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Er stockte einen Moment und versuchte, sich an die Details seines Alter Ego zu erinnern, entschied sich dann aber für die erstbeste Stadt, die ihm in den Sinn kam.

»Äh – Savannah. South Carolina«, fügte er hilfsbereit hinzu.

»Ich weiß, wo das ist«, schnappte sie. »Und ich weiß auch, wie die Menschen dort sprechen. Du bist keiner von ihnen.«

»Wollt Ihr mich etwa einen Lügner nennen?«, sagte er erstaunt.

»Ja.«

»Oh.« Sie saßen im Zwielicht des heraufziehenden Sturms in der Küche und blitzten einander kalkulierend an. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, mit seiner Großmutter Benedicta Schach zu spielen.

»Ich bedaure, dass ich deinen Brief gelesen habe«, sagte sie abrupt. »Ich versichere dir, dass es keine vulgäre Neugier war.«

»Was denn dann?« Er lächelte ein wenig, um ihr anzuzeigen, dass er ihr die Indiskretion nicht übel nahm. Sie erwiderte das Lächeln nicht, sondern fixierte ihn scharf – nicht argwöhnisch, aber doch irgendwie abwägend. Schließlich jedoch seufzte sie, und ihre Schultern sanken in sich zusammen.

»Ich wollte nur ein wenig über dich und deinen Charakter erfahren. Deine Kameraden, die dich zu uns gebracht haben, erscheinen mir gefährlich. Und dein Vetter? Wenn du also einer von ihnen bist –« Ihre Zähne bohrten sich kurz in ihre Oberlippe, doch sie schüttelte den Kopf und fuhr dann mit neuer Entschlossenheit fort.

»Wir müssen in den nächsten Tagen von hier fort – mein Bruder und ich. Du hast Denny gesagt, dass du nach Norden reist; ich möchte, dass wir dich begleiten, zumindest für eine Weile.«

Was immer er erwartet hatte, das war es jedenfalls nicht. Er blinzelte und sprach den erstbesten Gedanken aus, der ihm in den Sinn kam.

»Fort von hier? Warum denn? Die … äh … die Nachbarn?«

Ihre Miene war überrascht.

»Was?«

»Verzeihung, Ma’am. Euer Bruder schien mir anzudeuten, dass das Verhältnis zwischen Eurer Familie und den Menschen, die in der Nähe leben, ein wenig getrübt ist?«

»Oh.« Ihr Mundwinkel verzog sich; er konnte nicht sagen, ob dies von Bestürzung kündete oder von Belustigung – vermutete aber sehr, dass es Letzteres war.

»Ich verstehe«, sagte sie und trommelte nachdenklich mit den Fingern auf den Tisch. »Ja, das stimmt, obwohl es nicht das ist, was ich – nun, es hat nichts damit zu tun. Ich sehe schon, dass ich dir alles erzählen muss. Was weißt du über die Gesellschaft der Freunde?«

Er kannte nur eine einzige Quäkerfamilie, die Unwins. Mr Unwin war ein reicher Kaufmann, der mit seinem Vater bekannt war, und er hatte seine beiden Töchter einmal bei einem Hauskonzert kennengelernt, doch sie hatten sich nicht über Philosophie oder Religion unterhalten.

»Sie – äh, Ihr – meidet den Konflikt, glaube ich?«, antwortete er vorsichtig.

»Gewalt«, korrigierte sie. »Konflikt ist unser Lebenselixier, solange er verbal ist. Und angesichts der Form unserer Gottesdienste … Also Denny sagt, du bist kein Papist, doch ich gehe davon aus, dass du noch nie eine Zusammenkunft der Quäker besucht hast?«

»Die Gelegenheit hat sich noch nicht ergeben, nein.«

»Das dachte ich mir. Nun denn.« Sie betrachtete ihn nachdenklich. »Wir haben Prediger, die bei der Zusammenkunft sprechen – doch es darf jeder dort sprechen, über jedes Thema, wenn der Geist ihn oder sie anrührt.«

»Sie? Auch die Frauen sprechen in der Öffentlichkeit?«

Sie bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick.

»Ich habe doch genauso eine Zunge wie du.«

»Das ist mir bereits aufgefallen«, sagte er und lächelte sie an. »Bitte fahrt fort.«

Sie beugte sich dazu ein wenig vor, wurde aber durch das Krachen eines Fensterladens unterbrochen, der vor die Hauswand prallte, und dann prasselte der Regen gegen das Fenster.

»Ich muss die Hühner hereinholen! Schließ die Fensterläden«, trug sie ihm auf und huschte ins Freie.

Verblüfft, aber belustigt leistete er ihr mit langsamen Bewegungen Folge. Als er die Treppe hinaufstieg, um die Läden im oberen Stock zu schließen, wurde ihm wieder schwindelig, und er blieb auf der Schwelle des Schlafzimmers stehen und hielt sich am Türpfosten fest, bis er das Gleichgewicht wiederfand. Oben befanden sich zwei Zimmer: das Schlafzimmer an der Vorderseite des Hauses, wo sie ihn untergebracht hatten, und ein kleineres Zimmer an der Rückseite. Dieses teilten sich die Hunters nun; es gab ein Rollbett, einen Waschtisch mit einem silbernen Kerzenständer und nicht viel mehr außer einer Reihe von Haken, an denen das Sonntagshemd und die Hose des Arztes hingen, ein wollenes Schultertuch und ein Kleid, das Rachel Hunter wohl zu den Zusammenkünften trug, ein nüchtern aussehendes Gewand, das mit Indigo gefärbt war.

Jetzt, da die Fensterläden den Lärm von Wind und Regen dämpften, erschien ihm das halbdunkle Zimmer still, ein sicherer Hafen im Sturm. Sein Herz schlug nach der Anstrengung des Treppensteigens wieder langsamer, und er blieb einen Moment stehen und genoss das etwas verbotene Gefühl, ein Eindringling zu sein. Von unten kam kein Geräusch; Rachel verfolgte wohl noch die Hühner.

Das Zimmer hatte etwas Merkwürdiges an sich, und er begriff schnell, was es war. Die Schäbigkeit und Schlichtheit der persönlichen Besitztümer der Hunters zeugten von Armut – und doch stand dies im Widerspruch zu den kleinen Anzeichen von Wohlstand: Der Kerzenhalter war aus Silber, nicht aus Blech oder Zinn, und Waschkrug und Schüssel bestanden nicht aus Keramik, sondern aus gutem Porzellan, das mit blauen Chrysanthemen verziert war.

Er hob den Rock des blauen Kleides an der Wand und betrachtete es neugierig. Bescheidenheit war eine Sache; Fadenscheinigkeit war eine andere. Der Saum war beinahe weiß gewaschen, die Indigofarbe ausgeblichen, sodass die Rockfalten ein fächerförmiges Muster aus Hell und Dunkel aufwiesen. Die Damen Unwin hatten sich zwar unauffällig gekleidet, doch ihre Kleider waren von feinster Qualität gewesen.

Einem plötzlichen Impuls folgend, hielt er sich den Stoff an das Gesicht und atmete ein. Er roch immer noch schwach nach Indigo, nach Gras und Pflanzen – und deutlich nach dem Körper einer Frau. Moschusgeruch durchfuhr ihn wie der Genuss eines guten Weins.

Beim Geräusch der Tür, die sich unten schloss, ließ er das Kleid fallen, als stünde es plötzlich in Flammen, und er stürzte hämmernden Herzens auf die Treppe zu.

Rachel Hunter schüttelte sich vor dem Herd. Wassertropfen flogen von ihrer Schürze, und die Haube klebte nass und zusammengefallen auf ihrem Kopf. Ohne ihn zu sehen, zog sie sie ab, wrang sie mit einem Laut der Ungeduld aus und hängte sie an einen Nagel, der in den Kamin geschlagen war.

Das Haar fiel ihr über den Rücken, die Spitzen nass und glänzend, dunkel auf dem hellen Tuch ihrer Jacke.

»Ich hoffe, die Hühner sind alle in Sicherheit?«, sagte er, weil es ihm plötzlich wie eine unverantwortliche Intimität vorkam, sie mit ihrem offenen Haar zu beobachten, ohne dass sie sich dessen bewusst war, und dabei ihren Duft noch deutlich in der Nase zu haben.

Sie wandte sich um, und ihr Blick war argwöhnisch, doch sie machte keine Anstalten, ihr Haar wieder zu bedecken.

»Alle bis auf das eine, das mein Bruder die Hure von Babylon nennt. Es gibt ohnehin kein Huhn, das man als intelligent bezeichnen könnte, doch dieses Tier ist ungewöhnlich pervers.«

»Pervers?« Offensichtlich begriff sie, dass er über die Möglichkeiten nachdachte, die diese Beschreibung mit sich brachte, und sie amüsant fand, denn sie prustete durch die Nase und bückte sich, um die Wäschetruhe zu öffnen.

»Es sitzt mitten im Gewitter in sieben Metern Höhe auf einer Kiefer. Pervers.« Sie holte ein Leinenhandtuch hervor und begann, sich das Haar damit abzutrocknen.

Der Klang des Regens veränderte sich unvermittelt, und Hagelkörner prasselten wie Kieselsteine gegen die Fensterläden.

»Hmmpf«, sagte Rachel und warf einen finsteren Blick zum Fenster. »Ich gehe davon aus, dass es vom Hagel bewusstlos geschlagen und vom nächstbesten Fuchs gefressen wird, doch es geschieht ihm recht.« Sie fuhr fort, sich die Haare zu trocknen. »Nicht schlimm. Ich bin froh, wenn ich diese Hühner nie wieder sehen muss.«