Die Frösche waren immer noch zugange. Da ihn jetzt jedoch nichts mehr ablenkte, begann er, auch die anderen Geräusche des Sumpfes zu hören. Die Vögel waren zum Großteil still und warteten wie er auf das Ende des Nebels, doch hin und wieder hallte das tiefe, plötzliche Dröhnen einer Rohrdommel durch den Nebel. Hin und wieder raschelte und plätscherte es. Bisamratte?, fragte er sich.
Ein lautes Plonk! verriet ihm eine Schildkröte, die sich von einem Baumstamm ins Wasser gleiten ließ. Diese Geräusche waren ihm lieber, weil er sie identifizieren konnte. Was ihn nervös machte, war das leise Rascheln, das von Ästen stammen konnte, die sich aneinanderrieben – obwohl die Luft doch wohl zu still war für Wind? –, oder von der Bewegung eines Tiers auf der Jagd. Der schrille Aufschrei eines kleinen Tiers, der abrupt abriss. Und das Ächzen und Stöhnen des Sumpfes selbst.
Er hatte einmal gehört, wie sich Felsen auf den Hügeln von Helwater miteinander unterhielten. Im Lake District, Heimat seiner Großeltern mütterlicherseits. Im Nebel. Davon hatte er niemandem erzählt.
Unversehens spürte er etwas unter seinem Kinn. Heftig schlug er mit der Hand nach der Stelle und entdeckte einen Blutegel, der sich an seinem Hals festgesaugt hatte. Angewidert riss er ihn los und schleuderte ihn in den Nebel, so fest er konnte. Nachdem er sich mit zitternden Händen überall abgetastet hatte, setzte er sich wieder auf den Boden seiner verlässlichen Bratpfanne und versuchte, die Flut der Erinnerungen abzuwehren, die mit dem wabernden Nebel über ihn hereinbrach. Er hatte damals gehört, wie ihm seine Mutter – seine echte Mutter – etwas zuflüsterte. Das war der Grund gewesen, warum er in den Nebel gegangen war. Sie hatten ein Picknick in den Hügeln gemacht, seine Großeltern, Mama Isobel und ein paar Freunde, dazu ein paar Dienstboten. Als der Nebel kam, plötzlich, wie es manchmal geschah, packten alle in Eile zusammen, und er war sich selbst überlassen geblieben, während er zusah, wie die unausweichliche Wand lautlos auf ihn zugerollt kam.
Und er hätte schwören können, dass er das Flüstern einer Frau hörte, zu leise, um Worte auszumachen, doch irgendwie voller Sehnsucht, und er hatte gewusst, dass sie mit ihm sprach.
Also war er in den Nebel hineingegangen. Einen Moment lang hatte ihn die Bewegung des Wasserdampfs am Boden fasziniert, die Art, wie er flackerte und schimmerte und zu leben schien. Doch dann wurde der Nebel dichter, und innerhalb von Sekunden war ihm klar gewesen, dass er sich verlaufen hatte.
Er hatte gerufen. Erst hatte er die Frau gerufen, die er für seine Mutter hielt. Die Toten kommen mit dem Nebel zur Erde. Das war so gut wie alles, was er über seine Mutter wusste – nämlich dass sie tot war. Sie war bei ihrem Tod nicht älter gewesen als er jetzt. Er hatte sie auf drei Gemälden gesehen. Es hieß, er hätte ihr Haar und ihr Händchen für Pferde.
Sie hatte ihm geantwortet; er hätte schwören können, dass sie ihm geantwortet hatte – doch mit einer Stimme ohne Worte. Er hatte die Liebkosung kalter Finger auf seinem Gesicht gespürt und war wie in Trance weitergewandert.
Dann war er böse hingefallen, war über die Felsen in eine kleine Mulde gepurzelt und hatte sich so heftig gestoßen, dass er keine Luft mehr bekam. Der Nebel war über ihn hinweggewabert, weitergeströmt, drängend in seiner Eile, alles einzuhüllen, während William wie betäubt und atemlos am Boden seiner kleinen Vertiefung lag. Dann begann er, das Murmeln der Felsen ringsum zu hören, und war schreiend zuerst losgekrochen, dann gerannt, so schnell er konnte. War noch einmal gestürzt, wieder aufgestanden und weitergelaufen.
Fiel hin, konnte schließlich doch nicht weiter und kauerte verängstigt und blind im hohen Gras, umgeben von endloser Leere. Dann hörte er, wie sie nach ihm riefen, Stimmen, die er kannte, und er versuchte, ihnen zu antworten, doch sein Hals war wund vom Schreien, und er brachte nicht mehr als verzweifelte Krächzlaute heraus, während er in die Richtung rannte, aus der ihm die Stimmen zu kommen schienen. Doch der Klang bewegt sich im Nebel, und nichts ist, wie es scheint: weder die hörbare Welt noch Zeit und Raum.
Wieder und wieder und wieder lief er auf die Stimmen zu, stolperte, stürzte und rollte einen Hang hinunter, stolperte gegen Felsvorsprünge, fand sich an die Kante eines Steilhangs geklammert wieder, und die Stimmen waren jetzt hinter ihm, verschwammen mit dem Nebel, ließen ihn allein.
Mac hatte ihn gefunden. Plötzlich hatte sich eine kräftige Hand zu ihm hinuntergesenkt und ihn gepackt, und in der nächsten Minute wurde er hochgezogen, übersät mit blauen Flecken, zerkratzt und blutig, jedoch fest an das grobe Hemd des schottischen Stallknechts gepresst, und starke Arme hatten ihn festgehalten, als wollten sie ihn nie wieder loslassen.
Er schluckte. Wenn er diesen Albtraum hatte, erwachte er manchmal, und Mac hielt ihn fest. Manchmal jedoch auch nicht, und dann erwachte er in kalten Schweiß gebadet und konnte nicht wieder einschlafen, weil er den wartenden Nebel und die Stimmen fürchtete.
Er erstarrte, weil er Tritte hörte. Holte vorsichtig Luft – und roch den unverwechselbaren Gestank von Schweinekot. Er bewegte sich nicht; Wildschweine waren gefährlich, wenn man sie erschreckte.
Schnüffelgeräusche, noch mehr Getrappel, Rascheln und fallende Wassertropfen, schwere Körper, die die Blätter der Ilexbüsche streiften. Es waren mehrere Tiere, die sich langsam, aber stetig bewegten. Er ging abrupt in die Hocke und bewegte den Kopf hin und her, um exakt auszumachen, woher die Geräusche kamen. Nichts und niemand konnte sich in diesem Nebel zielsicher bewegen – es sei denn, es folgte einem Pfad.
Der Sumpf war von einem Zickzackmuster aus Wildwechseln durchzogen, die durch das Rotwild begonnen wurden und von sämtlichen Tieren – vom Opossum bis zum Schwarzbären – benutzt wurden. Diese Pfade wanden sich ziellos durch das Gehölz, und es gab nur zwei Dinge, die sich mit Gewissheit über sie sagen ließen: erstens, dass sie zu trinkbarem Wasser führten, und zweitens, dass sie nicht in Sumpflöcher führten. Das war für William erst einmal genug.
Eines hatten sie noch über seine Mutter erzählt. »Waghalsig«, hatte seine Großmutter traurig gesagt und den Kopf geschüttelt. »Sie war immer so waghalsig, so impulsiv.« Und ihr Blick hatte angespannt auf ihm geruht. Und du bist genau wie sie, hatten diese nervösen Augen gesagt. Gott steh uns bei.
»Vielleicht bin ich das«, sagte er laut. Er packte seinen Froschspeer und stand trotzig auf. »Aber ich bin nicht tot. Noch nicht.«
So viel wusste er. Und dass man, wenn man sich verlaufen hatte, nur dann an einem Fleck bleiben sollte, wenn man tatsächlich gesucht wurde.
Kapitel 37
Fegefeuer I
Am Mittag des dritten Tages fand er den See. Der Weg dorthin hatte ihn durch eine Kathedrale gigantischer Sumpfzypressen geführt, deren Stämme sich wie Säulen aus dem überfluteten Boden erhoben. Halb verhungert und benommen vom aufkommenden Fieber, bahnte er sich langsam seinen Weg durch wadentiefes Wasser.
Die Luft war reglos, das Wasser auch. Das Einzige, was sich bewegte, waren seine langsam dahinschlurfenden Füße und die summenden Insekten, die ihn plagten. Seine Augen waren von Moskitostichen geschwollen, und die Laus hatte Gesellschaft von einigen Sandflöhen bekommen. Anders als die riesigen Schwärme winziger Fliegen stachen die Libellen, die überall hin und her flitzten, zwar nicht, doch sie wendeten ihre eigene Foltermethode an – sie zwangen ihn, sie anzusehen, und das Sonnenlicht ließ ihre durchsichtigen Flügel und ihre glänzenden Körper golden, blau und rot aufglitzern, atemberaubend schön.
Die glatte Wasseroberfläche warf ein so perfektes Spiegelbild der darin stehenden Bäume, dass er sich nicht länger sicher war, wo er sich befand – ein anspruchsvoller Balanceakt zwischen zwei Spiegelwelten. Er verlor ständig das Gespür dafür, wo oben und unten war, weil der schwindelerregende Anblick der Zypressenäste über ihm derselbe war wie zu seinen Füßen. Die Bäume ragten fast dreißig Meter weit über ihm auf, und der Anblick der Wolken, die geradewegs durch die sanft schwankenden Äste unter ihm zu segeln schienen, vermittelte ihm ständig das Gefühl, er sei im Begriff zu fallen – ob nach oben oder unten, konnte er nicht sagen.