»Sie sieht aus wie ein großer Stern«, sagte Rachel Hunter beifällig. »Ein bedeutender Stern. Ein großer Komet vielleicht. Oder der Stern von Bethlehem, der die Weisen zu Christus in der Krippe geführt hat.«
William verdrehte den Arm und überlegte. Er selbst fand eher, dass die Narbe aussah wie eine zerberstende Mörserkugel, doch alles, was er sagte, war ein ermutigendes »Hmm!«. Er hätte sich gern noch weiter mit ihr unterhalten – sie hielt sich nur selten länger bei ihm auf, wenn sie ihm zu essen gab, denn sie hatte so viel anderes zu tun –, und so hob er sein frisch geschorenes Kinn und wies auf die Brosche, die sie trug.
»Das ist sehr hübsch«, sagte er. »Nicht zu weltlich?«
»Nein«, sagte sie knapp und legte die Hand auf die Brosche. »Sie besteht aus dem Haar meiner Mutter. Sie ist bei meiner Geburt gestorben.«
»Ah. Das tut mir leid«, sagte er und fügte nach einem Moment des Zögerns hinzu: »Meine Mutter auch.«
Jetzt hielt sie inne und musterte ihn, und ganz kurz sah er etwas in ihren Augen aufflackern, das mehr war als die nüchterne Aufmerksamkeit, die sie auch einer kalbenden Kuh oder einem Hund geschenkt hätte, der etwas gefressen hatte, was ihm nicht bekommen war.
»Mir tut es auch leid«, sagte sie leise, dann wandte sie sich entschlossen ab. »Ich hole meinen Bruder.«
Ihre Schritte gingen die schmale Treppe hinunter, rasch und leicht. Er ergriff die Enden des Leinentuchs und schüttelte es aus dem Fenster, sodass sich die roten Haare in alle Himmelsrichtungen verstreuten. Er weinte ihnen keine Träne nach. Vielleicht hätte er sich ja einmal zur Tarnung einen Bart wachsen lassen, wenn seine Farbe ein ordentliches, nüchternes Braun gewesen wäre. So jedoch hätte ein Vollbart in dieser grellen Farbe nur alle Blicke auf sich gezogen.
Was jetzt?, fragte er sich. Gewiss würde er morgen genug bei Kräften sein, um aufzubrechen.
Seine Kleider waren noch brauchbar, auch wenn sie gelitten hatten; Ms Hunter hatte die Risse in seiner Hose und seinem Rock geflickt. Doch er hatte kein Pferd, kein Geld bis auf die beiden Sixpencestücke, die er in der Tasche gehabt hatte, und er hatte das Buch mit der Liste seiner Ansprechpartner und ihrer jeweiligen Nachrichten verloren. Möglich, dass ihm noch ein paar ihrer Namen einfallen würden, doch ohne die passenden Codewörter und Zeichen …
Urplötzlich dachte er an Henry Washington und diesen verschwommenen Wortwechsel mit Ian Murray am Feuer, bevor sie angefangen hatten, sich über Todesgesänge zu unterhalten. Washington, Cartwright, Harrington und Carver. Seine Singsangliste fiel ihm wieder ein, zusammen mit Murrays verwunderter Erwiderung auf seine Erwähnung Washingtons und des Ortes Dismal.
Er konnte sich keinen Grund vorstellen, warum Murray ihn irreführen sollte. Doch wenn er recht hatte, war Hauptmann Richardson völlig falschen Informationen aufgesessen? Das war natürlich möglich. Obwohl er sich erst so kurz in den Kolonien aufhielt, wusste er bereits, wie rasch die Loyalität der Menschen wechseln konnte, wenn sich ihnen neue Chancen eröffneten oder sie von einer Bedrohung erfuhren.
Aber … sagte die leise, kalte Stimme der Vernunft, und er spürte ihre kühle Berührung an seinem Hals. Wenn Hauptmann Richardson nicht im Irrtum war … hatte er die Absicht, dich in den Tod oder in den Kerker zu schicken.
Die schiere Ungeheuerlichkeit dieser Vorstellung trocknete ihm den Mund aus, und er griff nach dem Becher mit Kräutertee, den ihm Ms Hunter vorhin gebracht hatte. Der Tee schmeckte scheußlich, doch er merkte es kaum und klammerte sich an den Becher, als könnte er ein Talisman gegen die Bilder in seinem Kopf sein.
Nein, versicherte er sich selbst. Es war nicht möglich. Sein Vater war mit Richardson bekannt. Wenn der Hauptmann ein Verräter war – was dachte er da nur? Er schluckte seinen Tee und verzog das Gesicht.
»Nein«, sagte er laut, »nicht möglich. Oder nicht wahrscheinlich«, fügte er fairerweise hinzu. »Occams Gesetz.«
Dieser Gedanke beruhigte ihn ein wenig. Schon als Kind hatte er die Grundprinzipien der Logik gelernt und sich seitdem stets mit Erfolg an William von Ockham orientiert. War es wahrscheinlicher, dass Hauptmann Richardson insgeheim ein Verräter war, der William bewusst in die Gefahr entsandt hatte – oder dass man den Hauptmann falsch informiert oder er einfach einen Fehler gemacht hatte?
Und außerdem – welchen Sinn hätte das gehabt? William machte sich keine Illusionen, was seine eigene Bedeutung in der Weltordnung betraf. Welchen Nutzen würde es Richardson – oder sonst jemandem – bringen, wenn er einen rangniederen Offizier vernichtete, der ein paar Kundschafterdienste versah?
Nun denn. Er entspannte sich ein wenig, trank unachtsam von dem grässlichen Tee, verschluckte sich daran und hustete, sodass er den Tee überall versprühte. Er war immer noch dabei, mit dem Handtuch die Überreste aufzuwischen, als Dr. Hunter energisch die Treppe hochgelaufen kam. Denzell Hunter war vielleicht zehn Jahre älter als seine Schwester, etwa Ende zwanzig. Er war schmächtig und so fröhlich wie ein Sperling. Bei Williams Anblick strahlte er, offensichtlich hocherfreut über die Genesung seines Patienten, und William lächelte herzlich zurück.
»Schwesterchen sagt mir, du brauchst eine Rasur«, sagte der Arzt und stellte das Rasierzeug ab, das er mitgebracht hatte. »Es muss dir also so gut gehen, dass du über eine Rückkehr in die Gesellschaft nachdenkst – denn jeder Mann lässt sich als Erstes den Bart wachsen, wenn er von gesellschaftlichen Zwängen befreit ist. Hattest du heute schon Verdauung?«
»Nein, aber das habe ich gleich vor«, versicherte ihm William. »Allerdings habe ich nicht vor, mich in die Öffentlichkeit zu begeben, solange ich aussehe wie ein Bandit – nicht einmal bis zum Abort. Ich möchte keinen Anstoß unter Euren Nachbarn erregen.«
Dr. Hunter lachte. Er zog ein Rasiermesser aus der einen Tasche und seine in Silber gefasste Brille aus der anderen, setzte sich Letztere fest auf die Nase und griff nach dem Rasierpinsel.
»Oh, Schwesterchen und ich sind bereits in aller Munde«, versicherte er William und beugte sich vor, um ihn einzuschäumen. »Einen Banditen aus unserem Abort kommen zu sehen, würde die Nachbarn nur in ihrer Meinung bekräftigen.«
»Wirklich?«, sagte William vorsichtig und verzog dabei den Mund, damit er nicht unabsichtlich mit Seife gefüllt wurde. »Warum denn?« Es überraschte ihn, das zu hören; sobald er wieder bei Bewusstsein war, hatte er sich erkundigt, wo er sich befand, und erfahren, dass Oak Grove eine kleine Quäkersiedlung war. Er hatte gedacht, Quäker wären im Allgemeinen durch ihre religiösen Überzeugungen geeint – aber er kannte ja eigentlich keine Quäker.
Hunter stieß einen tiefen Seufzer aus, legte den Rasierpinsel hin und griff stattdessen nach dem Rasiermesser.
»Oh, Politik«, sagte er im beiläufigen Tonfall eines Menschen, der ein ermüdendes, aber triviales Thema beenden möchte. »Sag mir, Freund Ransom, gibt es jemanden, dem ich eine Nachricht zukommen lassen könnte, um ihm von deinem Unglück und deiner Rettung zu berichten?« Er hielt mit der Rasur inne, damit William antworten konnte.
»Nein, ich danke Euch, Sir – ich werde es ihnen selbst erzählen«, sagte William und lächelte. »Ich bin mir sicher, dass ich morgen imstande sein werde aufzubrechen – obwohl ich Euch verspreche, dass ich Eure Güte und Gastfreundschaft nicht vergessen werde, wenn ich meine … Freunde erreiche.«
Denzell Hunter runzelte ein wenig die Stirn, und er presste die Lippen zusammen, als er die Rasur fortsetzte, doch er widersprach William nicht.
»Ich hoffe, du verzeihst mir meine Neugier«, sagte er kurz darauf, »aber wohin beabsichtigst du denn von hier aus zu gehen?«
William zögerte, denn er war sich nicht sicher, was er darauf antworten sollte. Angesichts des bedauernswerten Zustands seiner Finanzen hatte er eigentlich noch nicht genau entschieden, wohin er gehen würde. Die beste Idee, die ihm bis jetzt gekommen war, war, Mount Josiah anzusteuern, seine Plantage. Er war sich nicht ganz sicher, glaubte aber, sich im Umkreis von vierzig oder fünfzig Meilen davon zu befinden – wenn ihm die Hunters etwas Proviant mitgaben, glaubte er die Plantage innerhalb weniger Tage erreichen zu können – oder in höchstens einer Woche. Dort konnte er sich mit frischen Kleidern, einem brauchbaren Pferd, Waffen und Geld ausrüsten und dann seine Reise fortsetzen.