»Ich – ja. Mir ist nur – etwas eingefallen, das ist alles.«
»Nun, dann denkt im Sitzen weiter darüber nach, aye? Ihr fallt gleich ins Feuer.«
Tatsächlich war es William weiß vor den Augen geworden, und Murrays Gesicht verschwand weitgehend hinter pulsierenden schwarzen und weißen Pünktchen, auch wenn sein alarmierter Ausdruck noch zu erkennen war.
»Ich – ja, das tue ich.« Er setzte sich noch abrupter nieder, als er aufgestanden war, und plötzlich war sein ganzes Gesicht in kalten Schweiß getaucht. Eine Hand, die sich auf seinen gesunden Arm legte, drängte ihn, sich hinzulegen, und das tat er, weil er das dumpfe Gefühl hatte, dass es besser sein würde, als in Ohnmacht zu fallen.
Murray stieß einen schottischen Laut der Bestürzung aus und murmelte etwas Unverständliches. William spürte, wie sich der Mann unsicher über ihn beugte.
»Es geht schon«, sagte er, ohne die Augen zu öffnen. »Ich muss mich – nur etwas ausruhen.«
»Mmpfm.«
William konnte nicht sagen, ob dieses Geräusch Bestätigung oder Sorge ausdrückte, doch Murray entfernte sich und kam im nächsten Moment mit einer Decke zurück, die er kommentarlos über William legte. William bedankte sich mit einer schwachen Geste; sprechen konnte er nicht, weil der Schüttelfrost plötzlich seine Zähne klappern ließ.
Er hatte schon seit einiger Zeit Gliederschmerzen, denen er jedoch keine Beachtung geschenkt hatte, weil er weitermusste. Jetzt fielen sie mit voller Wucht über ihn her, ein derart markerschütternder Schmerz, dass er am liebsten laut aufgestöhnt hätte. Um das zu vermeiden, wartete er, bis das Frösteln so weit nachließ, dass er wieder sprechen konnte, dann rief er Murray herbei.
»Seid Ihr selbst mit dem Ort vertraut, Sir? Seid Ihr schon einmal dort gewesen?«
»Hin und wieder, aye.« Er konnte Murray sehen, ein dunkler Umriss, der am Feuer hockte, und er hörte Metall auf Stein klirren. »Es ist ein trostloser Ort.«
»Ha«, sagte William schwach. »Was Ihr nicht sagt. Und seid Ihr zuf-f-fällig auch einem gewissen Mr Washington begegnet?«
»Fünf oder sechs davon. Der General hat ziemlich viele Vettern, aye?«
»Der G-G-«
»General Washington. Ihr habt vielleicht schon von ihm gehört?« Die Belustigung in der Stimme des schottischen Mohawk war nicht zu überhören.
»Doch, das habe ich. Aber – das kann doch nicht …« Es ergab keinen Sinn. Er verstummte. Dann riss er sich zusammen und rief seine dahintreibenden Gedanken zur Ordnung. »Es ist ein gewisser Mr Henry Washington. Ist er auch mit dem General verwandt?«
»Soweit ich weiß, sind alle Träger dieses Namens im Umkreis von dreihundert Meilen mit dem General verwandt.« Murray beugte sich über seinen Beutel und brachte eine pelzige Masse zum Vorschein, an der ein langer nackter Schwanz baumelte. »Wieso?«
»Ich – nichts.« Der Krampf war abgeklungen, und er holte dankbar Luft, während sich seine verknoteten Bauchmuskeln entspannten. Doch inmitten seiner Verwunderung und des zunehmenden Fiebernebels meldete sich der Argwohn schwach zu Wort. »Jemand hat mir gesagt, dass Mr Henry Washington ein bedeutender Loyalist ist.«
Murray wandte sich erstaunt zu ihm um.
»Wer in St. Brides Namen sagt Euch denn so etwas?«
»Offensichtlich jemand, der schwer im Irrtum war.« William presste sich die Daumenwurzeln gegen die Augen. Sein verletzter Arm schmerzte. »Was ist das? Ein Opossum?«
»Eine Bisamratte. Keine Sorge, sie ist noch frisch. Ich hatte sie gerade erlegt, als ich auf Euch getroffen bin.«
»Oh. Gut.« Er spürte sich auf obskure Weise getröstet, obwohl er keine Ahnung hatte, warum. Nicht wegen der Bisamratte; er hatte schon öfter Bisamratte gegessen und mochte das Fleisch, obwohl ihm das Fieber jetzt den Appetit geraubt hatte. Er war schwach vor Hunger, hatte aber keinerlei Verlangen, etwas zu essen. Oh. Nein, es war dieses »Keine Sorge«. Genau in diesem freundlichen, beiläufigen Ton – Mac, der Stallknecht, hatte das oft zu ihm gesagt, wenn er einmal von seinem Pony gefallen war oder nicht mit seinem Großvater in den Ort reiten durfte. »Keine Sorge, es wird alles gut.«
Er hörte, wie Haut vom darunterliegenden Muskelfleisch abgerissen wurde. Weil ihm davon schwindelig wurde, schloss er die Augen.
»Ihr habt ja einen roten Bart.«
Murrays Stimme drang ihm überrascht in die Ohren.
»Und das fällt Euch jetzt erst auf?«, sagte William gereizt und öffnete die Augen. Die Farbe seines Bartes war ihm peinlich; während die Haare auf seinem Kopf, seiner Brust und seinen Gliedmaßen eine ordentliche kastanienbraune Farbe hatten, waren sein Bart und seine Schamhaare in einem unerwartet leuchtenden Ton gefärbt, der ihn verlegen machte. Er rasierte sich gewissenhaft, selbst wenn er an Bord eines Schiffes war oder auf der Straße kampieren musste – doch sein Rasiermesser hatte sich natürlich mitsamt dem Pferd von ihm verabschiedet.
»Nun ja, aye«, sagte Murray gelassen. »Ich war wohl vorher abgelenkt.« Er verstummte, auf seine Arbeit konzentriert, und William versuchte, sich zu entspannen, um ein bisschen zu schlafen. Müde genug war er ja. Doch vor seinen geschlossenen Augen tanzten immer wieder dieselben Bilder des Sumpfes umher und ermüdeten ihn mit Visionen, die er weder ignorieren noch unterdrücken konnte.
Wurzeln wie Schlingenfallen, Schlamm, stinkende kalte Schweinehaufen, die beklemmend an menschliche Fäkalien erinnerten, aufgewühltes totes Laub …
Totes Laub, das auf dem Wasser trieb wie braunes Glas, zersplitternde Spiegelbilder rings um seine Beine … Worte im Wasser, die Seiten seines Buches, die ihn leise verspotteten, während sie versanken …
Dann blickte er auf, der Himmel genauso schwindelerregend wie der See, das Gefühl, dass er genauso gut nach oben wie nach unten fallen konnte, um in der mit Wasser geschwängerten Luft zu ertrinken … Ertrank in seinem Schweiß … Eine junge Frau, die ihm den Schweiß von der Wange leckte, kitzelnd, ihr Körper schwer und heiß und drückend, sodass er sich drehte und wand, doch er konnte ihrer drängenden Zuwendung nicht entrinnen …
… Schweiß, der sich hinter seinem Ohr sammelte, ihm das Haar verklebte, in den Stoppeln seines vulgären Bartes große, träge Perlen bildete … Kühle auf seiner Haut, seine Kleider ein triefendes Leichentuch … Die Frau war immer noch da, tot jetzt, ein Gewicht auf seiner Brust, das ihn auf den eisigen Boden drückte …
Nebel und die schleichende Kälte … Weiße Finger, die sich in seine Augen gruben, seine Ohren. Er durfte den Mund nicht öffnen, sonst würden sie in sein Inneres fassen … Alles weiß.
Er rollte sich zu einer zitternden Kugel zusammen.
Schließlich fiel William in einen tieferen, wenn auch unruhigen Schlaf, aus dem er einige Zeit später erwachte. Es roch herrlich nach gebratener Bisamratte, und der riesige Hund lag dicht an ihn gepresst da und schnarchte.
»Himmel«, sagte er und erinnerte sich verstört an die junge Frau in seinen Träumen. Er schubste den Hund schwach an. »Wo kommt der denn her?«
»Das ist Rollo«, sagte Murray tadelnd. »Ich habe ihm gesagt, er soll sich neben Euch legen, um Euch zu wärmen; Ihr habt Schüttelfrost, falls Euch das noch nicht aufgefallen ist.«
»Doch, es ist mir aufgefallen.« William kämpfte sich hoch und zwang sich zu essen, war dann aber froh, sich wieder hinlegen zu können, allerdings in sicherem Abstand von dem Hund, der jetzt auf dem Rücken lag und alle viere von sich gestreckt hatte, sodass er aussah wie ein riesiges haariges totes Insekt. William fuhr sich mit der Hand über das klamme Gesicht und versuchte, dieses verstörende Bild zu verdrängen, bevor es den Weg in seine Fieberträume finden konnte.
Es war jetzt Nacht geworden, und über ihnen öffnete sich der Himmel, klar, leer und endlos, mondlos, doch von den fernen Sternen erhellt. Er dachte an den Vater seines Vaters, der schon lange vor seiner Geburt gestorben war, aber ein bekannter Amateurastronom gewesen war. Sein Vater hatte ihn – und auch seine Mutter – in Helwater oft mitgenommen, um auf dem Rasen liegend die Sternbilder zu benennen. Sie war ein kalter Anblick, diese blauschwarze Leere, und sie ließ sein fieberndes Blut erzittern, doch die Sterne waren ihm dennoch ein Trost.