»Aye, das bin ich«, sagte der Mann trocken. Er hob das Kinn und wies in die Richtung der verschwundenen Indianer. »Wo habt Ihr denn die zwei getroffen?«
»Am See. Sie haben mich um Tabak gebeten, und ich … habe ihnen welchen gegeben. Aber dann haben sie Jagd auf mich gemacht; ich weiß nicht, warum.«
Der Mann zuckte mit den Achseln.
»Sie wollten Euch nach Westen mitnehmen und Euch den Shawnee als Sklaven verkaufen.« Er lächelte kurz. »Sie haben mir die Hälfte des Preises angeboten.«
William holte tief Luft.
»Dann danke ich Euch. Das heißt – ich hoffe, Ihr habt nicht dieselben Pläne?«
Der Mann lachte zwar nicht, doch seine Belustigung war ihm deutlich anzumerken. »Nein. Ich gehe nicht nach Westen.«
William wurde ein wenig leichter ums Herz, obwohl die Hitze der Anstrengung jetzt wieder dem Schüttelfrost zu weichen begann. Er schlug die Arme um seine Knie. Sein rechter Arm begann wieder zu schmerzen.
»Und Ihr – glaubt Ihr, sie könnten zurückkommen?«
»Nein«, sagte der Mann schulterzuckend. »Ich habe ihnen gesagt, sie sollen verschwinden.«
William starrte ihn an.
»Und warum glaubt Ihr, dass sie tun werden, was Ihr sagt?«
»Weil sie Mingos sind«, erwiderte der Mann geduldig, »und ich bin Kahnyen’kehaka – ein Mohawk. Sie haben Angst vor mir.«
William fixierte ihn scharf, doch es war kein Scherz. Der Mann war fast so groß wie William selbst, aber spindeldürr, und sein dunkelbraunes Haar war mit Bärenfett zurückgestrichen. Er machte einen souveränen Eindruck, aber keinen angsteinflößenden.
Der Mann betrachtete ihn mit derselben Neugier, die auch er empfand. William hustete und räusperte sich, dann streckte er die Hand aus. »Euer Diener, Sir. Ich bin William Ransom.«
»Oh, ich weiß, wer Ihr seid«, sagte der Mann mit einem ausgesprochen merkwürdigen Unterton. Er streckte ebenfalls den Arm aus und schüttelte William fest die Hand. »Ian Murray. Wir sind uns schon einmal begegnet.« Er ließ den Blick über Williams zerrissene, mitgenommene Kleider wandern, sein zerkratztes, verschwitztes Gesicht und seine schlammverkrusteten Stiefel. »Ihr seht zwar ein wenig besser aus als bei unserer letzten Begegnung – aber nicht viel.«
Murray hob den Feldkessel vom Feuer und stellte ihn auf den Boden. Er legte das Messer kurz in die Glut, dann tauchte er die Klinge in die Bratpfanne, die jetzt mit Wasser gefüllt war. Das heiße Metall zischte, und Wasserdampf stieg auf.
»Fertig?«, sagte er.
»Ja.«
William kniete sich vor einen umgestürzten Pappelstamm und legte den verletzten Arm flach auf das Holz. Er war sichtlich geschwollen; ein großer Splitter malte sich deutlich unter seiner Haut ab, und die gedehnte Haut ringsum ließ den Eiter einer schmerzhaften Entzündung durchscheinen.
Der Mohawk – noch war er das für William, trotz seines Namens und seines Akzents – sah ihn über den Stamm hinweg an, die Augenbrauen fragend hochgezogen.
»Wart Ihr das, den ich vorhin schreien gehört habe?« Er ergriff Williams Handgelenk.
»Ich habe einen Schrei ausgestoßen, ja«, sagte William steif. »Ich bin von einer Schlange angegriffen worden.«
»Oh.« Murrays Mund zuckte ein wenig. »Ihr schreit wie ein Mädchen«, sagte er und richtete seine Aufmerksamkeit auf seine Arbeit. Das Messer drückte zu.
William stöhnte aus tiefster Seele.
»Aye, schon besser«, sagte Murray. Er lächelte flüchtig wie zu sich selbst, packte William fest am Handgelenk und durchtrennte die Haut über dem Splitter mit einem sauberen Schnitt, der den Splitter auf einer Länge von etwa achtzehn Zentimetern freilegte. Er schob die Haut mit der Messerspitze beiseite, schleuderte den großen Splitter heraus und zupfte dann vorsichtig an den kleineren Splittern, die das Zypressenstück hinterlassen hatte.
Als er alles entfernt hatte, was er konnte, wickelte er eine Falte seines abgetragenen Plaids um den Griff des Feldkessels, hob ihn hoch und goss das dampfende Wasser in die offene Wunde.
William stieß einen noch viel inbrünstigeren Laut aus, der diesmal von Worten begleitet wurde.
Murray schüttelte den Kopf und schnalzte tadelnd mit der Zunge.
»Aye, nun ja, jetzt muss ich wohl dafür sorgen, dass Ihr nicht sterbt, denn wenn Ihr es tut, könnt Ihr nur in die Hölle kommen, wenn Ihr solche Ausdrücke benutzt.«
»Ich habe nicht vor zu sterben«, krächzte William. Er atmete schwer und wischte sich mit dem freien Arm über die Stirn. Dann hob er vorsichtig den anderen Arm und schüttelte sich mit Blut vermischtes Wasser von den Fingerspitzen. Davon wurde ihm schwindelig, und er setzte sich sehr abrupt auf den Baumstamm.
»Nehmt den Kopf zwischen die Knie, wenn Euch schlecht wird«, meinte Murray zu ihm.
»Mir ist nicht schlecht.«
Es kam keine Antwort außer Kaugeräuschen. Während er darauf wartete, dass das Wasser im Kessel kochte, war Murray ins Wasser gewatet und hatte ein paar Hände voll eines stark riechenden Krauts ausgerupft, das am Rand wuchs. Jetzt war er dabei, die Blätter zu kauen und die grünen Klumpen auf ein Stoffstück zu spucken. Er holte eine ziemlich verschrumpelte Zwiebel aus seinem Verpflegungsbeutel, schnitt eine große Scheibe davon ab und betrachtete sie kritisch, schien aber zu dem Schluss zu kommen, dass sie unzerkaut zu gebrauchen war. Er legte sie mit in sein Päckchen und faltete den Stoff dann ordentlich zusammen.
Dann legte er das Ganze auf die Wunde und band es mit Stoffstreifen fest, die er von Williams Hemdschößen abgerissen hatte.
Murray musterte ihn nachdenklich.
»Ich vermute, Ihr seid ziemlich stur?«
William starrte den Schotten an, verdutzt über diese Bemerkung, obwohl ihm Freunde, Verwandte und militärische Vorgesetzte bereits wiederholt gesagt hatten, dass ihn seine Unnachgiebigkeit eines Tages noch umbringen würde. Das konnte ihm doch wohl nicht anzusehen sein?
»Was zum Teufel wollt Ihr denn damit sagen?«
»Es sollte keine Beleidigung sein«, erwiderte Murray gelassen und bückte sich, um den Knoten des improvisierten Verbandes mit den Zähnen festzuziehen. »Ich hoffe nur, dass es so ist – weil es ein weiter Weg ist, bis wir Hilfe für Euch finden, und wenn Ihr stur genug seid, um mir nicht zu sterben, wäre das, glaube ich, gut.«
»Ich sagte doch, ich habe nicht vor zu sterben«, versicherte ihm William. »Und ich brauche keine Hilfe. Wo – befinden wir uns irgendwo in der Nähe von Dismal Town?«
Murray spitzte die Lippen.
»Nein«, sagte er und zog eine Augenbraue hoch. »Wolltet Ihr dorthin?«
William überlegte einen Moment, doch dann nickte er. Es konnte ja kaum schaden, ihm das zu sagen.
Murray zog eine Augenbraue hoch.
»Warum?«
»Ich – habe dort mit einigen Herren zu tun.« Noch während er das sagte, rutschte William das Herz in die Hose. Himmel, das Buch! Er war über seine gesammelten Abenteuer so bestürzt gewesen, dass er die wahre Bedeutung seines Verlustes gar nicht begriffen hatte.
Abgesehen von seinem allgemeinen Unterhaltungswert und seiner Nützlichkeit als Palimpsest für seine persönlichen Gedankengänge, war das Buch lebensnotwendig für seine Mission. Es enthielt mehrere sorgfältig markierte Passagen, deren Code ihm die Namen und Adressen der Männer verriet, die er aufsuchen sollte – und wichtiger noch, was er ihnen mitteilen sollte. An die Namen konnte er sich zum Großteil noch erinnern, dachte er, aber was den Rest betraf …
Seine Bestürzung war so groß, dass sie das Pochen seines Armes in den Hintergrund treten ließ, und er stand unvermittelt auf, weil ihn der Drang packte, in den Great Dismal zurückzulaufen und ihn zentimeterweise zu durchkämmen, bis er das Buch wiederfand.
»Fehlt Euch etwas, Mann?« Murray hatte sich ebenfalls erhoben und betrachtete ihn mit einer Mischung aus Neugier und Sorge.