeit behutsam durch den Nebel vorgearbeitet hatte, indem er stets einen Fuß vor den anderen setzte und die Wirkung abwartete – und bei jedem Baum stehen blieb und sich die Blätter an Mund und Nase presste, um zu erkennen, was es war.

Er tastete sich zwischen den schmalen Stämmchen vor, suchte sich einen aus, der einen Durchmesser von vielleicht drei Zentimetern hatte, packte den Schössling mit beiden Händen und riss ihn aus. Er rutschte mit einem ächzenden Laut und einem Blattschauer aus dem Boden – und ein schwerer Körper glitt ihm plötzlich über den Stiefel. Er stieß einen Schrei aus und ließ das Wurzelende seines Schösslings niedersausen, doch die Schlange war längst geflohen.

Trotz der Kühle in Schweiß gebadet, löste er die Bratpfanne von seinem Gürtel und benutzte sie, um vorsichtig auf dem unsichtbaren Boden umherzustochern. Da sich nichts mehr bewegte und sich die Oberfläche als relativ fest herausstellte, drehte er die Pfanne um und setzte sich darauf.

Wenn er sich das Holz dicht vor das Gesicht hielt, konnte er die Bewegungen seiner Hände so verfolgen, dass er sich nicht schnitt, und so gelang es ihm mühsam, den Schössling zu entrinden und ihn auf eine praktische Länge von etwa einem Meter achtzig zurechtzustutzen. Dann machte er sich daran, ihn an einem Ende anzuspitzen.

Der Great Dismal war zwar gefährlich, doch er wimmelte nur so von Wild. Das war es, was die Jäger in seine rätselhaften Tiefen lockte. Natürlich hatte William nicht vor, mit seinem selbst gemachten Speer einen Bären oder auch nur ein Reh zu töten. Doch war er recht geschickt im Aufspießen von Fröschen; zumindest war er es einmal gewesen. Ein Stallknecht auf dem Anwesen seines Großvaters hatte es ihm vor langer Zeit beigebracht; er hatte es oft mit seinem Vater in Virginia getan, und er war zwar in den letzten Jahren in London nicht zum Üben gekommen, aber er war sich sicher, dass er es nicht verlernt hatte.

Überall ringsum konnte er fröhliche Frösche hören, die sich durch den Nebel nicht beeindrucken ließen.

»Brekekekex, koax, koax«, murmelte er. »Brekekekex, koax!« Aristophanes-Zitate schienen die Frösche nicht besonders zu beeindrucken.

»Ha! Wartet nur«, versprach er ihnen drohend und prüfte seine Speerspitze mit dem Daumen. Brauchbar. Ein Speer für die Froschjagd hatte idealerweise die Form eines Dreizacks … Nun, warum nicht? Zeit hatte er ja.

Er biss sich vor lauter Konzentration auf die Zunge, während er zwei weitere Zweige anspitzte und diese so einkerbte, dass sie sich am eigentlichen Speer befestigen ließen. Er dachte kurz daran, sie mit Wacholderrinde festzubinden, verwarf diesen Gedanken jedoch und löste lieber ein Stück Faden vom Saum seines Hemdes.

Nach dem Unwetter war der Sumpf triefend nass. Er hatte seine Zunderbüchse verloren, doch er glaubte nicht einmal, dass Jehovas Donnerschläge der letzten Nacht hier noch ein Feuer entfachen würden. Und bis die Sonne herauskam und es ihm vielleicht gelang, einen Frosch zu fangen, wäre er wohl ohnehin so verzweifelt, dass er ihn roh essen würde.

Paradoxerweise fand er diesen Gedanken tröstlich. Er würde also weder verhungern noch verdursten – der Aufenthalt in diesem Sumpf war so, als lebte man im Inneren eines Schwamms.

Er hatte keinen definitiven Plan – nur das Wissen, dass der Sumpf zwar groß war, aber begrenzt. Daher beschloss er, geradeaus zu gehen, bis er auf festen Boden oder auf den See stieß, sobald er sich an der Sonne orientieren und daher gewiss sein konnte, dass er nicht im Kreis lief. Wenn er den See fand … Nun, der Ort Dismal lag am Ufer. William brauchte also nur um den See herumzulaufen, und irgendwann würde er ihn finden.

Solange er also auf die trügerischen Stellen im Sumpf achtete, keinem Raubtier zum Opfer fiel, nicht von einer Giftschlange gebissen wurde und nicht durch verseuchtes Wasser oder das Miasma des Sumpfes krank wurde, würde alles gut werden.

Er überprüfte die Verbindung, indem er den Spieß vorsichtig in den Schlamm stieß, und stellte fest, dass sie hielt. Jetzt gab es nichts mehr zu tun, als darauf zu warten, dass sich der Nebel lichtete.

Doch der Nebel machte keine Anstalten, sich zu lichten. Wenn überhaupt, wurde er dichter; William war kaum noch imstande, seine Finger auszumachen, selbst wenn er sie sich dicht vor die Augen hielt. Seufzend zog er seinen feuchten Rock um sich, legte den Speer neben sich und lehnte sich vorsichtig mit dem Rücken an die restlichen Erlen. Er legte seine Arme um die Knie, um sich das bisschen Körperwärme zu bewahren, das ihm noch geblieben war, und schloss die Augen, um das Weiß auszusperren.