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Auch Murray hatte seine Augen dem Himmel zugewandt, einen fernen Ausdruck im tätowierten Gesicht.

William legte sich zurück, halb an den Baumstamm gelehnt. Was sollte er jetzt tun? Er versuchte, die Neuigkeit zu verdauen, dass Henry Washington und daher seine restlichen Ansprechpartner in Dismal Town wohl ebenso Rebellen waren. Hatte der seltsame schottische Mohawk recht? Oder wollte er ihn aus irgendeinem persönlichen Grund in die Irre führen?

Doch was für ein Grund sollte das sein? Murray konnte doch keine Ahnung haben, wer William war, abgesehen von seinem Namen und dem seines Vaters. Und Lord John war bereits Privatmann gewesen, als sie sich Jahre zuvor in Fraser’s Ridge begegnet waren. Murray konnte kaum erkannt haben, dass William Soldat war, geschweige denn ein Spion, und er konnte unmöglich etwas von seiner Mission wissen.

Und wenn er ihn nicht in die Irre führen wollte und recht hatte mit dem, was er gesagt hatte … William schluckte, denn sein Mund war verklebt und trocken.

Dann war er gerade noch einmal davongekommen. Was wäre wohl geschehen, wenn er in einem so entlegenen Ort wie Dismal mitten in ein Rebellennest hineinspaziert wäre und sich und seine Mission fröhlich zu erkennen gegeben hätte? Sie hätten dich am nächsten Baum aufgeknüpft, sagte sein Gehirn eiskalt, und deine Leiche in den Sumpf geworfen. Was sonst?

Was einen noch unangenehmeren Gedanken nach sich zog: Wie konnte sich Hauptmann Richardson nur derart geirrt haben?

Er schüttelte heftig den Kopf, um seine Gedanken zu ordnen, doch das einzige Ergebnis war, dass ihm wieder schwindelig wurde. Seine Bewegung hatte jedoch Murrays Aufmerksamkeit erregt; er blickte in Williams Richtung, und William folgte einem Impuls und sprach ihn an.

»Ihr habt gesagt, Ihr seid ein Mohawk?«

»Ja.«

Angesichts dieses tätowierten Gesichts, dieser Augen, die dunkel in ihren Höhlen lagen, zweifelte William nicht daran.

»Wie ist das gekommen?«, fragte er hastig, damit Murray nicht den Eindruck bekam, dass er an der Wahrheit seiner Worte zweifelte. Murray zögerte sichtlich, doch dann antwortete er.

»Ich habe eine Frau der Kahnyen’kehaka geheiratet. Ich wurde vom Wolfsclan des Volks von Snaketown adoptiert.«

»Ah. Eure … Frau ist …?«

»Ich bin nicht mehr verheiratet.« Der Ton dieser Worte war nicht feindselig, doch er war von einer trostlosen Endgültigkeit, die sich jede weitere Frage verbat.

»Das tut mir leid«, sagte William förmlich und verstummte. Der Schüttelfrost kehrte jetzt zurück, und obwohl es ihm widerstrebte, ließ er sich zu Boden gleiten und schmiegte sich an den Hund, der tief aufseufzte und einen Furz ausstieß, sich aber nicht regte.

Als das Frösteln schließlich wieder nachließ, versank er wieder in seinen Träumen, die diesmal brutal und schrecklich waren. Sein Verstand hing bei den Indianern fest, und er wurde von Wilden verfolgt, die sich in Schlangen verwandelten, Schlangen, die sich in Baumwurzeln verwandelten, die sich durch die Winkel seines Hirns wanden, bis ihm der Schädel platzte, und damit ganze Nester weiterer Schlangen befreite, die sich in Henkersschlingen verwandelten …

Er erwachte erneut, in Schweiß gebadet und mit schmerzenden Knochen. Er versuchte, sich zu erheben, stellte aber fest, dass ihn seine Arme nicht trugen. Jemand kniete neben ihm – es war der Schotte, der Mohawk … Murray. Er fand den Namen mit so etwas wie Erleichterung wieder und begriff mit noch größerer Erleichterung, dass ihm Murray eine Feldflasche an die Lippen hielt.

Es war Wasser aus dem See; er erkannte den seltsam bitteren, frischen Geschmack und trank gierig davon.

»Danke«, sagte er heiser und gab Murray die leere Feldflasche zurück. Das Wasser hatte ihn so weit gestärkt, dass er sich aufsetzen konnte. Ihm war immer noch schwindelig vom Fieber, doch die Träume hatten sich zurückgezogen, zumindest für den Moment. Er bildete sich ein, dass sie just jenseits des kleinen Lichtkreises lauerten, den das Feuer warf, dass sie dort auf ihn warteten, und er beschloss, nicht wieder einzuschlafen – zumindest nicht so schnell.

Der Schmerz in seinem Arm hatte zugenommen: ein heißes, angespanntes Gefühl, ein Pochen von den Fingerspitzen bis zur Mitte seines Oberarms. Weil er hoffte, den Schmerz und die Nacht zurückdrängen zu können, versuchte er es noch einmal mit einem Gespräch.

»Ich habe gehört, dass die Mohawk es für unmännlich halten, wenn man Angst zeigt – dass sie sich keine Verzweiflung anmerken lassen, wenn sie von einem Feind gefangen genommen und gefoltert werden. Ist das wahr?«

»Man versucht, nicht in diese Lage zu geraten«, sagte Murray sehr trocken. »Sollte es jedoch geschehen, muss man seinen Mut zeigen, das ist alles. Man singt seinen Totengesang und hofft, tapfer zu sterben. Ist das denn für einen britischen Soldaten anders? Ihr wollt doch auch nicht als Feigling sterben, oder?«

William sah den flackernden Mustern hinter seinen geschlossenen Augenlidern zu, heiß und unablässig in Bewegung wie das Feuer.

»Nein«, räumte er ein. »Und es ist gar nicht so anders – die Hoffnung, tapfer zu sterben, meine ich. Aber es ist doch eher wahrscheinlich, dass man erschossen oder erschlagen wird, wenn man Soldat ist – und nicht millimeterweise zu Tode gequält wird. Es sei denn natürlich, man kommt einem Wilden in die Quere. Was – habt Ihr denn schon einmal jemanden so sterben sehen?«, fragte er neugierig und öffnete die Augen.

Murray streckte seinen langen Arm aus, um den Spieß zu wenden, und antwortete nicht sogleich. Der Feuerschein zeigte William sein Gesicht, das unergründlich war.

»Ja, das habe ich«, sagte er schließlich leise.

»Was haben sie mit ihm gemacht?« Er war sich nicht sicher, warum er das gefragt hatte; vielleicht nur, um sich von seinem pochenden Arm abzulenken.

»Ich glaube nicht, dass Ihr das hören wollt.« Dies klang sehr entschieden; Murray versuchte nicht, ihn zu weiterem Nachbohren zu verlocken. Dennoch bewirkte er genau dies; Williams vages Interesse verschärfte sich schlagartig.

»Doch, das will ich.«

Murray presste die Lippen zusammen, doch William wusste inzwischen ein wenig darüber, wie man einem Menschen Informationen entlockte. Er war nun so klug, sein Schweigen zu wahren, und hielt einfach nur den Blick auf den anderen Mann gerichtet.

»Sie haben ihn gehäutet«, sagte Murray schließlich und stieß mit einem Stock in das Feuer. »Einer von ihnen. Stückchenweise. Dann haben sie ihm brennendes Pech in die Wunden gedrückt. Ihm die Geschlechtsteile abgeschnitten. Einen Scheiterhaufen zu seinen Füßen aufgeschichtet, um ihn zu verbrennen, bevor er an seinem Schock sterben konnte. Es … hat lange gedauert.«

»Das kann ich mir vorstellen.« William versuchte, sich das Geschilderte vorzustellen – und es gelang ihm nur zu gut. Er wandte den Blick von der geschwärzten Bisamratte ab, die jetzt bis auf die Knochen abgenagt war.

Er schloss die Augen. Sein Arm pochte nach wie vor im Rhythmus seines Herzschlags, und er versuchte, sich nicht auszumalen, wie man ihm brennende Splitter in die Haut trieb.

Murray schwieg; William konnte ihn nicht einmal atmen hören. Doch als steckte er im Kopf des anderen, wusste er, dass auch dieser sich die Szene ausmalte – obwohl es in seinem Fall keiner Fantasie bedurfte. Er durchlebte sie einfach neu.

William verlagerte ein wenig das Gewicht. Ein heißer Schmerz durchfuhr seinen Arm, und er biss die Zähne zusammen, um kein Geräusch auszustoßen.

»Denken die Männer – habt Ihr darüber nachgedacht, sollte ich besser sagen, wie Ihr selbst es ertragen würdet?«, fragte er leise. »Wenn Ihr es ertragen könntet?«

»Jeder Mann denkt darüber nach.« Murray stand abrupt auf und ging zum anderen Ende der Lichtung. William hörte ihn Wasser lassen, doch es dauerte noch einige Minuten, bis er zurückkam.