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Das war eine verlockende Aussicht. Doch dies hätte bedeutet, seine Anwesenheit in Virginia zu verraten – und damit für beträchtliches Gerede zu sorgen, weil ihn die ganze Gegend nicht nur kannte, sondern natürlich wusste, dass er Soldat war. In seiner gegenwärtigen Aufmachung dort aufzutauchen …

»Es gibt einige Katholiken in Rosemount«, bemerkte Dr. Hunter zurückhaltend und wischte das Rasiermesser an dem vielfach missbrauchten Handtuch ab. William sah ihn überrascht an.

»Oh?«, sagte er argwöhnisch. Warum zum Teufel erzählte ihm Hunter etwas von Katholiken?

»Ich bitte um Verzeihung, Freund«, entschuldigte sich der Arzt, als er seine Reaktion sah. »Du hast von deinen Freunden gesprochen – ich dachte …«

»Ihr dachtet, ich bin –« Zunächst verwundert, begriff William dann schlagartig und schlug sich reflexartig mit der Hand an die Brust, wo er natürlich nichts vorfand außer dem abgetragenen Nachthemd, das er trug.

»Hier ist er.« Der Arzt bückte sich rasch, um die Wäschetruhe am Fußende des Bettes zu öffnen, und als er sich wieder erhob, baumelte der hölzerne Rosenkranz an seiner Hand. »Wir mussten ihn dir natürlich abnehmen, als wir dich entkleidet haben, aber meine Schwester hat ihn sicher für dich aufbewahrt.«

»Wir?«, sagte William und nutzte die Gelegenheit, um seine weitere Befragung hinauszuzögern. »Ihr – und Ms Hunter – habt mich ausgezogen?«

»Nun, sonst gab es ja niemanden«, sagte der Arzt entschuldigend. »Uns blieb nichts anderes übrig, als dich nackt in den Bach zu legen in der Hoffnung, dein Fieber zu senken – erinnerst du dich nicht daran?«

Er erinnerte sich – vage – daran, war aber davon ausgegangen, dass die Erinnerung an die überwältigende Kälte und das Gefühl zu ertrinken ebenfalls zu den Überbleibseln seiner Fieberträume gehörte. Ms Hunters Gegenwart zählte glücklicherweise – oder vielleicht auch unglücklicherweise – nicht zu diesen Erinnerungen.

»Ich konnte dich nicht allein tragen«, erklärte ihm der Arzt ernst. »Und die Nachbarn – ich hatte ein Handtuch, mit dem wir deinen Anstand gewahrt haben.«

»Was haben denn Eure Nachbarn gegen Euch?«, erkundigte sich William neugierig und streckte die Hand aus, um den Rosenkranz entgegenzunehmen. »Ich bin kein Papist«, fügte er beiläufig hinzu. »Der Rosenkranz ist … ein Erinnerungsstück, das mir ein Freund geschenkt hat.«

»Oh.« Der Arzt rieb sich die Lippe. Damit hatte er offensichtlich nicht gerechnet. »Ich verstehe. Ich hatte gedacht –«

»Die Nachbarn …?«, fragte William. Er unterdrückte seine Verlegenheit und hängte sich den Rosenkranz wieder um den Hals. Ob der Irrtum in Bezug auf seine Religion der Grund für den Streit mit den Nachbarn war?

»Nun, ich vermute, sie hätten mir geholfen, dich zu tragen«, räumte Hunter ein, »wenn wir genug Zeit gehabt hätten, um jemanden zu holen. Doch es war zu eilig, und das nächste Haus ist ein ganzes Stück entfernt.«

Damit blieb zwar die Frage nach der Haltung der Nachbarn gegenüber den Hunters nach wie vor unbeantwortet, doch es erschien ihm unhöflich, noch weiter nachzubohren. William nickte nur und stand auf.

Der Boden rutschte abrupt unter ihm weg, und am Rand seines Gesichtsfeldes flackerte weißes Licht auf. Er griff nach der Fensterbank, um nicht hinzufallen, und als er einige Sekunden später schweißgebadet zu sich kam, verhinderte allein Dr. Hunters überraschend kräftiger Griff, dass er kopfüber auf den Hof stürzte.

»Nicht ganz so schnell, Freund Ransom«, sagte der Arzt mit sanfter Stimme. Er zog ihn wieder in das Zimmer zurück und drehte ihn dem Bett zu. »Es dauert etwa noch einen Tag, bis du allein stehen kannst. Ich fürchte, dir wohnt mehr Phlegma inne, als gut für dich ist.«

Mit einem leichten Gefühl der Übelkeit setzte sich William auf das Bett und ließ es geschehen, dass ihm Dr. Hunter das Gesicht mit dem Handtuch abwischte. Offensichtlich würde ihm doch noch etwas Zeit bleiben, sich zu entscheiden, wohin er gehen wollte.

»Wie lange wird es dauern, bis ich einen ganzen Tag marschieren kann?«

Denzell Hunter sah ihn nachdenklich an.

»Fünf Tage vermutlich – mindestens aber vier«, sagte er. »Du bist robust und kräftig, sonst würde ich eine Woche sagen.«

William, der sich klein und schwach vorkam, nickte und legte sich hin. Der Arzt blieb noch einen Moment stirnrunzelnd neben ihm stehen, obwohl William nicht das Gefühl hatte, dass sich das Stirnrunzeln auf ihn bezog; es schien vielmehr der Ausdruck einer inneren Sorge zu sein.

»Wie … weit wird dich deine Reise führen?«, fragte der Arzt, der seine Worte sehr sorgfältig zu wählen schien.

»Ziemlich weit«, erwiderte William nicht minder vorsichtig. »Ich bin unterwegs … nach Kanada«, sagte er und begriff plötzlich, dass jedes weitere Wort mehr über die Hintergründe seiner Reise verraten konnte, als er wünschte. Natürlich konnte ein Mann in Kanada zu tun haben, ohne notwendigerweise der britischen Armee anzugehören, die Quebec besetzt hielt, doch da der Arzt von Politik gesprochen hatte, war es besser, diplomatisch vorzugehen. Und Mount Josiah würde er gewiss mit keiner Silbe erwähnen. So angespannt das Verhältnis der Hunters zu ihren Nachbarn auch sein mochte, die Neuigkeit von ihrem Besucher konnte sich leicht verbreiten.

»Kanada«, wiederholte der Arzt wie zu sich selbst. Dann richtete er den Blick wieder auf William. »Ja, das ist ein weiter Weg. Glücklicherweise habe ich heute Morgen eine Ziege geschlachtet; wir werden Fleisch zu essen haben. Das wird dir helfen, wieder zu Kräften zu gelangen. Ich werde dich morgen zur Ader lassen, um das Gleichgewicht deiner Körpersäfte wiederherzustellen, und dann sehen wir weiter. Jetzt jedoch …« Er lächelte und streckte die Hand aus. »Komm mit. Ich sorge dafür, dass du sicher zum Abort kommst.«

Kapitel 39

Eine Frage des Gewissens

Ein Unwetter zog herauf; William konnte es an den Veränderungen in der Luft spüren, es an den dahinrasenden Wolkenschatten sehen, die über die abgenutzten Bodendielen huschten. Die Hitze und die drückende Schwüle des Sommertags hatten sich gelichtet, und die Unruhe der Luft schien auch seine Lebensgeister zu wecken. Trotz seiner Schwäche konnte er nicht im Bett bleiben, und es gelang ihm, aufzustehen und sich an den Waschtisch zu klammern, bis der erste Schwindel vorüber war.

Sich selbst überlassen, verbrachte er dann einige Zeit damit, von einer Seite des Zimmers zur anderen zu wandern – eine Entfernung von etwa drei Metern, wobei er sich mit einer Hand an der Wand abstützte, um das Gleichgewicht zu halten. Dies strengte ihn so sehr an, dass er sich hin und wieder benommen auf den Boden setzen und den Kopf zwischen die Knie nehmen musste, bis er keine Sterne mehr sah.

Bei einer dieser Gelegenheiten – er saß unter dem Fenster – hörte er Stimmen unten im Hof. Ms Rachel Hunters Stimme, überrascht und fragend – die Erwiderung eines Mannes, leise und rau. Eine vertraute Stimme – Ian Murray!

Er fuhr hoch und ließ sich genauso schnell wieder auf dem Boden nieder, weil ihm erneut schwarz vor Augen und schwindelig wurde. Er ballte die Fäuste und versuchte keuchend, das Blut zur Rückkehr in seinen Kopf zu bringen.

»Dann ist er also außer Lebensgefahr?« Die Stimmen waren leise, denn sie gingen halb im Murmeln der Kastanien rings um das Haus unter, doch das hörte er. Er kämpfte sich auf die Knie hoch, bekam die Fensterbank zu fassen und schaute blinzelnd in das von Wolken zerrissene Tageslicht.