Выбрать главу

Er hatte sich zwar den Zypressensplitter aus dem Arm gezogen und versucht, die Wunde so gut wie möglich sauber bluten zu lassen, doch unter seiner Haut steckten noch mehrere andere kleine Holzsplitter fest, und sein Arm war heiß und pochte – genau wie sein Kopf. Die Kälte und der Nebel waren verschwunden, als hätte es sie nie gegeben, und er wanderte langsam durch eine Welt aus Hitze und Stille, die an den Rändern schimmerte. Die Rückseiten seiner Augen brannten.

Solange er die Augen fest auf das Wasser gerichtet hielt, das von seinen Stiefeln fortströmte, unterbrachen die v-förmigen Wellen das verstörende Spiegelbild, und dieser Anblick hielt ihn aufrecht. Aber wenn er den Libellen nachsah, verlor er schwankend das Gleichgewicht, weil sie weder dem Wasser noch der Luft anzugehören, sondern Teil von beidem zu sein schienen.

Ein paar Zentimeter neben seiner rechten Wade tauchte eine seltsame Rinne im Wasser auf. Er blinzelte, dann sah er den Schatten, spürte die Wellenbewegungen des schweren Körpers. Ein bedrohlicher, spitzer, dreieckiger Kopf.

Er schnappte nach Luft und erstarrte. Zu seinem riesigen Glück tat die Mokassinschlange das nicht ebenfalls.

Er sah dem Tier nach und fragte sich, ob man es wohl essen konnte. Es spielte ohnehin keine Rolle; sein Froschspeer war zerbrochen, obwohl er immerhin drei Frösche gefangen hatte, bevor die improvisierten Knoten nachgaben. Kleine Frösche. Sie hatten nicht schlecht geschmeckt, obwohl sich das rohe Fleisch anfühlte wie Gummi. Sein Magen verkrampfte sich, und er kämpfte den irrsinnigen Impuls nieder, der Schlange nachzusetzen, sie zu packen und ihr mit den Zähnen das Fleisch von den Knochen zu reißen.

Vielleicht konnte er ja einen Fisch fangen.

Er blieb mehrere Minuten still stehen, um sicherzugehen, dass die Schlange wirklich fort war. Dann schluckte er und trat einen Schritt vor. Und ging weiter, den Blick fest auf die kleinen Wellen gerichtet, die von den Bewegungen seiner Füße ausgingen und das Spiegelwasser ringsum in Scherben zerbersten ließen.

Kurz darauf kam jedoch Bewegung in die Oberfläche, und winzige Wellen schlugen zu Hunderten schimmernd gegen das graubraune Holz der Zypressen, sodass das schwindelerregende Wogen der Wolken und Bäume verschwand. Er hob den Kopf und sah den See vor sich.

Er war riesig. Viel größer, als William gedacht hatte. Gewaltige Sumpfzypressen standen im Wasser, und dazwischen verblichen die Stümpfe und Skelette ihrer Vorgänger in der Sonne. Das andere Ufer war dunkel; es war dicht mit Tupelobäumen, Erlen und Mehlbäumen bewachsen. Das Wasser selbst schien sich meilenweit zu erstrecken, braun wie ein Tee aus den Extrakten der Bäume, die darin wuchsen.

Er leckte sich die Lippen und bückte sich, schöpfte eine Handvoll des braunen Wassers und trank, dann trank er mehr. Es war Süßwasser, ein wenig bitter.

Er wischte sich mit der nassen Hand über das Gesicht, und die kühle Feuchtigkeit ließ ihn unvermittelt fiebrig erschauern.

»Also gut«, sagte er und fühlte sich atemlos. Er ging weiter, und der Boden vor ihm senkte sich immer weiter ab, bis William im offenen Wasser stand und das Dickicht des Sumpfes hinter sich hatte. Er hatte zwar nach wie vor Schüttelfrost, doch er achtete nicht mehr darauf.

Der See war nach einem der ersten Gouverneure North Carolinas benannt. Eine Jagdgesellschaft, darunter auch Gouverneur William Drummond, hatte sich in den Sumpf begeben. Eine Woche später war Drummond, der einzige Überlebende, halb tot vor Hunger und Fieber wieder aus dem Sumpf gestolpert, hatte aber die Neuigkeit von der Existenz eines großen, unvermuteten Sees inmitten des Great Dismal mitgebracht.

William holte tief Luft und erschauerte. Nun, bis jetzt war er noch nicht gefressen worden. Und er hatte den See erreicht. In welcher Richtung lag Dismal Town?

Er ließ den Blick langsam über das Seeufer schweifen und suchte nach einer Spur von Kaminrauch, irgendeiner Lücke in der dichten Vegetation, die auf eine Siedlung hindeutete. Nichts.

Mit einem Seufzer griff er in seine Tasche und fand ein Sixpencestück. Er warf es in die Luft und hätte es dann fast verfehlt. Es prallte von seinen langsamen Fingern ab, und er fing es nur mit Schwierigkeiten auf. Ich hab’s, ich hab’s! Zahl. Also links. Er wandte sich entschlossen um und setzte sich in Bewegung.

Sein Bein stieß gegen einen Gegenstand im Wasser, und als er hinunterblickte, sah er gerade noch das weiße Maul der Mokassinschlange aufblitzen, die im Wasser emporschoss und nach seinem Bein zielte. Aus purem Reflex riss er den Fuß hoch, und die Fänge der Schlange bohrten sich in das Leder seiner Stiefelspitze.

Er schrie auf und schüttelte das Bein so heftig, dass sich die Schlange von ihm löste und platschend ins Wasser flog. Wo sie unbeirrt sofort kehrtmachte und pfeilschnell wieder auf ihn zugesaust kam.

William riss sich die Bratpfanne vom Gürtel und schwang sie mit aller Kraft. Er schöpfte die Schlange mit einem Ruck aus dem Wasser und schleuderte sie in die Luft. Er wartete nicht ab, bis er sehen konnte, wo sie landete, sondern drehte sich um und rannte platschend auf das Ufer zu.

Er lief, bis er die Gummi- und Wacholderbäume erreichte, wo er stehen blieb und erleichtert nach Luft schnappte. Doch die Erleichterung war nicht von langer Dauer. Als er sich wieder umdrehte, sah er, wie die Schlange, deren braune Haut wie Kupfer glänzte, hinter ihm über das Ufer glitt und ihm entschlossen hinterhergeschlängelt kam.

Er stieß einen Schrei aus und floh.

Er rannte blindlings drauflos, und es gluckste bei jedem Schritt unter seinen Füßen. Er prallte gegen Baumstämme, wurde von Zweigen geohrfeigt, verfing sich mit den Beinen im Ilexgestrüpp, durch das er sich in einem Schauer von Blättern und abgerissenen Zweigen hindurchkämpfte. Er blickte nicht zurück, doch er blickte auch eigentlich nicht nach vorn, und so prallte er ungebremst mit einem Mann zusammen, der ihm im Weg stand.

Der Mann stieß einen Ausruf aus und fiel rücklings um, William obenauf. Als er sich aufrichtete, blinzelte er in das Gesicht eines erstaunten Indianers. Bevor er sich entschuldigen konnte, packte ihn jemand anders am Arm und zog ihn unsanft hoch.

Es war ein weiterer Indianer, der jetzt wütend und fragend auf ihn einredete.

Er durchforstete sein Hirn nach Überresten der Trappersprache, fand nichts, wies mit dem Arm in die Richtung des Sees und keuchte: »Schlange!« Doch offenbar verstanden die Indianer dieses Wort, denn sie setzten argwöhnische Mienen auf und blickten in die Richtung, in die er zeigte. Wie zur Bestätigung seiner Geschichte kam in diesem Moment die aufgebrachte Mokassinschlange in Sicht, die sich zwischen den Wurzeln eines Gummibaums hindurchwand.

Beide Indianer schrien auf, und einer von ihnen zog einen Knüppel aus einer Schlinge in seinem Rücken und hieb nach der Schlange. Er verfehlte sie, und das Reptil rollte sich blitzartig zusammen und schnellte erneut auf ihn zu. Die Schlange verfehlte ihn ebenfalls, jedoch nur knapp, und der Indianer fuhr zurück und ließ den Knüppel fallen.

Der andere Indianer stieß ein angewidertes Wort aus. Er griff ebenfalls nach seinem Knüppel und begann, die Mokassinschlange argwöhnisch zu umkreisen. Durch diese Nachstellungen weiter in Rage gebracht, drehte sich die zusammengerollte Schlange zischend um sich selbst und zielte dann wie ein Speer nach dem Fuß des zweiten Indianers. Der schrie auf und sprang zurück, behielt seinen Knüppel jedoch in der Hand.

William war unterdessen ein Stück zurückgewichen, hocherfreut, nicht mehr im Zentrum des Ärgers der Schlange zu stehen. Doch als er jetzt sah, wie das Tier eine Sekunde aus dem Gleichgewicht geriet – wenn man denn bei einer Schlange überhaupt von Gleichgewicht sprechen konnte –, packte er seine Bratpfanne, holte aus und ließ sie aus Leibeskräften mit der Kante auf den Boden sausen.