Sie merkte, dass er immer noch stand, setzte sich hin und wies ihm den anderen Hocker zu.
»Ihr habt gesagt, Ihr wollt dieses Haus verlassen und nach Norden reisen, Euer Bruder und Ihr«, sagte er zu ihr und setzte sich. »Dann werden Euch die Hühner also nicht auf dieser Reise begleiten?«
»Nein, der Herr sei gepriesen. Sie sind bereits verkauft, genau wie das Haus.« Sie legte das zerknitterte Handtuch beiseite, fasste in ihre Tasche und holte einen kleinen Hornkamm hervor. »Ich habe gesagt, ich würde dir erzählen, warum.«
»Ich glaube, wir waren so weit gekommen, dass es etwas mit Eurer Zusammenkunft zu tun hat?«
Sie atmete tief durch die Nase und nickte.
»Ich habe gesagt, dass eine Person bei der Zusammenkunft das Wort ergreift, wenn der Geist sie anrührt. Nun, der Geist hat meinen Bruder angerührt … So ist es gekommen, dass wir Philadelphia verlassen haben.«
Eine Zusammenkunft konnte überall dort entstehen, so erklärte sie, wo sich genügend gleichgesinnte Freunde einfanden. Doch zusätzlich zu diesen kleinen, örtlichen Zusammenkünften gab es größere Veranstaltungen, die Vierteljährlichen und Jährlichen Zusammenkünfte, bei denen man über gewichtige Prinzipien diskutierte und Entscheidungen über die Quäkergemeinschaft im Allgemeinen traf.
»Die Jährliche Zusammenkunft von Philadelphia ist die größte und bedeutendste«, sagte sie. »Du hast recht: Die Freunde verabscheuen die Gewalt und trachten danach, ihr entweder aus dem Weg zu gehen oder ihr ein Ende zu setzen. Und so hat die Zusammenkunft von Philadelphia über die Rebellion nachgedacht und gebetet und ist zu dem Ratschluss gekommen, dass der Pfad der Weisheit und des Friedens eindeutig in der Versöhnung mit dem Mutterland liegt.«
»Ist das so.« Das stieß auf Williams Interesse. »Ihr wollt also sagen, dass alle Quäker in den Kolonien jetzt Loyalisten sind?«
Ihre Lippen pressten sich kurz zusammen.
»So lautet der Rat der Jährlichen Zusammenkunft. Doch wie ich schon sagte, werden die Freunde durch den Geist geleitet, und man muss tun, wozu man angeleitet wird.«
»Und Euer Bruder wurde geleitet, sich für die Rebellion auszusprechen?« Trotz seines Argwohns war William belustigt; Dr. Hunter kam ihm ganz und gar nicht wie ein Unruhestifter vor.
Sie neigte den Kopf, nicht ganz ein Nicken.
»Für die Unabhängigkeit«, verbesserte sie.
»Die Logik dieser Unterscheidung muss doch irgendwo einen Fehler haben«, wandte William ein und zog eine Augenbraue hoch. »Wie soll man denn die Unabhängigkeit erlangen, ohne Gewalt anzuwenden?«
»Wenn du glaubst, dass der Geist Gottes notwendigerweise logisch verfährt, kennst du ihn besser als ich.« Sie fuhr sich mit der Hand durch das feuchte Haar und warf es sich ungeduldig über die Schultern.
»Denny hat gesagt, ihm sei klar geworden, dass die Freiheit, sei es eines Individuums oder eines Landes, eine Gabe Gottes ist, und es sei ihm auferlegt worden, sich dem Kampf um ihre Durchsetzung und Erhaltung anzuschließen. Also wurden wir von der Zusammenkunft ausgestoßen«, endete sie abrupt.
Dank der geschlossenen Fensterläden war es dunkel im Zimmer, doch er konnte ihr Gesicht im schwachen Glühen des abgedeckten Herdfeuers sehen. Der letzte Satz hatte sie sehr mitgenommen; ihr Mund war verkniffen, und der Glanz in ihren Augen verriet ihm, dass sie gewiss geweint hätte, wenn sie nicht fest entschlossen gewesen wäre, es nicht zu tun.
»Ich gehe davon aus, dass es eine ernste Sache ist, von der Zusammenkunft ausgestoßen zu werden?«, fragte er vorsichtig.
Sie nickte, ohne ihn anzusehen. Sie ergriff das feuchte Handtuch, glättete es langsam und faltete es zusammen, während sie sich ihre nächsten Worte zurechtlegte.
»Ich habe dir ja gesagt, dass meine Mutter bei meiner Geburt gestorben ist. Mein Vater ist drei Jahre später gestorben – bei Hochwasser ertrunken. Wir standen vor dem Nichts, mein Bruder und ich. Doch die örtliche Zusammenkunft hat dafür gesorgt, dass wir nicht hungern mussten und dass wir ein Dach über dem Kopf hatten – auch wenn es Löcher hatte. Dann kam in der Zusammenkunft die Frage auf, wo Denny in die Lehre gehen sollte. Ich weiß, dass er schon Angst hatte, er müsste Viehtreiber oder Schuster werden – das Zeug zum Schmied hat er ja nicht«, fügte sie hinzu und musste trotz ihres Ernstes lächeln. »Er hätte es trotzdem getan – um mich zu ernähren.«
Doch dann hatten sie eine Glückssträhne erwischt. Einer der Freunde hatte es auf sich genommen, eventuelle Verwandte der Hunter-Waisen ausfindig zu machen, und nach regem Briefverkehr hatte er einen entfernten Vetter der beiden gefunden, der ursprünglich aus Schottland stammte, inzwischen aber in London lebte.
»John Hunter, gesegnet sei sein Name. Er ist ein berühmter Arzt, er und sein älterer Bruder, der der Geburtshelfer der Königin persönlich ist.« Trotz ihrer egalitären Prinzipien sah Ms Hunter beeindruckt aus, und William nickte respektvoll. »Er hat sich nach Dennys Fähigkeiten erkundigt, und als man ihm nur Gutes berichtete, hat er dafür gesorgt, dass Denny nach Philadelphia ziehen konnte, wo er bei einer Quäkerfamilie untergekommen ist und die neue medizinische Akademie besuchen konnte. Und dann ist John sogar so weit gegangen, Denny zu sich nach London zu holen und ihn bei sich selbst studieren zu lassen!«
»Das war wirklich großes Glück«, bestätigte William. »Aber was war denn mit Euch?«
»Oh. Ich – wurde von einer Frau im Dorf aufgenommen«, sagte sie, hastig um Beiläufigkeit bemüht, was ihn jedoch nicht täuschen konnte. »Aber dann ist Denzell zurückgekommen, und natürlich bin ich zu ihm gezogen, um ihm den Haushalt zu führen, bis er einmal heiratet.«
Sie knetete das Handtuch mit den Fingern und hatte den Blick auf ihren Schoß gesenkt. In ihrem Haar schimmerten dort, wo sich das Feuer darin spiegelte, kleine Lichter auf, ein Hauch von Bronze in den dunkelbraunen Locken.
»Die Frau – sie war eine gute Seele. Sie hat darauf geachtet, dass ich lerne, einen Haushalt zu führen, zu kochen, zu nähen. Dass ich … lerne, was eine Frau wissen muss.« Sie blickte ihn mit dieser seltsamen Direktheit an, und ihr Gesichtsausdruck war nüchtern.
»Ich glaube, du kannst nicht verstehen«, sagte sie, »was es bedeutet, von der Zusammenkunft ausgestoßen zu werden.«
»Etwas Ähnliches, wie wenn man unter Trommelsalven aus dem Regiment geworfen wird, nehme ich an. Peinlich und schmerzhaft.«
Sie kniff die Augen zusammen, doch der Ton seiner Worte war ernst gewesen, und das begriff sie.
»Eine Zusammenkunft von Freunden ist nicht nur eine gemeinsame Andacht. Es ist … eine Gemeinschaft der Gedanken, der Herzen. So etwas wie eine erweiterte Familie.«
Und für eine junge Frau, die ihrer eigenen Familie beraubt worden war?
»Also bedeutet, ausgestoßen zu werden … Ja, ich verstehe«, sagte er leise.
Eine Weile herrschte Stille im Zimmer, die nur vom Geräusch des Regens unterbrochen wurde. Er glaubte, irgendwo in der Ferne einen Hahn krähen zu hören.
»Deine Mutter ist auch tot, hast du gesagt.« Rachel sah ihn an, und der Blick ihrer dunklen Augen war sanft. »Lebt dein Vater noch?«
»Ihr werdet mich jetzt für übertrieben dramatisch halten«, sagte er. »Doch es ist die Wahrheit – mein Vater ist ebenfalls am Tag meiner Geburt gestorben.«
Sie kniff die Augen zusammen.
»Wirklich. Er war gute fünfzig Jahre älter als meine Mutter. Als er hörte, dass sie bei der Geburt gestorben war, hat er einen Schlaganfall erlitten und ist auf der Stelle gestorben.« Er ärgerte sich; eigentlich stotterte er nur noch selten. Doch sie hatte es nicht bemerkt.
»Dann bist du also auch verwaist. Das tut mir leid für dich«, sagte sie leise.
Er zuckte verlegen mit den Achseln.
»Nun ja. Ich habe meine Eltern ja beide nicht gekannt. Und eigentlich hatte ich Eltern. Die Schwester meiner Mutter ist in jeder Hinsicht meine Mutter gewesen – sie ist inzwischen ebenfalls tot –, und ihr Mann … Ich habe in ihm stets meinen Vater gesehen, selbst wenn er nicht mit mir verwandt ist.« Ihm kam der Gedanke, dass er sich hier auf gefährlichem Terrain bewegte und viel zu viel über sich selbst redete. Er räusperte sich und versuchte, das Gespräch wieder auf weniger persönliche Dinge zu bringen.