»Euer Bruder. Wie hat er denn vor, seine … äh … Eingebung in die Tat umzusetzen?«
Sie seufzte.
»Dieses Haus – es hat einem Vetter unserer Mutter gehört. Er war Witwer und hatte keine Kinder. Er hatte Denzell das Haus in seinem Testament überlassen, aber als er gehört hat, dass man uns ausgestoßen hatte, hat er uns geschrieben, dass er sein Testament ändern würde. Doch wie es der Zufall wollte, ist er schwer krank geworden und gestorben, bevor er dies tun konnte. All seine Nachbarn wussten jedoch natürlich – von Denny – und deshalb …«
»Ich verstehe.« Gott mochte vielleicht nicht logisch vorgehen, doch William hatte den Eindruck, dass er sich ganz besonders für Denzell Hunter interessierte. Er vermutete allerdings, dass es unhöflich sein würde, dies anzumerken, und so stellte er eine andere Frage.
»Ihr sagt, das Haus ist verkauft. Also hat Euer Bruder –«
»Er ist in der Stadt, um im Gerichtsgebäude die Papiere zu unterzeichnen und dafür zu sorgen, dass die Ziegen, Schweine und Hühner versorgt sind. Sobald das erledigt ist, gehen wir.« Sie schluckte sichtlich. »Denny hat vor, sich der Kontinentalarmee als Arzt anzuschließen.«
»Und Ihr werdet mit ihm gehen? Im Tross?« Williams Ton war missbilligend; der Tross bestand aus vielen Soldatenfrauen – oder Konkubinen –, die der Armee im Prinzip gemeinsam mit ihren Männern beitraten. Er hatte noch nicht viel mit dem Tross zu tun gehabt, weil es auf dem Feldzug in Long Island keinen gegeben hatte – doch er hatte seinen Vater hin und wieder von solchen Frauen sprechen hören, meistens mitleidig. Es war kein Leben für eine Frau, die etwas auf sich hielt.
Sie hob das Kinn, als sie seinen Ton hörte.
»Gewiss.«
Auf dem Tisch lag eine lange Holznadel; sie musste sie aus ihrem Haar gezogen haben, als sie die Haube absetzte. Jetzt drehte sie ihr feuchtes Haar zu einem Knoten zusammen und stieß die Nadel entschlossen hinein.
»Also«, sagte sie. »Wirst du uns begleiten? Nur so weit, wie es für dich vertretbar ist«, fügte sie hastig hinzu.
Er hatte schon die ganze Zeit darüber nachgedacht, während sie sich unterhielten. Natürlich würde eine solche Abmachung für die Hunters von Vorteil sein – eine größere Gruppe war unterwegs stets weniger gefährdet, und William erschien es offensichtlich, dass der Arzt trotz seiner göttlichen Eingebung nicht der geborene Kämpfer war. Auch für ihn, dachte er, würde es Vorteile haben. Die Hunters kannten sich in der Gegend aus, er dagegen nicht, und ein Mann, der mit einer Gruppe unterwegs war, war – vor allem, wenn dieser Gruppe eine Frau angehörte – sehr viel weniger auffällig und verdächtig als ein Mann allein.
Plötzlich dämmerte ihm, dass ihm Hunters Vorhaben, sich der Kontinentalarmee anzuschließen, vielleicht die Gelegenheit verschaffen würde, sich Washingtons Truppen so weit zu nähern, dass er etwas Brauchbares in Erfahrung bringen konnte – etwas, das möglicherweise den Verlust seines Büchleins mit den Namen wieder wettmachen würde.
»Ja, gewiss«, sagte er und lächelte Ms Hunter an. »Ein vorzüglicher Vorschlag!«
Ein Blitz hieb plötzlich durch die Schlitze der Fensterläden, und beinahe im selben Moment donnerte es über ihnen. Vor Schreck fuhren sie beide heftig zusammen.
William schluckte, und seine Ohren summten. Der scharfe Geruch des Blitzes versengte die Luft.
»Ich hoffe«, sagte er, »das war ein Zeichen der Zustimmung.«
Sie lachte nicht.
Kapitel 40
Der Segen der heiligen Bride und des heiligen Michael
Bei den Mohawk trug er den Namen Thayendanegea – Zwei Wetten. Für die Engländer war er Joseph Brant. Ian hatte schon viel von dem Mann gehört, als er noch bei den Mohawk lebte, unter beiden Namen, und er hatte sich schon mehr als einmal gefragt, wie sich Thayendanegea auf dem trügerischen Gelände zwischen den beiden Welten zurechtfand. War es wie die Brücke?, dachte er plötzlich. Die schmale Brücke zwischen dieser Welt und der nächsten, die von fliegenden Köpfen mit scharfen Zähnen attackiert wurde? Irgendwann würde er gern einmal mit Joseph Brant an einem Lagerfeuer sitzen und ihn fragen.
Jetzt war er zwar zu Brants Haus unterwegs – aber nicht, um mit Brant zu sprechen. Glutton hatte ihm gesagt, Sun Elk hätte Snaketown verlassen, um sich Brant anzuschließen, und seine Frau hätte ihn begleitet.
»Sie sind in Unadilla«, hatte Glutton gesagt. »Wahrscheinlich sind sie noch dort. Thayendanegea kämpft nämlich auf der Seite der Engländer. Er verhandelt dort oben mit den Loyalisten und versucht, sie zu überreden, sich ihm und seinen Männern anzuschließen. ›Brants Freiwillige‹ nennt er sie.« Sein Tonfall war beiläufig; Glutton interessierte sich nicht für Politik, auch wenn er hin und wieder mitkämpfte, wenn ihm danach zumute war.
»Ach ja?«, sagte Ian ebenso beiläufig. »Nun denn.«
Er wusste nicht genau, wo Unadilla lag, nur, dass es irgendwo in der Kolonie New York war, doch das war kein großes Problem. Er brach am nächsten Tag in der Morgendämmerung auf und hielt sich nach Norden.
Die meiste Zeit waren der Hund und seine Gedanken seine einzige Gesellschaft. Einmal jedoch traf er auf ein Sommerlager der Mohawk, und dort hieß man ihn willkommen.
Er saß mit den Männern zusammen und redete. Nach einer Weile brachte ihm eine junge Frau eine Schale mit Eintopf, und er aß ihn, obwohl er kaum wahrnahm, was er enthielt, auch wenn sein Bauch für die Wärme dankbar zu sein schien und sich entkrampfte.
Er konnte nicht sagen, was seinen Blick ablenkte, doch als er aus der Runde der Männer aufblickte, sah er die junge Frau, die ihm das Essen gebracht hatte, just außerhalb des Feuerscheins im Schatten sitzen. Sie beobachtete ihn und lächelte kaum merklich.
Er kaute langsamer, denn der Eintopf war auf einmal ein Genuss. Bärenfleisch, aus dem das Fett triefte. Mais und Bohnen, gewürzt mit Zwiebeln und Knoblauch. Köstlich. Sie legte den Kopf zur Seite und zog eine ihrer eleganten dunklen Augenbrauen hoch. Dann erhob sie sich, als würde sie von ihrer eigenen Frage in die Höhe gezogen.
Ian stellte sein Schüsselchen ab und rülpste höflich, dann stand er auf und verließ die Runde, ohne die vielsagenden Blicke der Männer zu beachten, mit denen er gemeinsam gegessen hatte.
Sie wartete, ein verschwommener Umriss im Schatten einer Birke. Sie redeten – er spürte, wie sein Mund Worte formte, spürte das Kitzeln ihrer Sätze in den Ohren, doch er bekam kaum mit, was sie sagten. Er hielt die Glut seiner Wut wie eine heiße Kohle in der Handfläche, ein rauchender Funke in seinem Herzen. Er sah die Frau weder als Wasser auf sein Brennen, noch war ihm danach, sie zu entflammen. Flammen brannten hinter seinen Augen, und er raste blindlings wie das Feuer, das jeden Brennstoff verzehrt und stirbt, wenn es keinen mehr gibt.
Er küsste sie. Sie roch nach Essen, gegerbtem Leder und sonnengewärmter Erde. Kein Hauch von Holz, keine Spur von Blut. Sie war groß; er spürte den sanften Druck ihrer Brüste, ließ die Hände auf die Rundung ihrer Hüfte sinken.
Sie bewegte sich an seinem Körper, handfest, willig. Wich zurück, sodass die kühle Luft seine Haut berührte, wo sie gerade noch gewesen war, und nahm ihn bei der Hand, um ihn zu ihrem Langhaus zu führen. Niemand sah sie an, als sie ihn in ihr Bett holte und sich im warmen Halbdunkel nackt zu ihm umwandte.
Er hatte gedacht, es wäre besser, wenn er ihr Gesicht nicht sehen könnte. Anonym, rasch, vielleicht sogar ein bisschen schön für sie. Vergessen für ihn. Zumindest für die wenigen Momente, in denen er sich verlor.