»Es ist gar nicht so anders – die Hoffnung, tapfer zu sterben, meine ich«, hatte er gesagt. Also hatte er so geantwortet, als wäre er ein britischer Soldat, verdammt.
Im Moment kümmerte es ihn allerdings kaum, ob er tapfer starb oder wie ein Hund … Wo war denn der – oh, da. Rollo schnüffelte an seinem Arm, stieß ein leises Winseln aus, dann hielt er die Nase wieder an die Wunde und begann, daran zu lecken. Es fühlte sich sehr seltsam an: schmerzhaft, aber auch merkwürdig angenehm, und er machte keine Anstalten, den Hund zu verjagen.
Was …? Oh, ja. Er hatte einfach nur geantwortet und gar nicht bemerkt, was Murray gesagt hatte. Doch was, wenn Murray tatsächlich wusste, wer – oder was – er war? Ein leiser, alarmierter Stich durchdrang das Durcheinander seiner langsamer werdenden Gedanken. War Murray ihm schon gefolgt, bevor er in den Sumpf ritt? Hatte er vielleicht gesehen, wie er sich mit dem Mann auf der Farm in der Wildnis am Rand des Sumpfes unterhielt, und war ihm dann gefolgt, um ihn anzuhalten, wenn sich die Gelegenheit ergab? Doch wenn das stimmte …
Was Murray über Henry Washington gesagt hatte, über Dismal Town – war es gelogen?
Der kräftige Indianer kniete sich neben ihn und drängte den Hund zur Seite. Ihm konnte William keine der Fragen stellen, die sein Gehirn bevölkerten.
»Warum nennen sie Euch Glutton?«, fragte er stattdessen durch den Nebel aus brennendem Schmerz.
»Habe einen Vielfraß erlegt«, sagte der Mann. »Mit bloßen Händen. Ist jetzt mein Schutzgeist. Habt Ihr auch einen?«
»Nein.«
Der Indianer sah ihn tadelnd an.
»Den braucht Ihr aber, wenn Ihr das hier überleben wollt. Sucht Euch ein Tier aus. Eines mit viel Kraft.«
William gehorchte benommen und ging im Kopf eine Reihe von Tieren durch: Schwein … Schlange … Reh … Puma … nein, die Raubkatze stank zu sehr.
»Bär«, sagte er und legte sich mit Gewissheit darauf fest. Ein kräftigeres Tier als ein Bär war schließlich kaum vorstellbar, oder?
»Bär«, wiederholte der Indianer und nickte. »Ja, das ist gut.« Er nahm sein Messer und schlitzte den Ärmel auf, der nicht mehr über Williams geschwollenen Arm passte. Sonnenlicht überspülte ihn plötzlich und ließ die Messerklinge silbern erglänzen. Da funkelte er William an und lachte.
»Ihr habt einen ziemlich roten Bart, Bärensohn, wisst Ihr das?«
»Ja, ich weiß«, sagte William und verschloss die Augen vor den Speeren aus Morgenlicht.
Glutton wollte das Fell des Pumas, doch Murray, der über Williams Zustand erschrocken war, weigerte sich zu warten, bis er ihn abgehäutet hatte. Das Ergebnis ihres Streitgesprächs war, dass sich William Wange an Wange mit der toten Raubkatze auf einer hastig konstruierten Schleppbahre wiederfand, die von Murrays Pferd über den unebenen Boden gezogen wurde. Ihr Ziel, so gab man ihm zu verstehen, war eine kleine Ansiedlung in etwa zehn Meilen Entfernung, in der es einen Arzt gab.
Glutton und zwei der anderen Mohawk begleiteten sie, um ihnen den Weg zu zeigen, und ließen ihre anderen Kameraden zurück, damit sie die Jagd fortsetzten.
Sie hatten den Puma ausgenommen, was wohl auch besser war, vermutete William – der Tag war warm, und es wurde zunehmend heißer –, doch der Blutgeruch lockte massenweise Fliegen an, die sich nach Herzenslust vollfraßen, weil das Pferd, das durch die Bahre behindert wurde, nicht schnell genug laufen konnte, um sie abzuschütteln. Die Fliegen schwirrten ihm summend um die Ohren, bis es kaum noch zu ertragen war. Zwar interessierten sie sich weitgehend nur für die Raubkatze, doch es gab immer noch genug, die William zu kosten versuchten, sodass er gar nicht dazu kam, an seinen Arm zu denken.
Als die Indianer anhielten, um zu urinieren und etwas zu trinken, hievten sie William zum Stehen hoch – eine große Erleichterung, auch wenn er auf wackeligen Füßen stand. Murray warf einen Blick auf sein von Fliegen zerstochenes, sonnenverbranntes Gesicht, griff in einen Lederbeutel an seiner Hüfte und holte eine zerbeulte Dose heraus, die, wie sich herausstellte, eine extrem übel riechende Salbe enthielt, mit der er William großzügig einrieb.
»Es sind nur noch fünf oder sechs Meilen«, versicherte er William, der ihn gar nicht gefragt hatte.
»Oh, gut«, sagte William, so lebhaft er konnte. »Dann ist es ja doch nicht die Hölle – nur das Fegefeuer. Was machen da schon tausend Jahre mehr?«
Das brachte Murray zum Lachen, obwohl ihn Glutton verwundert ansah.
»Gut so«, sagte Murray und klopfte ihm auf die Schulter. »Wollt Ihr ein Stück laufen?«
»Gott, ja.«
Ihm war schwindelig, seine Füße weigerten sich, geradeaus zu laufen, und seine Knie schienen sich in unerwünschte Richtungen zu beugen, doch alles war besser, als noch eine Stunde mit den Fliegen zu kommunizieren, die die glasigen Augen und die austrocknende Zunge des Pumas bedeckten. Mit einem kräftigen Stock ausgestattet, den sie von einem Eichenschössling abschnitten, stapfte er tapfer hinter dem Pferd her. Er wurde abwechselnd in Schweiß getaucht oder von der Kälte geschüttelt, war aber entschlossen, auf den Beinen zu bleiben, bis sie ihn buchstäblich nicht mehr trugen.
Die Salbe hielt die Fliegen fern – die Indianer hatten sich ebenfalls damit eingeschmiert –, und wenn er nicht gerade gegen das Zittern ankämpfte, verfiel er in eine Art Trance und beschäftigte sich nur noch damit, einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Eine Zeit lang behielten ihn die Indianer und Murray genau im Auge, doch als sie zu der Überzeugung gelangt waren, dass er auf den Beinen bleiben würde, unterhielten sie sich weiter. Die beiden Männer, die nur Mohawk sprachen, konnte er nicht verstehen, doch Glutton schien Murray über die Natur des Fegefeuers auszufragen.
Murray hatte Schwierigkeiten damit, ihm diesen Gedanken zu erklären, da die Mohawk anscheinend den Begriff der Sünde nicht kannten und auch keinen Gott, der sich an der Bosheit der Menschen störte.
»Ein Glück, dass du Kahnyen’kehaka geworden bist«, sagte Glutton schließlich und schüttelte den Kopf. »Ein Geist, dem es nicht reicht, dass ein böser Mensch tot ist, sondern der ihn nach dem Tod noch weiter foltern will? Und die Christen finden uns grausam!«
»Aye, nun ja«, erwiderte Murray, »aber denk doch einmal nach. Sagen wir, ein Mann ist ein Feigling und ist nicht tapfer gestorben. Das Fegefeuer gibt ihm die Chance, seinen Mut doch noch unter Beweis zu stellen, aye? Und wenn er sich als richtiger Mann erwiesen hat, steht ihm die Brücke offen, und er kann ungehindert durch die Wolken der Schrecknisse ins Paradies aufsteigen.«
»Hmm!«, sagte Glutton, obwohl er immer noch einen skeptischen Eindruck machte. »Wenn ein Mann denn Jahrhunderte der Folter ertragen kann … Aber wie geht das, ohne Körper?«
»Glaubst du etwa, ein Mann braucht einen Körper, um Qualen zu empfinden?«, fragte Murray mit einem trockenen Unterton, und Glutton grunzte – vielleicht zustimmend, vielleicht belustigt – und ließ das Thema fallen.
Eine Weile gingen sie schweigend weiter, umringt von Vogelrufen und dem lauten Summen der Fliegen. William, der ganz damit beschäftigt war, sich auf den Beinen zu halten, konzentrierte sich auf Murrays Hinterkopf, um nicht vom Weg abzukommen. Daher fiel es ihm auch auf, als der Schotte, der das Pferd führte, seine Schritte ein wenig verlangsamte.
Er dachte zunächst, dies geschähe aus Rücksicht auf ihn, und war schon im Begriff, Protest einzulegen und zu sagen, dass er noch mithalten konnte – zumindest noch ein wenig –, doch dann sah er, wie Murray einen raschen Blick auf die beiden anderen Männer warf, die vorausgingen, und sich dann Glutton zuwandte und ihn etwas fragte, allerdings so leise, dass William die Worte nicht ausmachen konnte.
Glutton zog zögernd die Schultern hoch, ließ sie dann aber resigniert fallen. »Oh, ich verstehe«, sagte er. »Sie ist wohl dein Fegefeuer, wie?«