Ein Stück weiter arbeiteten zwei Frauen im Garten; eine von ihnen war weiß, der Farbe der Haare unter ihrer Haube nach. Und der Haltung ihrer Schultern nach war sie in den mittleren Jahren – Brants Frau vielleicht?, fragte er sich. War die junge Frau, die an die Tür gekommen war, ihre Tochter? Die andere war Indianerin, und das Haar hing ihr in einem Zopf über den Rücken, doch es hatte weiße Strähnen. Keine der beiden wandte den Kopf, um ihn anzusehen.
Als er hinter sich den Türriegel klicken hörte, wartete er einen Moment, bevor er sich umdrehte, und machte sich darauf gefasst zu erfahren, dass sie nicht hier war – oder schlimmer, dass sie sich weigerte, ihn zu sehen.
Doch sie war dort. Emily. Klein und aufrecht, die Brüste rund im Ausschnitt ihres blauen Kalikokleides, das lange Haar im Nacken zusammengebunden, aber nicht bedeckt. Und ihr Gesicht voller Angst – und voller Eifer. Ihre Augen leuchteten freudig auf, als sie ihn sah, und sie trat einen Schritt auf ihn zu.
Er hätte sie an sich gepresst, wenn sie auf ihn zugekommen wäre, ihn irgendwie dazu eingeladen hätte. Und dann?, fragte er sich dumpf. Doch es spielte keine Rolle mehr. Nach dieser ersten impulsiven Bewegung in seine Richtung blieb sie stehen. Ihre Hände flatterten auf, als wollten sie die Luft zwischen ihnen formen, aber dann falteten sie sich vor ihrem Körper zusammen, verborgen in ihren Rockfalten.
»Wolfsbruder«, sagte sie leise auf Mohawk. »Es wärmt mir das Herz, dich zu sehen.«
»Mir auch«, sagte er in derselben Sprache.
»Bist du hier, um mit Thayendanegea zu sprechen?«, fragte sie und wies mit dem Kopf zurück zum Haus.
»Später vielleicht.« Keiner von ihnen erwähnte seine Nase, obwohl diese so heftig pochte, dass sie wahrscheinlich doppelt so groß war wie sonst, und sein Hemd an der Vorderseite voller Blut war. Er sah sich um; es gab einen Pfad, der vom Haus fortführte, und er wies kopfnickend dort hinüber. »Gehst du ein Stück mit mir?«
Sie zögerte einen Moment. Die Flamme in ihren Augen war zwar nicht erloschen, doch sie brannte jetzt schwächer; es waren auch noch andere Gefühle dort – Vorsicht, ein Hauch von Bestürzung und etwas, das er für Stolz hielt. Es überraschte ihn, dass er dies alles so deutlich sah. Es war, als bestünde sie aus Glas.
»Ich – die Kinder«, entfuhr es ihr, und sie wandte sich halb dem Haus zu.
»Es macht nichts«, sagte er. »Ich wollte nur –« Er hielt inne, weil ihm Blut aus dem Nasenloch lief, und er fuhr sich mit dem Handrücken über die Oberlippe. Er trat die zwei Schritte vor, die noch fehlten, um den Abstand zwischen ihnen auf Armeslänge zu verkürzen, doch er hütete sich sorgsam davor, sie zu berühren.
»Ich wollte dir sagen, dass es mir leidtut«, sagte er formell auf Mohawk. »Dass ich dir keine Kinder schenken konnte. Und dass ich mich freue, dass du sie jetzt hast.«
Eine hübsche, warme Röte stieg ihr in die Wangen, und er sah, wie ihr Stolz die Bestürzung überwand.
»Darf ich sie sehen?«, fragte er und überraschte sich selbst damit genauso sehr wie sie.
Sie wankte einen Moment, machte dann aber kehrt und ging ins Haus. Er setzte sich auf eine Steinmauer und wartete, und sie kam kurz darauf mit einem kleinen Jungen zurück, der etwa fünf Jahre alt war, und einem circa dreijährigen Mädchen mit kurzen Zöpfen, das ihn ernst ansah und an seiner Faust nuckelte.
Ihm war Blut durch die Kehle gelaufen; sie fühlte sich wund an und schmeckte nach Eisen.
Hin und wieder war er unterwegs sorgsam die Erklärung durchgegangen, die ihm Tante Claire gegeben hatte. Nicht weil er vorhatte, Emily davon zu erzählen; es würde keine Bedeutung für sie haben – er verstand es ja selber kaum. Vielleicht einfach nur, um sich für diesen Moment zu wappnen, in dem er sie mit den Kindern zusammen sah, die er ihr nicht geben konnte.
»Nenne es Schicksal«, hatte Claire gesagt und ihn mit ihrem Falkenauge angesehen, das aus großer Höhe sehen kann, so hoch vielleicht, dass das, was aussieht wie Gnadenlosigkeit, in Wirklichkeit Mitgefühl ist. »Oder nenne es Pech. Aber es war nicht deine Schuld. Und auch nicht die ihre.«
»Komm her«, sagte er auf Mohawk und hielt dem kleinen Jungen die Hand entgegen. Der Junge sah seine Mutter an, kam dann aber zu ihm und blickte neugierig zu ihm auf.
»Ich sehe dich in seinem Gesicht«, sagte er leise auf Englisch zu ihr. »Und in seinen Händen«, fügte er auf Mohawk hinzu und ergriff die Hände des Kindes – so erstaunlich klein. Es war wahr: Der Junge hatte ihre Hände, zartknochig und gelenkig; sie rollten sich wie schlafende Mäuse auf seinen Handflächen ein, dann sprangen die Finger auseinander wie Spinnenbeine, und das Kind kicherte. Er lachte ebenfalls, schloss seine Hände blitzschnell um die des Jungen wie ein Bär, der ein Forellenpaar verschlingt. Das Kind kreischte auf, und er ließ los.
»Bist du glücklich?«, fragte er sie.
»Ja«, sagte sie leise. Sie senkte den Blick und wich ihm aus, und er wusste, dass sie ihm zwar aufrichtig antworten, aber nicht sehen wollte, ob ihn ihre Antwort schmerzte. Er legte ihr eine Hand unter das Kinn – ihre Haut war so weich! – und hob ihr Gesicht zu sich empor.
»Bist du glücklich?«, fragte er erneut und lächelte ein wenig dabei.
»Ja«, sagte sie erneut. Doch dann stieß sie einen kleinen Seufzer aus, und auch ihre Hand berührte endlich sein Gesicht, so leicht wie der Flügel einer Motte. »Aber manchmal fehlst du mir, Ian.« Ihre Aussprache war klar und deutlich, doch sein Name klang unsagbar exotisch auf ihrer Zunge – daran hatte sich nichts geändert.
Er hatte einen Kloß im Hals, auch wenn er immer noch schwach lächelte.
»Du hast mich gar nicht gefragt, ob ich glücklich bin«, sagte er und hätte sich selbst treten können.
Sie warf ihm einen raschen Blick zu, so direkt wie eine Messerspitze.
»Ich habe doch Augen«, sagte sie schlicht.
Schweigen senkte sich zwischen sie. Er wandte den Kopf ab, konnte sie aber in seiner Nähe atmen spüren. Voll und sanft. Er spürte, wie sie noch weiter nachgab, sich öffnete. Es war klug von ihr gewesen, nicht mit ihm in den Garten zu gehen. Solange ihr Sohn zu ihren Füßen auf dem Boden spielte, bestand keine Gefahr. Zumindest nicht für sie.
»Hast du vor zu bleiben?«, fragte sie schließlich, und er schüttelte den Kopf.
»Ich fahre nach Schottland«, sagte er.
»Du wirst bei deinem Volk eine Frau finden.« Erleichterung lag in diesen Worten – ebenso wie Bedauern.
»Ist dein Volk denn nicht mehr das meine?«, fragte er, und Heftigkeit flammte in ihm auf. »Sie haben mir das weiße Blut aus dem Körper gewaschen – du warst doch dabei.«
»Ich war dabei.«
Sie betrachtete ihn lange und durchforschte sein Gesicht. Es war mehr als wahrscheinlich, dass sie ihn nie wiedersehen würde; wollte sie ihn sich einprägen, oder suchte sie in seinen Zügen etwas, fragte er sich.
Letzteres. Sie machte abrupt kehrt, hob die Hand, um ihm zu bedeuten, dass er warten sollte, und verschwand im Haus.
Das kleine Mädchen rannte ihr nach, weil ihm der Fremde nicht geheuer war, doch der kleine Junge blieb neugierig bei ihm.
»Bist du Wolfsbruder?«
»Das bin ich, aye? Und du?«
»Sie nennen mich Digger.« Es war einer dieser praktischen Kindernamen, die man benutzte, bis sich der richtige Name der Person irgendwie offenbarte. Ian nickte, und sie betrachteten sich einige Minuten lang interessiert, aber ohne jedes beklommene Gefühl.
»Die Mutter der Mutter meiner Mutter«, sagte Digger dann plötzlich. »Sie hat von dir gesprochen. Zu mir.«
»Ja?«, sagte Ian verblüfft. Das musste Tewaktenyonh sein. Eine weise Frau, die dem Frauenrat in Snaketown vorsaß – und die Person war, die ihn fortgeschickt hatte.
»Lebt Tewaktenyonh denn noch?«, fragte er neugierig.
»O ja. Sie ist älter als die Berge«, antwortete der kleine Junge ernst. »Sie hat nur noch zwei Zähne, aber sie isst noch.«
Ian musste lächeln.
»Gut. Was hat sie dir denn über mich gesagt?«
Der Junge verzog das Gesicht, während er sich die Worte ins Gedächtnis rief.