Выбрать главу

Murray stieß einen Laut widerstrebender Belustigung aus. »Ist das wichtig? Ich habe gefragt, ob es ihr gut geht.«

Glutton seufzte und zog eine Schulter hoch.

»Ja. Es geht ihr gut. Sie hat einen Sohn. Und eine Tochter, glaube ich. Ihr Mann …«

»Aye?« Murrays Stimme hatte einen harten Unterton angenommen.

»Kennst du Thayendanegea?«

»Ja.« Jetzt klang Murray neugierig. Auch William war auf vage, verschwommene Art und Weise neugierig und wartete darauf zu hören, wer wohl Thayendanegea war und was er mit der Frau zu tun hatte, die Murrays Geliebte war – gewesen war? Oh, nein.

»Ich bin nicht mehr verheiratet.« Seine Frau also. William verspürte einen Stich des Mitgefühls und dachte an Margery. Er hatte in den letzten vier Jahren höchstens flüchtig an sie gedacht, wenn überhaupt, doch plötzlich schien ihm ihr Verrat eine wahre Tragödie zu sein. Ihre Bilder umschwebten ihn, gebrochen durch seinen Schmerz. Er spürte, wie ihm Feuchtigkeit über das Gesicht lief, und wusste nicht, ob es Schweiß oder Tränen waren. Ihm kam der Gedanke, langsam, wie aus großer Entfernung, dass er den Verstand verloren haben musste, doch er hatte keine Ahnung, wie er das ändern sollte.

Die Fliegen stachen ihn zwar nicht mehr, doch ihr Summen hatte er nach wie vor im Ohr. Er lauschte dem Geräusch mit großer Konzentration, weil er überzeugt war, dass die Fliegen versuchten, ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Er hörte aufmerksam zu, konnte aber nur Silben ausmachen, die keinen Sinn ergaben. »Shosha.« »Nik.« »Osonni.« Nein, das war ein Wort, er kannte es! Weißer Mann, es bedeutete weißer Mann – war von ihm die Rede?

Er schlug unbeholfen nach seinem Ohr, um die Fliegen zu verscheuchen, und wieder fing er dieses Wort auf: »Fegefeuer.«

Eine Zeit lang konnte er die Bedeutung dieses Wortes nicht erfassen; übersät mit Fliegen, hing es vor ihm in der Luft. Dumpf nahm er die Hinterhand des Pferdes wahr, die in der Sonne glänzte, die doppelte Linie im Staub, hinterlassen von – was war es noch? Ein Ding aus einem Bett – nein, aus Leinen; er schüttelte den Kopf. Es war sein Bettsack, der zwischen zwei Baumschösslinge gespannt war, die über den Boden schleiften … »Schleppbahre«, das war das Wort – ja. Und die Katze; da war eine Katze, die ihn mit Augen aus rohem Bernstein ansah, den Kopf nach hinten verdreht, das Maul aufgerissen, sodass er die Fangzähne sah.

Jetzt sprach die Katze auch mit ihm.

»Ihr seid verrückt, wisst Ihr das?«

»Ich weiß«, murmelte er. Die Antwort der Katze verstand er nicht, denn sie wurde mit schottischem Akzent geknurrt.

Er beugte sich dichter über die Katze, um sie besser zu hören. Hatte das Gefühl, durch Luft, die so dick war wie Wasser, zu dem offenen Maul hinunterzuschweben. Plötzlich endete jedes Gefühl der Anstrengung; er bewegte sich nicht länger, sondern fühlte sich irgendwie getragen. Konnte die Katze nicht mehr sehen … Oh. Er lag auf dem Bauch am Boden, Gras und Erde unter seiner Wange.

Die Katzenstimme driftete wütend, aber resigniert in sein Ohr.

»Euer Fegefeuer? Meint Ihr, Ihr kommt da hinaus, wenn Ihr rückwärtslauft?«

Also nein, dachte William, der sich friedvoll fühlte. Das ergab nun wirklich keinen Sinn.

Kapitel 38

Klare Worte

Die junge Frau schnippte nachdenklich mit ihrer Schere.

»Du bist dir sicher?«, fragte sie. »Es scheint mir eine Schande, Freund William. Solch eine herrliche Farbe!«

»Ich hätte gedacht, dass sie Euch unschicklich erscheint, Ms Hunter«, sagte William lächelnd. »Ich habe immer gehört, dass Quäker leuchtende Farben für weltlich halten.« Der einzige Farbtupfer an ihrer eigenen Aufmachung war eine kleine rötliche Brosche, die ihr Halstuch zusammenhielt. Alles andere war in Creme- und Nusstönen gehalten – obwohl er fand, dass sie ihr gut standen.

Sie warf ihm einen tadelnden Blick zu.

»Sich unbescheiden herauszuputzen, ist wohl kaum dasselbe, wie die Gaben Gottes dankbar anzunehmen. Rupft sich ein Hüttensänger etwa die Federn aus, oder wirft eine Rose ihre Blütenblätter fort?«

»Ich bezweifle, dass Rosen unter Juckreiz leiden«, sagte er und kratzte sich am Kinn. Die Vorstellung, dieser Bart könnte eine Gottesgabe sein, war ihm neu, doch sie überzeugte ihn nicht, fortan unter die Bartträger zu gehen. Abgesehen von seiner unglückseligen Farbe, wuchs sein Bart zwar heftig, aber lückenhaft. William blickte missbilligend in das kleine Spiegelquadrat in seiner Hand. Er konnte nichts gegen den Sonnenbrand tun, der ihm die Haut von der Nase und den Wangen schälte, oder an den Krusten und Kratzern, die ihm von seinen Abenteuern im Sumpf geblieben waren – doch die grauenvollen Kupferlocken, die fröhlich an seinem Kinn sprossen und ihm wie ein entstellender Moosbewuchs am Kiefer klebten, dies zumindest konnte er sofort beseitigen.

»Wenn Ihr so freundlich wärt?«

Ihre Lippen zuckten, und sie kniete sich neben seinen Hocker und legte ihm die Hand unter das Kinn, um seinen Kopf so zu drehen, dass sie das Licht am Fenster am besten nutzen konnte.

»Nun denn«, sagte sie und legte ihm die kühle Schere an die Wange. »Ich werde Denny bitten, dich zu rasieren. Ich kann dir wohl den Bart schneiden, ohne dich zu verletzen, aber« – sie kniff die Augen zusammen und beugte sich zu ihm hinüber, um vorsichtig um sein Kinn herumzuschneiden – »rasiert habe ich selbst noch nie etwas, das lebendiger war als ein totes Schwein.«

»Barbier, Barbier«, murmelte er und versuchte, dabei nicht die Lippen zu bewegen, »ein Schwein rasiert. Wie –«

Ihre Finger drückten ihm das Kinn hoch, um ihm fest den Mund zu schließen, doch sie stieß jenen leisen Prustlaut aus, der bei ihr als Lachen durchging. Schnipp, schnipp, schnipp. Die Klingen kitzelten ihn angenehm im Gesicht, und die drahtigen Härchen strichen über seine Hände und sanken dann auf das abgenutzte Leinentuch, das sie ihm auf den Schoß gelegt hatte.

Er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, ihr Gesicht aus solcher Nähe zu betrachten, und jetzt nutzte er seine kurze Chance. Ihre Augen waren beinahe braun und nicht ganz grün. Er hätte sie plötzlich gern auf die Nasenspitze geküsst. Stattdessen schloss er die Augen und atmete. Sie hatte eine Ziege gemolken, das konnte er riechen.

»Ich kann mich selbst rasieren«, sagte er, als sie die Schere sinken ließ.

Sie zog die Augenbrauen hoch und blickte auf seinen Arm hinunter. »Es würde mich überraschen, wenn du allein essen könntest, ganz zu schweigen davon, dich zu rasieren.«

Wenn er ehrlich war, konnte er den rechten Arm kaum anheben, und während der letzten beiden Tage hatte sie ihn gefüttert. Daher hielt er es für klüger, ihr nicht zu sagen, dass er eigentlich Linkshänder war.

»Der Arm verheilt gut«, sagte er stattdessen und drehte den Arm so, dass das Licht darauf fiel. Erst heute Morgen hatte ihm Dr. Hunter den Verband abgenommen und sich zufrieden mit den Ergebnissen gezeigt. Die Wunde war immer noch rot und aufgequollen, die Haut ringsum unangenehm weiß und feucht. Doch sie war zweifellos im Begriff zu heilen; der Arm war nicht mehr geschwollen, und die ominösen roten Streifen waren verschwunden.

»Nun«, sagte sie nachdenklich, »ich finde, es ist eine ordentliche Narbe. Gut zusammengewachsen und sehr hübsch.«

»Hübsch?«, wiederholte William und warf einen skeptischen Blick auf seinen Arm. Er hatte schon ein paarmal gehört, wie Männer eine Narbe als »hübsch« bezeichneten, doch meistens meinten sie damit eine Narbe, die ohne Umschweife und sauber verheilt war und ihren Träger nicht entstellte, weil sie an einem bedeutenden Punkt verlief. Diese Narbe war uneben und weitschweifig und hatte ein langes Ende, das auf sein Handgelenk zuführte. Er war – hatte man ihm hinterher gesagt – dem Verlust des Arms nur knapp entgangen: Dr. Hunter hatte diesen schon gepackt gehabt und seine Amputationssäge dicht oberhalb der Wunde angesetzt, als der Abszess, der sich darunter gebildet hatte, in seiner Hand geplatzt war. Als er das sah, hatte der Arzt die Wunde hastig drainiert, Knoblauch und Beinwell daraufgepackt und gebetet – mit guter Wirkung.