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Doch in der Dunkelheit war sie Emily, und er floh beschämt und wütend aus ihrem Bett und ließ Erstaunen zurück.

Die nächsten zwölf Tage wanderte er, den Hund an seiner Seite, und sprach mit niemandem.

Thayendanegeas Haus stand etwas abseits auf einem großen Grundstück, jedoch nah genug am Dorf, um noch dazuzugehören. Es war ein Dorf wie jedes andere, außer dass viele der Häuser zwei oder drei Mühlsteine vor der Tür liegen hatten; jede Frau mahlte das Mehl für ihre Familie selbst, statt es zu einer Mühle zu bringen.

Die Straße war voller Hunde, die im Schatten der Wagen und Mauern dösten. Jeder Einzelne von ihnen setzte sich erschrocken auf, als Rollo in Riechweite kam. Einige knurrten oder bellten, doch keiner forderte ihn zum Kampf heraus.

Mit den Männern verhielt es sich da schon anders. Mehrere Männer standen über einen Zaun gebeugt und beobachteten einen anderen mit einem Pferd auf einer Wiese. Sie fixierten ihn alle, halb neugierig, halb argwöhnisch. Die meisten von ihnen kannte er nicht. Einer jedoch war ein Mann namens Eats Turtles, den er aus Snaketown kannte. Ein anderer war Sun Elk.

Sun Elk blinzelte ihn an, nicht minder erschrocken als die Hunde, dann trat er auf die Straße, um sich ihm in den Weg zu stellen.

»Was tust du hier?«

Im ersten Moment dachte er daran, die Wahrheit zu sagen – doch diese ließ sich nicht so schnell erklären, wenn überhaupt, und gewiss nicht vor Fremden.

»Das geht dich nichts an«, antwortete er ruhig.

Sun Elk hatte ihn auf Mohawk angesprochen, und er hatte ihm in derselben Sprache geantwortet. Er sah, wie allenthalben die Augenbrauen in die Höhe fuhren, und Eats Turtles begrüßte ihn, vielleicht in der Hoffnung, jeden Sturm im Keim zu ersticken, indem er allen zeigte, dass auch Ian ein Kahnyen’kehaka war. Er erwiderte Eats Turtles’ Gruß, und die anderen fielen ein wenig zurück, verwundert – und neugierig –, aber nicht feindselig.

Sun Elk dagegen … Nun, Ian hatte schließlich auch nicht erwartet, dass ihm der Mann um den Hals fallen würde. Er hatte gehofft – insofern, als er überhaupt einen Gedanken an Sun Elk verschwendet hatte –, dass er gar nicht da sein würde. Doch hier war er nun, und Ian lächelte ironisch vor sich hin und dachte an die alte Großmutter Wilson, die ihren Schwiegersohn Hiram einmal mit den Worten beschrieben hatte, er sähe aus, als würde er nicht einmal einem Bären aus dem Weg gehen.

Es war eine passende Beschreibung, und Sun Elks Laune besserte sich weder durch Ians Antwort noch durch das Lächeln.

»Was willst du?«, wollte Sun Elk wissen.

»Nichts, was dir gehört«, erwiderte Ian so gelassen wie möglich.

Sun Elk kniff die Augen zusammen, aber bevor er noch etwas sagen konnte, mischte sich Eats Turtles ein und lud Ian in sein Haus ein, um dort zu essen und zu trinken.

Er sollte es tun. Es war unhöflich abzulehnen. Doch der Drang, der ihn dreihundert Meilen durch die Wildnis geführt hatte, kannte keine zivilen Umgangsformen. Und er duldete keinen Aufschub.

Außerdem, dachte er, während er sich bereit machte, hatte er gewusst, dass es dazu kommen würde. Sinnlos, es hinauszuzögern.

»Ich möchte die sprechen, die einmal meine Frau gewesen ist«, sagte er. »Wo ist sie?«

Bei diesen Worten blinzelten mehrere der Männer neugierig oder verblüfft – doch er sah, wie Eats Turtles’ Blick zum Tor des großen Hauses am Ende der Straße huschte.

Sun Elk, das musste man ihm lassen, richtete sich zu voller Größe auf und stellte sich noch breitbeiniger auf die Straße, sodass er aussah, als sei er bereit, es nötigenfalls auch mit zwei Bären aufzunehmen. Rollo gefiel das gar nicht, und er verzog das Maul zu einem Knurren, das einen oder zwei der Männer abrupt zurückweichen ließ. Sun Elk, der besser als die meisten von ihnen wusste, wozu Rollo imstande war, wich keinen Zoll zurück.

»Hast du vor, deinen Dämon auf mich zu hetzen?«, fragte er.

»Natürlich nicht. Sheas, a cù«, sagte er leise zu Rollo. Der Hund hielt noch einen Moment die Stellung – lange genug, um anzuzeigen, dass die Idee von ihm stammte –, dann wandte er sich ab und legte sich hin, obwohl er unablässig weiterknurrte wie Donner in der Ferne.

»Ich bin nicht hier, um sie dir wegzunehmen«, sagte Ian zu Sun Elk. Er hatte sich zwar versöhnlich geben wollen, war aber nicht ernsthaft davon ausgegangen, dass es funktionieren würde, und das tat es auch nicht.

»Und du glaubst, das könntest du?«

»Wenn ich es gar nicht will, spielt es dann eine Rolle?«, sagte Ian gereizt auf Englisch.

»Sie würde nicht mit dir gehen, selbst wenn du mich umbringen würdest!«

»Wie oft muss ich denn noch sagen, dass ich sie dir nicht wegnehmen will?«

Eine Minute lang starrte ihn Sun Elk mit pechschwarzen Augen an.

»Bis dein Gesicht dasselbe sagt«, flüsterte er und ballte die Fäuste.

Neugieriges Gemurmel erhob sich aus der Gruppe der Männer, doch sie wichen unmerklich zurück. Sie würden sich nicht in einen Streit um eine Frau einmischen. Das war ein Segen, dachte Ian vage, ohne den Blick von Sun Elks Händen abzuwenden. Der Mann war Rechtshänder, das wusste er. Er hatte ein Messer im Gürtel stecken, doch seine Hand befand sich nicht in der Nähe der Waffe.

Ian breitete friedfertig die Hände aus.

»Ich möchte nur mit ihr sprechen.«

»Warum?«, bellte Sun Elk. Er war Ian so nah, dass dieser seinen Speichel im Gesicht spürte, doch er wischte ihn nicht fort. Er wich jedoch auch nicht zurück, und er ließ die Hände sinken.

»Das ist eine Sache zwischen mir und ihr«, sagte er leise. »Ich gehe davon aus, dass sie es dir später erzählen wird.« Dieser Gedanke versetzte ihm einen Stich. Sun Elk schien dieser Satz jedoch nicht zu überzeugen, denn er versetzte Ian ohne Vorwarnung einen Hieb auf die Nase.

Es knirschte bis in seinen Oberkiefer, und Sun Elks andere Faust traf seine Wange. Er schüttelte den Kopf, um wieder klar sehen zu können, sah mit tränenden Augen eine verschwommene Bewegung und versetzte Sun Elk – eher mit Glück als mit Absicht – einen ordentlichen Tritt in den Schritt.

Schwer atmend stand er da, und sein Blut tropfte auf die Straße. Sechs Augenpaare wanderten von ihm zu Sun Elk, der zusammengekrümmt im Staub lag und leise, verzweifelte Laute ausstieß. Rollo stand auf, spazierte zu dem Gestürzten hinüber und beschnüffelte ihn neugierig. Sämtliche Augen richteten sich wieder auf Ian.

Er vollführte eine kleine Handbewegung, die Rollo an seine Seite holte, und begann, auf Brants Haus zuzuschreiten. Sechs Augenpaare waren auf seinen Rücken geheftet.

Als sich die Tür öffnete, gaffte ihm die junge Weiße, die dort stand, mit offenem Mund entgegen, die Augen so rund wie Pennystücke. Er war gerade dabei gewesen, sich die blutige Nase mit dem Hemdschoß abzuwischen. Er rieb sich sauber und neigte höflich den Kopf.

»Würdet Ihr so gut sein und Wakyo’teyehsnonsha fragen, ob sie bitte mit Ian Murray sprechen könnte?«

Die junge Frau blinzelte zweimal. Dann nickte sie und ließ die Tür zuschwingen – und hielt auf halbem Weg inne, um ihn noch einmal zu betrachten und sich zu vergewissern, dass sie ihn tatsächlich gesehen hatte.

Mit einem merkwürdigen Gefühl trat er in den Garten hinunter. Es war ein echter englischer Ziergarten mit Rosenbüschen und Lavendel und gepflasterten Wegen. Der Duft des Gartens erinnerte ihn an Tante Claire, und er fragte sich flüchtig, ob Thayendanegea wohl einen englischen Gärtner aus London mitgebracht hatte.