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Murrays hochgewachsene Gestalt war am Hofeingang zu sehen, hager und in Wildleder gekleidet, den riesigen Hund an seiner Seite. Von Glutton oder den anderen Indianern war nichts zu sehen, doch hinter ihm fraßen zwei Pferde mit hängenden Zügeln Gras. Rachel Hunter wies auf das Haus, als wollte sie Murray einladen, doch er schüttelte den Kopf. Er griff in die Tasche an seiner Hüfte und zog ein kleines Päckchen heraus, das er der jungen Frau reichte.

»Hoi!«, rief William – zumindest versuchte er, es zu rufen; er bekam kaum Luft – und schwenkte die Arme. Der Wind wurde jetzt stärker und ließ die Kastanienblätter erschauern, doch Murray musste die Bewegung wahrgenommen haben, denn er blickte auf, und als er William am Fenster sah, lächelte er und hob ebenfalls grüßend die Hand.

Doch er machte keine Anstalten, ins Haus zu kommen. Stattdessen ergriff er die Zügel des einen Pferdes und drückte sie Rachel Hunter in die Hand. Dann winkte er zum Abschied in die Richtung von Williams Fenster, schwang sich mit zielsicherer Eleganz auf das andere Pferd und ritt davon.

Williams Hand krallte sich fester an die Fensterbank, und Enttäuschung stieg in ihm auf, als er Murray zwischen den Bäumen verschwinden sah. Doch halt – Murray hatte ein Pferd zurückgelassen. Rachel Hunter führte es gerade um das Haus herum. Ihre Schürze und ihre Unterröcke wehten im zunehmenden Wind, und sie hielt ihre Haube mit der Hand fest, um sie am Davonfliegen zu hindern.

Das Pferd war gewiss für ihn! Hatte Murray also vor, ihn abzuholen? Oder sollte er ihm folgen? Das Herz hämmerte William in den Ohren, während er die geflickte Hose und die neuen Strümpfe anzog, die Rachel ihm gestrickt hatte, und nach kurzem Kampf gelang es ihm auch, die vom Wasser steifen Stiefel darüberzuzerren. Er zitterte zwar vor Anstrengung, doch er stieg hartnäckig die Treppe hinunter, schwankend, schwitzend, rutschend – und am Ende langte er heil in der Küche an.

Die Hintertür öffnete sich mit einem Schwall von Wind und Licht und knallte dann abrupt wieder zu, weil sie Rachel aus der Hand gerissen wurde. Sie wandte sich um, sah ihn und schrie überrascht auf.

»Himmel, hilf! Was machst du denn hier unten?« Sie keuchte vor Anstrengung und vor Schreck und funkelte ihn an, während sie sich die dunklen Haarsträhnen wieder unter die Haube steckte.

»Ich wollte Euch nicht erschrecken«, sagte William entschuldigend. »Ich wollte – ich habe Mr Murray aufbrechen sehen. Ich dachte, ich hole ihn vielleicht noch ein. Hat er gesagt, wo ich ihn treffen soll?«

»Nein. Setz dich, um Himmels willen, sonst fällst du noch um.«

Er wollte es nicht. Der Wunsch, das Haus zu verlassen, zu gehen, war überwältigend stark. Doch ihm zitterten die Knie, und wenn er sich nicht bald hinsetzte … Widerstrebend setzte er sich.

»Was hat er denn gesagt?«, fragte er, und weil er plötzlich begriff, dass er in Gegenwart einer Dame saß, wies er auf den anderen Hocker. »Bitte setzt Euch doch. Sagt mir, was er gesagt hat.«

Rachel warf ihm einen Seitenblick zu, setzte sich aber und strich die vom Wind verwehten Kleider zurecht. Das Unwetter war nah; Wolkenschatten rasten über den Boden, über ihr Gesicht, und die Luft schien zu wabern, als befände sich das Zimmer unter Wasser.

»Er hat sich nach deinem Wohlergehen erkundigt, und als ich ihm gesagt habe, dass du dich auf dem Weg der Besserung befindest, hat er mir das Pferd gegeben und gesagt, dass es für dich ist.« Sie zögerte einen Moment, und William drang weiter in sie.

»Er hat Euch doch noch etwas gegeben, oder? Ich habe gesehen, wie er Euch ein Päckchen gegeben hat.«

Ihre Lippen pressten sich kurz aufeinander, doch sie nickte und griff in ihre Tasche, um ihm ein kleines Bündel zu reichen, das lose in ein Stück Stoff gewickelt war.

Er brannte darauf herauszufinden, was das Päckchen enthielt – jedoch nicht so sehr, dass er die Spuren im Stoff nicht bemerkte, tiefe Furchen, um die einmal eine Kordel gewickelt gewesen war. Um die bis vor Kurzem noch eine Kordel gewickelt gewesen war. Er schaute zu Rachel Hunter auf, die den Blick abwandte. Sie hatte zwar das Kinn erhoben, doch die Röte stieg ihr in die Wangen. Er sah sie mit hochgezogener Augenbraue an, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf das Päckchen.

Er öffnete es, und es enthielt ein kleines Bündel kontinentaler Banknoten; eine abgewetzte Geldbörse, die eine Guinee, drei Shilling und zwei Pence in Münzen enthielt, einen vielfach zusammengefalteten – und, wenn er das richtig beurteilte, noch einmal neu gefalteten – Brief und noch ein kleineres Bündel, das noch zusammengeschnürt war. Er legte es zusammen mit dem Geld beiseite und öffnete den Brief.

Vetter,

ich hoffe, Euch bei besserer Gesundheit anzutreffen als beim letzten Mal. Falls ja, lasse ich ein Pferd und etwas Geld zurück, um Euch bei der Weiterreise zu helfen. Falls nicht, lasse ich das Geld da, um entweder für Eure Arznei oder Eure Beerdigung zu bezahlen. Das andere Geschenk stammt von einem Freund, den die Indianer Bärentöter nennen. Er hofft, dass Ihr es in bester Gesundheit tragen werdet. Ich wünsche Euch Glück auf Euren Wegen.

Euer gehors. Dien.

Ian Murray

»Hmm!« William war verblüfft. Offenbar hatte Murray selbst etwas vor und konnte oder wollte nicht warten, bis William wieder reisefähig war. Obwohl es ihn ein wenig enttäuschte – er hätte sich gern noch weiter mit Murray unterhalten, jetzt, da er wieder bei klarem Verstand war –, doch er sah ein, dass es wohl besser war, dass Murray nicht mit ihm gemeinsam reisen wollte.

Ihm dämmerte, dass sein größtes Problem gelöst war; er besaß jetzt die Mittel, um seine Mission fortzusetzen – soweit das überhaupt möglich war. Zumindest konnte er General Howes Hauptquartier aufsuchen, Bericht erstatten und sich neue Anweisungen holen.

Es war bemerkenswert großzügig von Murray; das Pferd hatte einen kräftigen Eindruck gemacht, und das Geld war mehr als ausreichend für ordentliche Kost und Unterkunft von hier bis New York. Er fragte sich, woher in aller Welt Murray es hatte; seinem Aussehen nach besaß der Mann nicht einmal einen Topf, in den er pinkeln konnte – obwohl sich William ins Gedächtnis rief, dass er ein gutes Gewehr hatte, und er war eindeutig gebildet, denn seine Handschrift war ordentlich. Doch was konnte den seltsamen schottischen Indianer bewogen haben, sich so für ihn zu interessieren?

Verwundert griff er nach dem kleineren Bündel und band die Kordel los. Es stellte sich heraus, dass es die Klaue eines großen Bären enthielt, die mit einem Loch versehen war und an einem Lederbändchen hing. Sie war schon alt; die Kanten waren glatt poliert, und der Lederknoten war so fest geworden, dass er sich eindeutig nie wieder öffnen lassen würde.

Er strich mit dem Daumen über die Klaue und probierte aus, wie spitz sie noch war. Nun, bis jetzt hatte ihm der Bärengeist gute Dienste erwiesen. Er lächelte vor sich hin, zog sich das Lederbändchen über den Kopf und ließ die Klaue außen auf seinem Hemd hängen. Rachel Hunter starrte ihn mit unergründlicher Miene an.

»Ihr habt meinen Brief gelesen, Ms Hunter«, sagte William tadelnd. »Das war sehr unerzogen von Euch!«

Ihre Wangen wurden noch röter, doch sie sah ihn so direkt an, wie er es von einer Frau nicht gewohnt war – mit Ausnahme seiner Großmutter väterlicherseits.

»Deine Ausdrucksweise ist deiner Kleidung weit überlegen, Freund William – selbst wenn diese neu wäre. Und du bist zwar schon seit einigen Tagen wieder bei Verstand, doch du hast uns nicht gesagt, was dich in den Great Dismal geführt hat. Der Sumpf ist kein Ort für feine Herren.«

»O doch, das ist er, Ms Hunter. Viele Herren meiner Bekanntschaft gehen dort auf die Jagd, weil diese unübertroffen ist. Doch Wildschweine oder Pumas jagt man nicht im Sonntagsstaat.«

»Genauso wenig, wie man sie nur mit einer Bratpfanne bewaffnet jagt, Freund William«, gab sie zurück. »Und wenn du tatsächlich ein feiner Herr bist – wo, bitte, bist du dann zu Hause?«